© Tobias Pehböck

Kriminalität
08/04/2019

KURIER-Crime: Der letzte Kaffee mit einem Mörder

Am 20. März 1999 wurde Gerlinde Schöllbauer in ihrer Wohnung in Wien ermordet. Der Täter blieb bis heute unerkannt.

von Michaela Reibenwein, Dominik Schreiber, Tobias Pehböck

Am Ende der Romanogasse liegt zwischen einigen Gemeindebauten ein kleiner düsterer Platz. Rund ein Dutzend alter, hoher Bäume werfen weite Schatten, schirmen das Sonnenlicht ab. Selbst wenn die ersten Lichter aus den Hauseingängen am frühen Abend das diffuse Areal etwas aufhellen, verlieren sich in diesem Teil von Wien-Brigittenau nur ein paar Menschen auf die Straße.

Am Haus mit der Nummer 29 - in dem die 42-jährige Gerlinde Schöllbauer vor 20 Jahren „gemördert“ wurde, wie es eine Nachbarin nennt -, wurden nach der Tat weiße Gitterstäbe eingebracht. Bis heute vermuten die Hausbewohner, dass ein großer Unbekannter durch das Fenster in die Mordwohnung eingestiegen ist.

Der große Unbekannte? Daran will Chefinspektor Ewald Schneider nicht glauben. Für den KURIER hat er die staubigen Akten aus dem Keller geholt. Sie beinhalten die Geschichte eines Mordes, der bis heute nicht geklärt werden konnte. „So etwas tut jedem Mordkieberer weh“, seufzt Schneider.

Noch immer wird ermittelt

Ermittelt wird in dem mysteriösen Fall bis heute, erst kürzlich wurden wieder DNA-Proben analysiert. „Irgendwann kommt ein Hinweis, wurscht woher“, bleibt er zuversichtlich. Aber Schneider ist sich sicher: Gerlinde Schöllbauer kannte ihren Mörder.

Es war vor ziemlich genau 20 Jahren, am 20. März 1999. Der damals 19-jährige Christoph Schöllbauer kehrte nach einer Partynacht mit Freunden in die Wohnung zurück. Es war eine lange Nacht, bis 6 Uhr Früh hatte er gefeiert. Er öffnete die Tür zur 55 Quadratmeter-Wohnung im Hochparterre – und sah überall im Vorzimmer Blutspuren, die Anzeichen eines heftigen Kampfes.

Ein paar Schritte im Wohn-Schlafzimmer weiter lag der übel zugerichtete Körper seiner Mutter. Sie lehnte mit dem Kopf voran am Bett. So hatte der Täter ihren Körper drapiert, nachdem er sie geschlagen, gewürgt und schließlich mit einem Kabel stranguliert hatte.

Der Sohn wählte sofort den Notruf.

Ein Gewaltverbrechen

Wenig später traf die Polizei ein. Mordermittler, Tatortgruppe, Gerichtsmediziner, das volle Programm. Denn von Anfang an war klar: Die kleine Wohnung war Ort eines Gewaltverbrechens geworden.

„Am Parkplatz war die Cobra und alles, die Kriminalpolizei. Und da ist gesagt worden, dass sie ermordet worden ist in der Wohnung“, erinnert sich die Hausmeisterin Christa Beranek.

Kriminalist Schneider war damals noch nicht in die Ermittlungen involviert. Von den damals aktiven Polizisten sind die meisten bereits in Pension oder haben in andere Abteilungen gewechselt. Doch Schneider kennt den Akt genau, er hat ihn mit seinen Kollegen mehrmals durchforstet. Auf der Suche nach Spuren, neuen Ansätzen.

Schneider kennt die Bilder aus der dicken Tatortmappe auswendig. Jedes Detail haben die Polizeifotografen damals festgehalten. Jeden Raum aus jeder Perspektive fotografiert. Und immer wieder kommt Schneider zu dem Schluss: „Das passt einfach nicht.“

Gerlinde Schöllbauer lebte mit ihrem einzigen Sohn ein zurückgezogenes Leben. Die Ehe mit dem Kindesvater – er stammte aus Ungarn - ging wenige Jahre nach der Geburt des gemeinsamen Kindes in die Brüche. Schöllbauer nahm wieder ihren Mädchennamen an und zog ihr Kind alleine groß. Sie war stolz auf den mittlerweile 19-jährigen Mann. Er hatte es weit gebracht, war gut in der Schule, machte eine Ausbildung zum Chemiker. Er würde einmal ein besseres Leben führen als die Hilfsarbeiterin.

