Chronik | Österreich
16.04.2017

Austro-Türke schrieb Liebesbrief an Österreich

Tuncer Cinkaya fordert von der türkischen Community mehr Eigenverantwortung und Loyalität zur neuen Heimat.

"Du, liebes Österreich, hast mir bis auf ein paar dunkle Wolken nur sonnige Tage und ebenso sonnige Menschen über den Weg laufen lassen", so lautet eine Zeile eines "Liebesbriefs an Österreich", der vergangene Woche vor Hundertausenden Hörern im Ö3-Wecker verlesen wurde. Autor des Briefs ist der gebürtige Türke Tuncer Cinkaya. Der 46-Jährige Mitarbeiter eines Weiterbildungsinstituts in St. Pölten wohnt seit 43 Jahren in Österreich, hat hier eine Familie gegründet und sich vom Tischlerlehrling zum Chef hochgearbeitet. In der aufgeheizten Stimmung fordert er ein Umdenken in der türkischen Community: Weg von Nationalismus und Opferrolle, hin zu Eigenverantwortung und Loyalität zur neuen Heimat.

KURIER: Herr Cinkaya, Warum haben sie diesen " Liebesbrief" geschrieben?

Tuncer Cinkaya: In letzter Zeit hört man ziemlich viel Negatives über die Türkei in der österreichischen Gesellschaft, das war für mich der Anlass. Es hat mich auch gestört, wie sich viele meiner Landsleute hier in Österreich geäußert haben. Ich lebe in Österreich, da müsste man doch mehr Loyalität zeigen. Deshalb war es meine Hauptintention, ein Bekenntnis zu dem Land zu schreiben, zu dem ich mich zugehörig fühle, wo ich den Hauptteil meines Lebens verbringe. Ich fühle mich hier zuhause, da muss ich dahinterstehen, nicht nur als Lippenbekenntnis. Der Brief sollte ein kleines Dankeschön an die Nation und alle Menschen in Österreich sein. Das ist meiner Meinung nach das Mindeste, was ich nach über 40 Jahren diesem Land schuldig bin.

Wofür sind Sie denn dankbar?

Ich bin dankbar, dass ich seit meiner Jugend immer gefördert wurde. Ich habe meine Berufskarriere mit einer Lehre als Tischler begonnen und bin mittlerweile Standortleiter in der Berufsausbildungsbranche, wo ich mit meinem Team von 21 Kolleginnen und Kollegen für rund 230 Jugendliche verantwortlich bin. Auf meinem Weg gab es Höhen und Tiefen, aber ich habe mich immer bemüht. Ich könnte nie sagen, dass der österreichische Staat mir im Weg gestanden wäre. Ganz im Gegenteil, ich bin unterstützt worden, besonders auch von Kolleginnen und Kollegen und meinen Vorgesetzten.

Was haben Sie für Reaktionen auf den Brief erhalten?

Grundsätzlich sehr positive. Einige haben sogar gesagt, dass sich viele Österreicher ein Stück davon abschneiden könnten, weil die ja auch ständig sudern. Es waren aber hauptsächlich Rückmeldungen aus dem österreichischen Bekanntenkreis, aus dem türkischen haben sich sehr wenige gemeldet.

Woran liegt das, glauben Sie?

Ich weiß es nicht, ich sage ja auch, dass ich meine Ursprungsheimat Türkei genauso liebe. Aber zumindest sind keine negativen Rückmeldungen gekommen.

Sie haben ja eine Facebook-Seite gegründet mit dem Titel "Zeit, Verantwortung zu übernehmen". Was wollen Sie damit erreichen?

Meine Hauptintention ist es, Gleichgesinnte zu finden, um sich auszutauschen und herauszufinden, was schief läuft. Es gibt schwarze Schafe unter uns Türken, die das Land, in dem sie leben, schlechtreden. Und ich kann und will es nicht glauben, dass es nicht mehr von uns gibt, die sich entschieden gegen diese paar Leute stellen und eine klare Gegenreaktion zeigen wollen. Die einfach nur sagen: So geht’s nicht! Wir alle wollen weiterhin friedlich miteinander leben. Und wer diesen Frieden zerstören will, hat unter uns nichts verloren. Mein Ziel ist auch, dass wir Türken uns endlich etwas mehr um unser Gesamt-Image kümmern. Das wir uns gegenseitig unterstützen und auch endlich mal etwas mehr Kontakt mit der hiesigen Gesellschaft pflegen. Denn die Menschen sind nicht so gemein und fremdenfeindlich wie manche von uns immer noch glauben wollen.

Sie rufen auch dazu auf, Opferrollen abzulegen. Was meinen Sie damit?

