Ehemalige Schiffswerft: Stadt in NÖ sagt Nein zu Millionenprojekt
Die Zukunft der Werft ist ungewiss. Die Gründe könnten nun einzeln verkauft werden.
Nur einen Gemeinderatsbeschluss – mehr hat es nicht gebraucht, um eine Investition von rund 200 Millionen Euro vom Tisch zu wischen. Die Korneuburger Stadtregierung hat sich gegen die aktuellen Pläne für die ehemalige Schiffswerft ausgesprochen.
Dort sollte ursprünglich ein Projekt mit der Signa-Gruppe realisiert werden, die jedoch Ende 2023 Insolvenz anmelden musste. Seither wird nach einem Käufer für jene 45 Prozent des Areals gesucht, das der Signa gehörte. Keine leichte Aufgabe, denn wenn das Gebiet entwickelt werden soll, geht es nur mit der Stadtgemeinde; ihr gehören weitere 45 Prozent der Werft-Flächen, der Rest ist in Privatbesitz.
Letzte Chance vorbei?
Und dennoch ist es der Signa Development Selection AG gelungen, einen Interessenten zu finden: Die International Communities Organisation, kurz ICO, die eng mit der UNO verbunden ist. Diese bestätigte gegenüber den NÖN im März, dass man in Gesprächen mit der Stadtgemeinde sei.
Geplant wurde ein internationales Bildungsquartier, in dem bis zu 800 Studierende aus aller Welt unterrichtet werden sollten. Außerdem waren Wohnbauten, Studentenunterkünfte, ein Hotel sowie Sport- und Freizeitflächen vorgesehen. Die bestehenden denkmalgeschützten Gebäude sollten saniert und für Gastronomie genützt werden. Unterm Strich hätte das 300 neue Arbeitsplätze gebracht, die Bauzeit war für drei Jahre veranschlagt.
„Bei diesem Projekt hätte die Stadt ihre eigenen Interessen wahren können“, sagt Markus Neurauter von der Signa Development Selection AG im KURIER-Gespräch. Der Anbieter sei durchaus bereit gewesen, bei der Bebauung Kompromisse einzugehen. Außerdem wären bei den vorliegenden Plänen nur ein Viertel der Werfthalbinsel für die Hotelanlage genützt worden.
Der Rest hätte nach wie vor als Erholungsraum genutzt werden können – und damit weit mehr als beim umstrittenen Signa-Projekt, bei dem auf der Insel hochpreisige Wohnbauten direkt an der Donau entstanden wären. Für Neurauter also eine Win-win-Situation – weshalb er das Nein des Gemeinderates nicht verstehen kann. „Von unserer Seite herrscht komplettes Unverständnis, warum die Stadt das Angebot abgelehnt hat und diese Chance für Korneuburg verstreichen lässt“, sagt er. Man hätte damit eine der letzten Möglichkeiten, die Werft gesamthaft zu entwickeln, verworfen. Denn das Interesse an dem Areal sei „sehr überschaubar“, noch dazu von entsprechend finanzkräftigen Investoren.
Ist die Errichtung eines neuen Stadtviertels verloren?
Es liege zwar auch ein Angebot der Stadtgemeinde für einen Kauf der Signa-Gründe vor, dieses sei angesichts eines gutachterlichen Werts von 23 Millionen Euro aber völlig unrealistisch. „Um das Geld, das die Stadt geboten hat, wird die Bank nicht verkaufen, sondern kauft lieber selbst“, ist Neurauter überzeugt. Die Folge: Die Gründe in der Werft würden einzeln veräußert. Damit wäre das Konzept eines neuen Stadtviertels, in das die Signa und die Stadt viele Jahre Arbeit und auch viel Geld investiert hätten, verloren.
- Was wird aus der ehemaligen Werft? Diese Frage steht in Korneuburg seit Jahren im Raum. Sie wurde 1852 von der „Ersten Donaudampfschifffahrtsgesellschaft (DDSG) für den Bau und die Reparatur von Schiffen errichtet.
- Um die Jahrhundertwende galt die DDSG als die größte Binnenreederei der Welt. Dementsprechend wurde die Werft rasch ausgebaut, mit jenen denkmalgeschützten Ziegelgebäuden, die bis heute erhalten sind.