Zuletzt hatte sie in einer Fabrik gearbeitet. Dort hatte sie auch einen Mann kennen gelernt, mit dem sie eine Beziehung hatte. Doch auch diese Liebe überdauerte die Zeit nicht. Seit Jahren schon war Schöllbauer allein. Den Job hatte sie verloren. Zuletzt lebte sie von der Sozialhilfe.

Aufgewachsen in Stammersdorf

Mit ihrer Familie war sie zerstritten. Ihre Kindheit war keine gute. Sie wuchs am Wiener Stadtrand, in Stammersdorf, mit ihren Eltern und drei Brüdern auf. Der Vater, ein Gendarm, war wenig zu Hause. Schöllbauers Mutter, so heißt es, hatte psychische Probleme. Gerlinde war noch ein kleines Mädchen, als sich die Mutter nicht mehr um sie kümmern konnte, die Tante übernahm schließlich die Obsorge. Ihre drei Brüder kamen in ein Heim.

Der Riss, der damals durch die Familie ging, konnte nie wieder gekittet werden.

Kontakt zu den Brüdern oder zur Mutter hatte Gerlinde Schöllbauer kaum, obwohl ihre Mutter zuletzt nicht allzu weit entfernt in einer Wohnung lebte und ihr sogar mit ein wenig Geld aushalf. Einzig zu ihrem Bruder Günther pflegte sie hin und wieder Kontakt.

Über ihn lernte Schöllbauer auch Rosa Glavas kennen. Sie war eine der wenigen Vertrauten der ruhigen Frau. Schöllbauer ließ nicht viele Menschen an sich heran.

„Gerlinde war eine schöne Frau. Groß, schlank. Wie ein Model“, sagt sie und zeigt ein Foto. Es zeigt eine kleine Silvesterfeier.

„Günther hat damals eine Gans gebraten“, erinnert sich Glavas und lacht. "Sechs Stunden hat das gedauert.“ Vier Personen sind auf dem Bild zu sehen. „Da hamma gefeiert, das sieht man eh. Das ist der Günther, der Bruder“, deutet Glavas auf den jungen Mann links. „Dann komme ich, dann der Willi, der ältere Bruder. Und das hier…“, Glavas deutet auf die junge Frau rechts „…das ist die Gerlinde.“

Später, so erzählt Glavas, wurden sie Freundinnen. Sehr ruhig sei Gerlinde Schöllbauer gewesen, sehr zurückgezogen habe sie gelebt. „Sie hat ja ihre Arbeit verloren. Sie hat ganz sparsam gelebt.“ Urlaube waren nicht möglich. Lokalbesuche oder Restaurants konnte sie sich nicht leisten. „Sie hat immer selbst gekocht.“

Hobby: Seidenmalerei

In ihrer kleinen Eigentumswohnung, so erinnert sich Glavas,  habe sie alles selbst erledigt. Darum beneidete sie ihre Freundin. „Sie hat die Wände selbst gemalt in der Wohnung. Das trau ich mich nicht. Sie hat auch Tücher gemalt, Seidenmalerei. Sie konnte viel selbst machen.“ Irgendwann, so der Plan, wollten sich die Frauen Fahrräder kaufen. „Wir wollten auf die Donauinsel fahren oder in die Praterallee.“ Und auch weitere Pläne hatten die Frauen schon geschmiedet. Sie wollten gemeinsam Silvester 2000 feiern. „Gerlinde wollte die Bäckerei machen.“

Glavas hält inne. „Planen kann man nichts.“

Dass Schöllbauer ermordet worden ist, hat sie damals aus der Zeitung erfahren. „Es war Sonntag Früh. Ihr Bruder ist zu mir gekommen und hat mir das gezeigt. Er hat gesagt: ‚Schau, die Gerlinde ist tot.‘“ Glavas hat die Zeitungsausschnitte von damals aufgehoben. „Die Gerlinde wäre jetzt 62, sie war ja zehn Jahre jünger als ich. Ich habe geweint, als wäre das meine Tochter oder Schwester.“

Von Gerlinde Schöllbauers Familie ist fast niemand mehr am Leben. Die Mutter und ihre drei Brüder sind längst gestorben. Ihr Sohn ist der einzige Hinterbliebene. Als ihn der KURIER kontaktieren will, lässt er ausrichten: Er will nicht mehr über diese Tragödie sprechen. Auch 20 Jahre später sind die Wunden nicht verheilt. Er lebt jetzt unter einem anderen Namen irgendwo in Österreich und hat selbst eine Familie gegründet.