Ich lehne diese Opferrollen ab. Ich erlebe es ständig, dass wir sagen: Alle sind ausländerfeindlich und deshalb haben wir in der Gesellschaft weniger Chancen. In den über 40 Jahren, die ich jetzt in Österreich lebe, habe ich nie Rassismus erlebt, zumindest nicht direkt. Ganz im Gegenteil, ich wurde unterstützt. Man muss sich als Ausländer oder Türke vielleicht ein bisschen mehr bemühen, aber ja, mein Gott, das ist so, wenn man etwas erreichen will.

Wie erklären Sie sich die unterschiedliche Wahrnehmung? Sie sagen, sie sind immer gefördert worden. Aber hatten Sie vielleicht nicht einfach Glück?

Ein bisschen ein Glück braucht man schon, das ist klar. Aber man muss die Chancen auch ergreifen. Ich bemerke es bei unseren Jugendlichen, die ein Angebot für eine Lehrstelle nur aus Bequemlichkeit nicht annehmen. Oder dass Regeln wie Pünktlichkeit, also elementare Dinge, die in der Arbeitswelt notwendig sind, nicht eingehalten werden. Ich merke in der österreichischen Kultur, dass man sich mehr mit dem Land verbunden und für den Erfolg des Landes verantwortlich fühlt.

Ihrer Wahrnehmung nach gibt es das in der türkischen Community weniger?

Da ist man eher gewohnt, sich nicht verantwortlich zu fühlen, das sollen doch Politiker machen. Es ärgert mich, wenn es heißt: Der Staat tut nichts für mich. Das ist wirklich nur eine Ausrede. Was soll der Staat sonst noch alles tun? Wir sind nach Österreich gekommen und haben überhaupt einmal versäumt, Deutsch zu erlernen. Und dann bemängeln wir, es hätte zu wenige Integrationsangebote gegeben. Es ist doch jeder selbst für seine Zukunft verantwortlich. Jeder selbst, sonst niemand. Das verstehen viele nicht. Die Schuld einfach auf jemand anderen zu schieben, damit komme ich überhaupt nicht klar. Ich höre von Leuten, für Weiterbildung sei kein Geld da. Dann sehe ich sie mit dem BMW herumfahren und ich frage: Was hast du in dich investiert? Null. Es ärgert mich, ich will ja, dass meine Landsleute weiterkommen. Geschenkt wird einem nichts.

Sie haben in den Brief die "I am from Austria"-Liedzeile hineingeschrieben, "und wenn ihr wollt’s a ganz alla". Haben Sie das Gefühl, dass Sie mit ihrem Standpunkt vielleicht wirklich alleine sind?

Derzeit schon, ja. Ich bin traurig, dass sich die Leute anscheinend nicht trauen. Ich weiß nicht, woran es liegt. Ich denke mir, das kann doch nicht sein, dass ich wirklich so allein bin. Dass wirklich alle diesen Nationalstolz haben, dass sie so verbohrt sind in ein Land, das sie nicht einmal kennen. Die meisten sind doch hier aufgewachsen. Ich verstehe es nicht, bin ich wirklich ganz allein? Sehe ich hier irgendwas falsch?

Fühlen Sie sich in Österreich als Türke?

Ich rede immer in der Wir-Form, weil ich Türke bin. Ich stehe dazu und würde nie meine Wurzeln leugnen. Ich bin aber auch Österreicher. Das ist wie bei zwei Elternteilen, ich liebe beide. Ich würde die Türkei niemals schlecht machen, aber ich habe keinen Bezug zu ihr. Fünf Prozent meines Lebens verbringe ich in der Türkei, das sind die zwei bis drei Wochen Urlaub im Sommer. Das war’s. Ich schätze und liebe die europäischen Werte und Gesellschaftsregeln, ich kann mir nichts Besseres vorstellen. Ich denke, es ist einfach notwendig in dieser Zeit zusammenzuhalten.

Machen Sie sich wegen der aktuellen Spannungen Sorgen?

Ich habe Angst, jeder Türke hat Angst, das ist so. Angst nicht mehr in die Türkei reisen zu können, da habe ich doch Verwandte. Ich wünsche mir wirklich, dass bei dem bevorstehendem Referendum das Beste für die Türkei herauskommt und auch für Österreich. Wie gesagt, die sind wie zwei Elternteile für mich. Ich möchte nicht, dass sie auseinandergehen und sich die Türkei aus Europa abmeldet, so wie ein Kind mit einer Scheidung seiner Eltern niemals glücklich sein kann.

Cinkayas "Liebesbrief an Österreich" im Wortlaut:

Liebes Österreich,

Mit 3 Jahren hat mich und meine Familie, das Schicksal zu dir geführt. Meine spätere Kindheit ist nicht gerade rosig verlaufen. Mit 7 Jahren habe ich eine sehr große Operation gehabt.

Durch die tollen Ärzte und dem liebevollen Krankenhauspersonal im Wiener AKH, habe ich damals das Gefühl der unendlichen Geborgenheit gespürt.

