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Polizeigewalt
08/05/2019

Klima-Demo: Prügelvideo wurde verändert

Debatte um Manipulation: Experte fand Auffälligkeiten. Der Urheber erklärt, er habe nur Szenen wiederholt.

von Dominik Schreiber, Johanna Hager

Die Videos von Polizei-Festnahmen rund um die nicht angemeldete Blockade der Brücke bei der Urania sorgten für Aufsehen. Von „Scheinhinrichtungen“ war die Rede und angeblicher Polizeigewalt. Bekannt war bereits, dass sich die knapp 100 Demonstranten mit Superkleber die Fingerkuppen präpariert hatten, um nicht identifizierbar zu sein. Nun sind weiters Verdachtsmomente aufgetaucht, das Video könnte manipuliert worden sein und mehr Schläge zu sehen sein als es wirklich gab. Auch die angeblichen Nierenschläge könnten erfunden worden sein, wie eine Untersuchung durch den Amtsarzt ergeben hatte.

Vorwürfen von einem möglicherweise manipulierten Video widerspricht Marcus Hohenecker, der Urheber des Videos, vehement. Er gibt aber zu, Sequenzen verändert bzw. vervielfacht zu haben.

Schon kurz nach der Klimademo  tauchten Videos auf, die vor allem in sozialen Netzwerken die Wogen hochgehen ließen. „Das war für uns eine Nachhilfestunde in Sachen Öffentlichkeitsarbeit“, sagte ein ranghoher Polizist damals zum KURIER. Viele in der Exekutive sahen sich zu Sündenböcken gemacht.

Schlüsselszene war jene, in der ein Beamter einen Demonstranten schlägt. Der Beamte gibt an, den Arm getroffen zu haben, um eine Festnahme zu ermöglichen. Er habe nur zwei oder drei Mal zugeschlagen. Der Demonstrant, der am Boden lag, hatte seine Hände unter dem Körper. Das entsprechende Vorgehen wurde von ihm dokumentiert.

Auf dem Film sind hingegen mehrere Schläge zu sehen, und jemand ruft: „In die Nieren!“ Ob dies ein Zeuge, der Festgenommene oder ein Polizist ist, das lässt sich anhand des Videos nicht genau feststellen.

Keine Nierenverletzung

Der Festgenommene wurde amtsärztlich untersucht, wie Innenminister Wolfgang Peschorn nun in einer Beantwortung der parlamentarischen Anfrage von Alma Zadic (damals Jetzt, jetzt Grüne) angibt. Dabei wurden festgestellt: Ein Bluterguss über dem linken Schulterblatt, oberflächliche Kratzer im Bereich des linken Schulterblatts, oberflächliche Kratzer (...) Höhe Lendenwirbelsäule und multiple Blutergüsse am linken Oberarm innenseitig. Das stützt die Aussage des Polizisten, Verletzungen in der Nierengegend wurden keine entdeckt.

Nach Aussagen des betroffenen Polizisten wurden „zwei bis drei Schläge ausgeführt“, wie Peschorn angibt. „Dass auf dem medial verbreiteten Video mehr Schläge zu sehen sind, ist wohl auf die nachfolgende Bearbeitung (Wiederholung von Sequenzen) zurückzuführen. Die Ermittlungen hätten ergeben, dass „der Betroffene selbst schrie: Sie treten mich in die Nieren.“ Peschorn stellt jedenfalls fest: „Die Fauststöße (...) hatten den Zweck, die Körperspannung des Mannes zu lösen, um dadurch einen Zugriff auf die (...) verborgenen Hände zu haben.“

„Loops“ eingebaut

Hohenecker, der Urheber des Videos, beteuert, das Video, das er in sozialen Medien gezeigt habe, nicht manipuliert zu haben: Er habe nur am Ende des Videos sogenannte „Loops“ eingebaut – sprich: Er habe eine Szene mehrmals gezeigt. „Das ist wie bei einem Fußball-Match: Wenn ein Tor nochmals gezeigt wird, würde auch niemand behaupten, es handelt sich um eine Manipulation.“ Der Polizei habe er die Urversion des Videos jedenfalls zur Verfügung gestellt. Verbreitet wurde allerdings dann ein anderes - mit mehr Schlägen.

Das Video beschäftigt derzeit aber auch das deutsche Fraunhofer-Institut in Darmstadt. Jemand hat die Aufnahmen dort zur Analyse hingeschickt, wie Professor Martin Steinebach dem KURIER bestätigt: „Aufgrund unserer Expertise beim Ibiza-Video wurden wir kontaktiert, ob wir das untersuchen können.“ Die erste Expertise habe gezeigt: „Das Video hat seine Eigenarten.“ Das könne durch eine Komprimierung auf Twitter oder durch eine gezielte Manipulation entstehen, so Steinebach. Um das wissenschaftlich und abschließend zu klären, benötige man aber den Auftrag einer Behörde. Von dort sei bisher nichts dazu ergangen.  Woher der Auftrag kam, das Video zu prüfen, das wolle man nicht sagen.

Nikolaus Rast, der Anwalt des betroffenen Beamten, will nun mit "voller Härte" gegen die möglicherweise falschen Anschuldigungen vorgehen, wie der gegenüber dem KURIER sagte.