Glavas denkt oft an ihre Freundin. „Sie hat das nicht verdient. Dass das Leben in so jungen Jahren endet.“ Obwohl die Tat 20 Jahre her ist – der Wunsch, dass der Mordfall geklärt wird, ist groß. „Ich wäre so froh.“

Wer die damals 42-Jährige ermordet haben könnte, ist ihr ein Rätsel. Nie habe ihre Freundin von einer Männerbekanntschaft berichtet. „Aber vielleicht hat sie doch jemanden kennen gelernt. Oder jemand hat sie verfolgt.“

Herrenbesuch

„Ich hab nur einmal gehört, dass sie Herrenbesuche gehabt hat“, sagt Beranek, die gegenüber wohnt. „Aber ich selber weiß das nicht. Ich hab das auch nicht gesehen. Ich bin da so eine unytpische Hausbesorgerin, mich interessiert das gar nicht, was die Leute da machen.“ Das Mordopfer beschreibt sie als „ruhig und zurückgekehrt. Freundlich, sie war psychisch vielleicht ein bisserl….labil. Einmal haben sie sie eingefangen auf der Straße – da ist sie ohne Gewand spazieren gegangen.“

„Ich war sicher damals im Haus und ich weiß nur, es muss jemand durchs Fenster eingestiegen sein“, erinnert sich die Hausbewohnerin Christina Merkos, eine Lehrerin. „Ich habe oft mit ihr geplaudert, aber sie war nicht so ganz bei sich immer. Sie war ein bisschen esoterisch unterwegs. Sie sagte immer, sie geht zu einem Brunnen. Ich habe sie öfter ausgehen gesehen am Abend. Es muss jemand gewesen sein, den sie gekannt hat. Männer habe ich eigentlich nie gesehen in ihrer Gesellschaft. In der Nähe bei einem Spielplatz in der Pappenheimgasse - da ist eine Prostituierte im Park gemördert worden. Der Fall ist auch nicht gelöst, bis heute.“ Schöllbauer habe „hier im Haus guten Kontakt gehabt. Der Sohn hat noch einige Jahre hier im Haus gewohnt, der ist aber dann fort. Der ist geheiratet und dann fortgezogen.“

Die Kriminalpolizisten sind der Meinung, dass Schöllbauer ihren Mörder gekannt haben muss. Das Opfer hatte bereits den Pyjama an. Kurz zuvor hatte sich die Frau noch eine Abendzeitung geholt. Diese blätterte sie an ihrem kleinen Küchentisch durch, zündete sich einige Zigaretten an und trank Kaffee.

Dann, am späten Samstagabend, davon ist Ermittler Schneider überzeugt, ließ sie ihren Mörder selbst in die Wohnung. An der Eingangstür fanden sich keine Einbruchsspuren.

Auseinandersetzung am Küchentisch

Gemeinsam mit dem Unbekannten saß Schöllbauer einige Zeit am Küchentisch. „Es muss dort zu einer verbalen Auseinandersetzung gekommen sein“, sagt Schneider. Und dann wurde der Unbekannte handgreiflich. Das schließt Schneider aus einer kleinen Blutspur am Vorhang und dem verrutschten Tischtuch. Es war die einzige, die sich in der kleinen Küche befand.

„Sie hat ihn wahrscheinlich aufgefordert, die Wohnung zu verlassen“, glaubt der Polizist. Wenige Schritte weiter im Vorzimmer eskalierte die Situation. „Der Täter hat aus der Küche ein Elektrokabel mitgenommen und versucht, das Opfer mit dem Kabel zu fesseln“, beschreibt der Mordermittler.

Doch Schöllbauer wehrte sich, wollte vermutlich aus der Wohnung flüchten – Blutspuren an der Wohnungstür bezeugen ihren verzweifelten Kampf. Der Täter schlug zu. Unzählige Male, vor allem ins Gesicht. Er versuchte, sie zu fixieren, würgte sie.

Erdrosselt und erwürgt

Der Gerichtsmediziner stellte später fest, dass die Todesursache eine Mischung aus Drosselung und Würgen war.

