Chronik
08.04.2017

Türkische Unternehmer: Mehr als Kebab und Baklava

Türkischstämmige Unternehmer erobern neue Branchen. Aber oft nehmen sie zu viele Risiken in Kauf.

"Cut and go, kein Problem", sagt Füsun Ecevit zu einer Kundin am Telefon, das alle fünf Minuten läutet. Waschen, schneiden, aber ohne föhnen, das liegt im Trend. "Früher haben wir aufwendig geföhnt. Heute ist der Look neutraler", sagt Ecevit in ihrem Frisörsalon "Hauptsache" in der Wiener Neubaugasse. Früher, das sind die Achtziger, als sie einen der ersten türkischen Frisörsalons in Wien gründete. Die gebürtige Türkin ist eine Pionierin unter türkischen Unternehmern. Nicht nur die Frisuren hätten sich geändert, sagt sie, auch wie türkischstämmige Österreicher wirtschaften.

Der Kebab-Stand, der Gemüsehändler am Markt, der Frisör um die Ecke: Jahrzehntelang standen sie stellvertretend für türkisches Unternehmertum in Österreich. Laut Schätzungen der Wirtschaftskammer gibt es hierzulande rund 3000 austro-türkische Selbstständige. Rund 950 Arbeitgeberbetriebe mit türkischem Migrationshintergrund in Wien zählte das Forschungsinstitut Synthesis im Jahr 2014. Ein Höchstwert. Die nächstgrößte Gruppe in der Liste, eingewanderte Deutsche, führt nur halb so viele Unternehmen.

Neue Branchen

"Vor zehn Jahren hätte ich gesagt: Restaurants und Imbissstände sind die Branchen türkischstämmiger Unternehmen", sagt Oktay Koçaslan, Unternehmer und stellvertretender Obmann des türkischen Unternehmerverbands MÜSIAD. "Heutzutage kann man in fast jeder Branche Türken antreffen. Es gibt Mediziner, Rechtsanwälte, Restaurantketten, Kfz-Werkstätten, Installateure, Elektriker, sehr viele Dachdecker. Das ist mittlerweile bunt gestreut."

Frisörin Ecevit hat für den Trend zur Selbstständigkeit eine Erklärung parat: "In Zeiten höherer Arbeitslosigkeit versuchen das die Leute auch aus der Not heraus", erklärt sie die Gründerstimmung. Unter Türken liegt die Arbeitslosenrate bei rund 20 Prozent, also weit über dem österreichischen Durchschnitt (8,9 Prozent).

Ecevits Erfolg als Unternehmerin hat über die Jahre einige Nachahmer auf den Plan gerufen. "Nachahmung gibt es leider, das haben wir ganz gern", sagt sie. Es ist ein Phänomen, das die Wiener von Kebab-Ständen her kennen: An belebten Orten stehen oft mehrere Hütten nebeneinander, führen aber ein identes Angebot. "Was viele nicht verstehen, ist, dass es ein durchdachtes Konzept braucht", sagt Ecevit. "Wenn etwas gut läuft, versuchen es viele zu kopieren, schaffen es aber nicht ganz. Dann kann es sein, dass das Geschäft nicht aufgeht."

Scheitern ist keine Schande

Oft würden sich die Unternehmer in Branchen stürzen, in denen sie kaum Erfahrung haben. Das kann funktionieren - oder eben nicht. Was die austro-türkische Unternehmenskultur auszeichnet: unternehmerisches Scheitern wird nicht als Stigma begriffen, was dem Geist im Silicon Valley wohl ähnlicher ist, als jenem in Österreich. "Scheitern ist absolut keine Schande, das wird nicht negativ bewertet", sagt Ecevit. "Man sagt einfach: Er hat es probiert, vielleicht klappt es beim nächstes Mal."

Möglich, dass auf diese Einstellung die ausgeprägte Risikobereitschaft in der Community zurückzurückzuführen ist. "Die ist unter türkischstämmigen Unternehmern absolut da. Manchmal denke ich mir, dass diese Risikobereitschaft fast schon gefährlich ist."

Oktay Koçaslan sieht das ähnlich. "Oft wird der Fehler gemacht, ohne die nötige Kompetenz in eine Branche einzusteigen und Unmengen privates Geld zu investieren", sagt der 39-Jährige. "Wenn sie kein Glück haben, müssen sie zusperren und das Geld ist futsch." Er kenne Fälle, bei denen Geschwister Kredite aufgenommen hätten, um ein Geschäft zu retten. "Das kann ganze Familien betreffen."

Zurückzahlen ist Ehrensache

Die Familie ist auch im Geschäftsleben eine tragende Säule für viele türkischstämmige Österreicher. In der Not und wenn Bankkredite Mangelware sind, wird oft auf Familie und Freunde zurückgegriffen. Die Bereitschaft, Geld zu leihen ist groß. Das Zurückzahlen von Schulden gilt als Ehrensache.

So wie Füsun Ecevit in den Achtziger Jahren hat Oktay Koçaslan den Weg in eine neue Branche eingeschlagen. Er begann zunächst klassisch als Inhaber eines italienischen Restaurants im 9. Bezirk. Mit dem Geld aus dem Verkauf des Lokals und seinen Erfahrungen aus der Gastronomie beschloss er 2008, mit Clean OK ein Handelsunternehmen zu gründen, das sich auf Hygienesysteme für die Hotellerie und Gastronomie spezialisiert hat. Heute hat das Unternehmen zehn Mitarbeiter und "wächst stetig", sagt Koçaslan.