- Unter den Nationalsozialisten waren rund 1.700 Arbeiter in der Werft beschäftigt, in der Besatzungszeit wurden Schiffe für die Sowjetunion erbaut.
- 1955 gingen die DDSG und damit die Werft wieder in den Besitz Österreichs über.
- Danach ging es mit der „Schiffswerft Korneuburg AG“ schrittweise bergab; 1991 wurde die Werft privatisiert und 1993 geschlossen. Seitdem wird immer wieder darüber nachgedacht, die Werft als Stadtteil zu entwickeln; unter dem früheren SPÖ-Bürgermeister Wolfgang Peterl kaufte die Stadt das Areal. Kultur, Bildung und Wissenschaft sollten dort Raum finden. Ins Rollen kam das Projekt aber erst unter der ÖVP; ein Bürgerbeteiligungsprojekt wurde gestartet.
- 2019 kaufte die Signa-Gruppe die Anteile der BOP-Immoholding an der Werft und einigte sich mit der Stadt auf eine Kooperation. Entstehen sollte auf dem Areal eine Mischung von Wohnbau, Arbeit, Kultur- und Freizeitangeboten.
- Als Signa jedoch Insolvenz anmelden musste, war schnell klar: Das Projekt, in das von beiden Seiten bereits viel Geld gesteckt wurde, ist Geschichte.
- Besonders umstritten ist die Bebauung der Werfthalbinsel mitten in der Donau: Signa wollte dort Luxusimmobilien errichten. Durch die Pleite wurden jedoch Stimmen laut, die dort, in unmittelbarer Nähe des Natura-2000-Gebiets, ein Erholungsgebiet fordern.
- Gewidmet ist das Areal für eine industrielle Nutzung. Mittlerweile redet auch die Landespolitik mit; die SPÖ wünscht sich dort eine „Donauinsel für NÖ“. Derzeit gilt eine Bausperre.
Für Neurauter gibt es nun nur noch eine Chance, das Ruder herumzureißen: Die Stadt müsse die Gespräche mit ICO wieder aufnehmen und sich als verlässlicher Partner präsentieren. „Dann könnte sich der Investor vielleicht doch noch umstimmen lassen“, hofft Neurauter.
Stadt lehnte ab: "Mehrwert für Korneuburg fehlt"
Was ÖVP-Stadtchef Christian Gepp jedoch nicht anstrebt; man habe das Konzept eingehend geprüft und aus gutem Grund abgelehnt. „Das Projekt ist zweifellos spannend, aber uns fehlt der Mehrwert für Korneuburg.“ Der geplante Bildungscampus, übrigens der erste dieser Art, hätte nur wenig Anreiz für Außenstehende geboten, die Werft zu besuchen – was für die Stadt aber immer die Grundidee einer Entwicklung gewesen wäre. Zudem hätte Korneuburg durch einen Grundstückstausch zwar den Großteil der Werftinsel für sich gewonnen, auf die Entwicklung des Festlandes hätte man aber keinen Einfluss mehr gehabt.
Stadt will mitbestimmen
„Nur Zuschauer zu sein ist nicht das, was wir wollen“, begründet Gepp das Nein des Gemeinderats. Auch dann nicht, wenn die Stadt in Sachen Kapital nicht mit einem privaten Investor mithalten kann. „Wir können finanziell nicht in Vorlage treten, aber wir können die Werft gestalten“, denkt er beispielsweise an Umwidmungsverfahren, für die es politische Beschlüsse braucht.
Das Kaufangebot der Stadt für die Signa-Gründe liege vor. Sollte ein Einzelverkauf beschlossen werden, könnte sich Korneuburg aber auch daran beteiligen, überlegt Gepp. Neurauter kann über das Vorgehen der Stadt nur den Kopf schütteln. „Mit der Ablehnung des Investorenprojekts verzichtet Korneuburg auf zukünftige Einnahmen und Wertschöpfung in dreistelliger Millionenhöhe sowie auf internationale Sichtbarkeit. Hier geht es nicht mehr um die Sache, sondern um Ideologie“, ortet er politische Beweggründe.
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