Als Gerlinde Schöllbauer vermutlich kurz vor Mitternacht leblos zusammensackte, packte der Mörder den Körper der Frau und schleifte ihn ein paar Schritte ins Wohn-Schlafzimmer. Dort ließ er Schöllbauer ans Bett angelehnt liegen.

„Das war keine geplante Tat“, meint Mordermittler Schneider. Aus irgendeinem Grund hatte der Unbekannte die Kontrolle verloren. „Wir glauben, dass dem Täter diese Tötungshandlung passiert ist aufgrund der Eskalation der Situation und dass er nachher versucht hat, irgendwas Anderes darzustellen.“

Der Tatort habe inszeniert gewirkt.

Schneider meint damit, dass der Täter sich sehr viel Zeit danach ließ und noch mehrere Stunden in der Wohnung verbracht haben dürfte. Er ging ins Badezimmer, wusch sich die Hände. Seine DNA-Spuren fand die Sachverständige Christa Nussbaumer später an einem Handtuch. „Er hat gewusst, dass er sich in Sicherheit befindet“, mutmaßt Schneider.

In der Wohnhausanlage hatte niemand Notiz von dem Kampf auf Leben und Tod genommen.

Dann ging der Unbekannte durch jedes Zimmer und durchwühlte es. Doch was er mitnahm, lässt die Mordermittler stutzig werden. Denn es passt nicht zu einem Raubmotiv.

Die Beute: Eine Lederjacke des Sohnes. Eine Stereoanlage. Und Hardrock-CDs, die ebenfalls im Jugendzimmer waren. Darunter Alben von Kiss, Dream Theater, Winter Rose und Fatas Warning. Die Beute packte er in einen Rucksack, der ebenfalls im Jugendzimmer gelegen hatte.

"Wird nie abgeschlossen"

Trotz intensiver Ermittlungen verlief die Suche nach dem Mörder im Sand. Im Jahr 2007 grub Schneider mit seinem Team den Fall vorübergehend aus dem Archiv aus. „Ein ungeklärter Mordfall wird nie abgeschlossen. Gerade dann, wenn DNA-Spuren vorhanden sind.“ Denn die Spurentechnik hat in den vergangenen Jahren markante Fortschritte gemacht. Was vor 20 Jahren noch nicht untersucht werden konnte, kann jetzt vielleicht ausgewertet werden.

„So war es dann auch“, sagt Schneider. „Wir haben das gesamte Spurenmaterial, die Originalspurenträger und die Abriebe, die vorhanden waren, noch einmal untersuchen lassen.“

Und tatsächlich: Es konnten mehrere täterspezifische DNA-Spuren festgestellt werden.

Mit diesen Spuren als Beweismittel durchleuchteten die Mordermittlern noch einmal das Umfeld von Schöllbauer. „Wir haben mit sämtlichen Verwandten und Bekannten der Frau begonnen. Wir haben die Untersuchung ausgeweitet auf Freunde und Schulkollegen des Sohnes. Wir haben sämtliche männliche Personen aus dem Akt nochmals nacherfasst und überprüft. Wir haben danach versucht, im Umkreis der Wohngegend Personen zu erfassen und diese dann überprüft. Und so sind wir im Lauf der Jahre auf eine Zahl von etwa 150 überprüften Personen gekommen.“

Mit 150 DNA-Profilen wurden die Spuren vom Tatort verglichen. Doch vergeblich. Der Täter war nicht darunter.

Der KURIER findet im Mordhaus jedenfalls eine weitere Spur.

Der Verdächtige im weißen Pullover

Ein Nachbarin, die anonym bleiben will, glaubt, dass sie und ihr Mann den Mörder gesehen haben: „Mein Mann war Taxifahrer früher und der ist um zwei Uhr in der Früh heim. Und da ist jemand aus dem Haus gegangen. Der hat nur einen weißen Pullover angehabt, für die Jahreszeit eher ungewöhnlich. Er hat sich gedacht, das ist aber komisch. Die Wohnungstür von ihr (Schöllbauer, Anm.) war aber zu.“ Der Täter sei so rund 180 Zentimeter groß gewesen. Sie selbst meint, dass sie später mit diesem Mann noch eine Begnung hatte: „Ich habe ihn gesehen, dort bei der Bibliothek (die sieht man aus dem Fenster der Tatwohnung, Anm.) . Und dann habe ich die Polizei gerufen, die hat gesagt: Gehen Sie ihm nach. Aber wie komme ich dazu, dass ich dem nachgehe? Das war hundertprozentig er, ich bin überzeugt davon.“