Lieber unabhängig

In seiner Branche gebe es noch wenige türkischstämmige Unternehmer, sagt er. Ob das so bleibt, wird sich ob des Drangs zur Selbstständigkeit in der türkischen Community noch zeigen. "Ich denke, es ist der Wille zur Unabhängigkeit, also nicht in einem Unternehmen zu arbeiten, der das antreibt", sagt er. "Dass man als Angestellter mehr Sicherheiten und mehr Zeit hat, da kommen viele erst im Nachhinein darauf."

Seine Tätigkeit für MÜSIAD läuft nebenbei. Den 60 Mitgliedsunternehmen bietet der Verband Beratung und Vernetzung. Dort beobachtete er auch das Phänomen, dass Unternehmer den Kontakt zur Wirtschaftskammer noch scheuen, vor allem, wenn sie Beratung brauchen. „Da sehen wir uns auch als eine Art Brücke zur Wirtschaftskammer“, sagt Koçaslan.

Aufgeheizte Stimmung

MÜSIAD sei von der Politik unabhängig, betont Koçaslan. Der Grüne Peter Pilz hat den Verband jüngst in die Nähe eines für die türkische Regierung tätigen Spitzelnetzwerks gerückt. Der Verband wies die Vorwürfe zurück. "Die Anschuldigungen entsprechen nicht im Geringsten der Wahrheit", sagt er. Der Verband finanziere sich ausschließlich aus Mitgliedsbeiträgen.

Von der im Vorfeld des türkischen Referendums herrschenden Stimmung ist Koçaslan, der in Österreich geboren ist, enttäuscht. „Es gibt leider viele Anfeindungen“, sagt er. „Was können wir denn dafür, wenn in- oder ausländische Politiker irgendwelche Aussagen treffen?“ Die Politik solle sich lieber darauf konzentrieren, die österreichische Wirtschaft voranzubringen. Konkret: „Die Lohnnebenkosten sind in Österreich einfach zu hoch“, sagt Koçaslan. „Ich weiß, das klingt schon fad, aber so ist es.“

Unsere Türken: Wie sie leben, denken und fühlen

Bis zum Schicksalstag sind es noch exakt zwei Wochen. Am 16. April entscheiden die Menschen in der Türkei über die politische Zukunft ihres Landes. Und egal, ob die rund 55 Millionen Wahlberechtigten beim Verfassungsreferendum ihres Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan mit einem "Ja" oder "Nein" antworten – das Ergebnis hat jedenfalls weitreichende Konsequenzen.

Seit Wochen, ja Monaten ist die Community in Aufruhr – und gespalten. Auch hierzulande sind weit mehr als 100.000 türkische Staatsbürger beim Referendum wahlberechtigt, und die Frage, ob Politiker aus Ankara in Österreich wahlwerben dürfen, beschäftigte die Innenpolitik über Wochen.

Für den KURIER ist das richtungsweisende Referendum Anlass genug, einen Blick auf die türkisch-stämmigen Mitbürger zu werfen.

Wie leben sie, was bewegt sie?

Warum fühlen sich manche ganz selbstverständlich als Österreicher, andere bloß als hier Geduldete? Und vor allem: Wie kann in einer ohnehin über Gebühr aufgeheizten Stimmung das Zusammenleben noch besser oder überhaupt funktionieren?

Fragen wie diesen widmet sich der KURIER in den kommenden Tagen eingehend. Ein Reporter-Team hat mit Dutzenden Menschen gesprochen und verschiedenste Schauplätze besucht, darunter Moscheen und Kulturvereine, Schischa-Bars oder auch ein türkisches Gymnasium.

Ein unvoreingenommener Blick

Prediger, Vereinsobleute und Wirte, einfache Arbeiter und Akademiker, sie alle kommen zu Wort, und bei den Begegnungen und Recherchen stand und steht im Vordergrund, einen möglichst unvoreingenommenen Blick auf die Welt der Austro-Türken zu werfen.

Fest steht: Um den freundschaftlichen Austausch der beiden "Welten" steht es nicht zum Besten. Wie sonst wäre es zu erklären, dass zwei Drittel der Österreicher laut einer KURIER-OGM-Umfrage zwar beruflich und im Alltag mit türkischen Mitbürgern in Kontakt stehen, dass aber satte drei Viertel antworten, sie würden privat keinen Kontakt zu türkischen Mitmenschen pflegen (Grafik)?

Fest steht außerdem: Die Türken oder die türkische Community gibt es nicht.

Zu bunt, zu vielfältig und widersprüchlich ist die Welt der mehr als 262.000 Menschen, die in Österreich einen türkischen Migrationshintergrund haben.

Ihr lebt hier

Der Titel der KURIER-Serie "Unsere Türken" ist in dieser Hinsicht alles andere als vereinnahmend oder despektierlich, sondern vielmehr eingemeindend gedacht, frei nach dem Motto: Ihr lebt hier, ihr habt hier Platz, ihr gehört hierher zu uns.

Den Beginn der Serie machen zwei Reportagen mit Bilal Baltaci. Der 25-jährige Österreicher wuchs als klassisches Gastarbeiterkind im Zillertal auf und lebt heute in Wien.

Baltaci arbeitete ein Jahr lang für den Österreich-Ableger einer türkischen Zeitung.

Er leistete sich als Journalist eine eigene, in diesem Fall Erdoğan-kritische, Meinung und tat diese mehrfach auch im KURIER kund. Seither wird er auch bedroht.

Unterschiedliche Perspektiven

Warum mit einzelnen Vertretern der türkischen Community kontroversielle Dialoge mitunter schwierig sind; welche unterschiedlichen Wahrnehmungen es zur Türkei und Österreich gibt und wo türkisch-stämmige Menschen die wahren Probleme des Zusammenlebens und der Politik verorten, das und vieles mehr soll die folgende KURIER-Serie in den nächsten beiden Wochen durchaus intensiv ausleuchten.