Heute bin ich als Chef von 21 wundervollen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern tätig und versuche, Jugendlichen bessere Perspektiven bei der Auswahl ihrer Berufsausbildung zu vermitteln.

Du, liebes Österreich, hast mir bis auf ein paar dunklen Wolken nur sonnige Tage und ebenso sonnige Menschen über den Weg laufen lassen. Und davon hast du mehr als genug! Auch wenn in diesen letzten Tagen und Wochen viele meiner Landsleute das Gegenteil behaupten, ich weiß, dass du kein schlechtes Wort verdient hast!

Denn das Wort „-reich“ in deinem Namen, steht für reich an Freiheit, reich an Möglichkeiten und reich an Frieden!

Und diesen Frieden wünsche ich, und wann ihr a woits a ganz alla: from Turkey to Austria... :-)

In diesem Sinne und für ein friedliches Miteinander,

Tuncer Cinkaya

Unsere Türken: Wie sie leben, denken und fühlen

Von Christian Böhmer

Am 16. April entscheiden die Menschen in der Türkei über die politische Zukunft ihres Landes. Und egal, ob die rund 55 Millionen Wahlberechtigten beim Verfassungsreferendum ihres Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan mit einem "Ja" oder "Nein" antworten – das Ergebnis hat jedenfalls weitreichende Konsequenzen.

Seit Wochen, ja Monaten ist die Community in Aufruhr – und gespalten. Auch hierzulande sind weit mehr als 100.000 türkische Staatsbürger beim Referendum wahlberechtigt, und die Frage, ob Politiker aus Ankara in Österreich wahlwerben dürfen, beschäftigte die Innenpolitik über Wochen.

Für den KURIER ist das richtungsweisende Referendum Anlass genug, einen Blick auf die türkisch-stämmigen Mitbürger zu werfen.

Wie leben sie, was bewegt sie?

Warum fühlen sich manche ganz selbstverständlich als Österreicher, andere bloß als hier Geduldete? Und vor allem: Wie kann in einer ohnehin über Gebühr aufgeheizten Stimmung das Zusammenleben noch besser oder überhaupt funktionieren?

Fragen wie diesen widmet sich der KURIER in den kommenden Tagen eingehend. Ein Reporter-Team hat mit Dutzenden Menschen gesprochen und verschiedenste Schauplätze besucht, darunter Moscheen und Kulturvereine, Schischa-Bars oder auch ein türkisches Gymnasium.

Ein unvoreingenommener Blick

Prediger, Vereinsobleute und Wirte, einfache Arbeiter und Akademiker, sie alle kommen zu Wort, und bei den Begegnungen und Recherchen stand und steht im Vordergrund, einen möglichst unvoreingenommenen Blick auf die Welt der Austro-Türken zu werfen.

Fest steht: Um den freundschaftlichen Austausch der beiden "Welten" steht es nicht zum Besten. Wie sonst wäre es zu erklären, dass zwei Drittel der Österreicher laut einer KURIER-OGM-Umfrage zwar beruflich und im Alltag mit türkischen Mitbürgern in Kontakt stehen, dass aber satte drei Viertel antworten, sie würden privat keinen Kontakt zu türkischen Mitmenschen pflegen (Grafik)?

Fest steht außerdem: Die Türken oder die türkische Community gibt es nicht.

Zu bunt, zu vielfältig und widersprüchlich ist die Welt der mehr als 262.000 Menschen, die in Österreich einen türkischen Migrationshintergrund haben.

Ihr lebt hier

Der Titel der KURIER-Serie "Unsere Türken" ist in dieser Hinsicht alles andere als vereinnahmend oder despektierlich, sondern vielmehr eingemeindend gedacht, frei nach dem Motto: Ihr lebt hier, ihr habt hier Platz, ihr gehört hierher zu uns.

Den Beginn der Serie machen zwei Reportagen mit Bilal Baltaci. Der 25-jährige Österreicher wuchs als klassisches Gastarbeiterkind im Zillertal auf und lebt heute in Wien.

Baltaci arbeitete ein Jahr lang für den Österreich-Ableger einer türkischen Zeitung.

Er leistete sich als Journalist eine eigene, in diesem Fall Erdoğan-kritische, Meinung und tat diese mehrfach auch im KURIER kund. Seither wird er auch bedroht.

Unterschiedliche Perspektiven

Warum mit einzelnen Vertretern der türkischen Community kontroversielle Dialoge mitunter schwierig sind; welche unterschiedlichen Wahrnehmungen es zur Türkei und Österreich gibt und wo türkisch-stämmige Menschen die wahren Probleme des Zusammenlebens und der Politik verorten, das und vieles mehr soll die folgende KURIER-Serie in den nächsten beiden Wochen durchaus intensiv ausleuchten.