Und dann haben sie ihn ein zweites Mal getroffen: „Ich habe ihn dann nochmal gesehen und er hat die Straßenseite gewechselt. Ich denke mir, vielleicht hat er mich durch sie gekannt, aber ich kannte ihn nicht. Wie er genau ausgeschaut hat kann ich heute nicht mehr sagen, er hat so eine Mütze aufgehabt. In der Pappenheimgasse habe ich ihn gesehen. Das war die gleiche Situation wie da drüben bei der Bibliothek. Er hat mich erkannt und ist dann weggegangen. Aber so abrupt, so wie man das macht, wenn einem plötzlich einfällt, dass man einen Schlüssel vergessen hat. Der war so um die 35 Jahre alt.“

 

Ermittler Schneider gibt die Hoffnung, den Täter nach so langer Zeit zu finden, dennoch nicht auf. „Wenn er noch im Land ist. Wenn er noch lebt, dann ist die Chance nach wie vor gegeben.“ Die Spuren sind in der DNA-Datenbank gespeichert. Und immer wieder wird diese Datenbank mit neuen Täterdaten gefüttert und verglichen. Irgendwann, so hofft er, wird es eine Übereinstimmung geben.

So lange wird man im Fall von Gerlinde Schöllbauer weiter ermitteln. „Bei einem ungeklärten Mord wird nie der Aktendeckel zugeworfen“, sagt der Polizist. Auch wenn er Realist ist: „Irgendwann muss man sagen können: Es ist alles gemacht. Wenn es jetzt noch einer besser kann, soll der es machen. Dann erst kann man einen ungeklärten Akt von einem Tötungsdelikt mit halbwegs ruhigem Gewissen zumachen. Vorher geht’s nicht.“

Wenn Sie Hinweise zu diesem Fall haben, wenden Sie sich bitte an das Landeskriminalamt Wien (Journaldienst) unter  (01) 313 10-33 800.

Der ganze Fall zum Nachhören im Crime-Podcast:                                                               

Interview mit DNA-Experten Walther Parson:

 

Walther Parson leitet die DNA-Forschungsabteilung am Institut für Gerichtliche Medizin in Innsbruck. Er gilt als einer der Experten auf dem Gebiet. Im Rahmen des EU-Projektes „Visage“ forscht er, welche Informationen künftig aus der DNA gewonnen werden können.

KURIER: Herr Dr. Parson, der Mordfall Schöllbauer ereignete sich vor 20 Jahren. Erst Jahre später konnten die DNA-Spuren vom Tatort ausgewertet werden. Warum?
Walther Parson: Vor etwa 25 Jahren hat man in Österreich mit der DNA-Analyse begonnen. Die frühe DNA-Untersuchung war noch sehr zeitaufwendig und man brauchte sehr viel DNA. Um Ihnen einen Rahmen zu geben: Es dauerte ein bis zwei Wochen vom Eintreffen einer Probe bis man mit einem Ergebnis rechnen konnte. Man brauchte auch relativ große Mengen. Mann kann sich das so vorstellen: Man brauchte eine Menge, die einer Fingernagel-großen Blutspur entsprach.

Was ist heute alles möglich?
Unter optimalen Umständen können wir ein DNA-Profil in weniger als drei Stunden produzieren. Was aber noch entscheidender ist: Für eine erfolgreiche Analyse brauchen wir heute lediglich ein Hunderstel bis ein Tausendstel jener DNA, die wir noch vor 30 Jahren gebraucht haben. Wir können heute aus biologischen Proben DNA-Profile gewinnen, die wir mit freiem Auge gar nicht mehr sehen.

Sie forschen sehr intensiv daran, weitere Merkmale aus der DNA herausfiltern zu können.
Das Ziel ist, abzuschätzen, welche äußerlich sichtbaren Merkmale jene Person trägt, die eine Spur verursacht hat. Das kann die Hautfarbe, die Augen- oder die Haarfarbe sein. Jetzt können wir schon subkontinentale Regionen eindeutig voneinander abgrenzen.  Man kann etwa sagen: Diese Person ist dem europäischen Kontinent zuzuordnen.