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Chronik Österreich
01/10/2021

Im weißen Rausch: Tourengehen zwischen Genuss und Gefahr

Wie Marcel Hirscher verfallen immer mehr Menschen der Skitouren-Leidenschaft. Für Unerfahrene birgt das freie Gelände jedoch viel Risiko.

von Patrick Wammerl, Katharina Salzer

Im Stangenwald gilt er als bester Rennläufer der Geschichte. Abseits der Piste behauptet selbst ein Ausnahmekönner wie Marcel Hirscher, ein "Anfänger" zu sein und "noch vieles lernen" zu müssen, was Schneebeschaffenheit und die Lawinengefahr anbelangt.

Diese aufrichtige Selbsteinschätzung eines der besten Alpinsportlers veranschaulicht die enorme Komplexität und Gefahr des Tourenskisports. Seit seinem Karriereende ist Hirscher der Leidenschaft völlig verfallen. Ein Blick auf seine Social-Media-Kanäle lässt keinen Zweifel aufkommen: Marcel im weißen Rausch!

Die erste "Line" in den unberührten Pulverschnee zu ziehen, wirkt auf viele Sportler fast schon magisch. So sehr, dass sie im frühen Morgengrauen bereits mit Stirnlampen Richtung Gipfel ziehen, um möglichst ungestört und allein das Freiheitsgefühl auskosten zu können. "Die Gelassenheit gegenüber früher ist verloren gegangen. Kaum ist der erste Schnee da, wollen alle hinaus. Selbst bei den widrigsten Bedingungen. Und das birgt natürlich die größten Gefahren", sagt dazu Peter Paal, Präsident des Kuratorium für Alpine Sicherheit (ÖKAS).

Unfallzahlen steigen

Seit Jahren erfährt der Tourenskisport einen noch nie da gewesenen Boom. Er wird durch die Corona-Pandemie, das damit veränderte Freizeitverhalten und Umstände wie gesperrte Skigebiete nochmals deutlich befeuert. Nach Angaben des Kuratoriums bewegt sich die Zahl der potenziellen Skitourengeher in Österreich zwischen 400.000 und 700.000 Personen – je nachdem, welchen Untersuchungen man Glauben schenkt.

Die Wahrheit liege vermutlich in der Mitte. "Wir rechnen mit einem zweistelligen Zuwachs an Tourengehern und einem noch höheren prozentuellen Anstieg an Schneeschuhwanderern in diesem Winter", sagt Paal. Es sei dementsprechend zu befürchten, dass in weiterer Folge auch die Zahl der Verunfallten und Verunglückten im Gelände steigen wird.

Bereits der vergangene Corona-Sommer habe deutlich einen Trend erkennen lassen. 3.204 Bergunfälle mit 2.527 Verletzten und 122 Alpintoten vom 1. Mai bis 30. September 2020 in Österreichs Bergen bedeuteten einen absoluten Negativrekord. Laut Alpinunfallstatistik gab es eine Zunahme an Alpinunfällen von mehr als 30 Prozent im Vergleich zum Durchschnittswert der vergangenen zehn Jahre.

Wenig Vorkenntnisse

Auch wenn durch den Corona-bedingten Einbruch des Skitourismus die Pistenunfälle heuer massiv zurückgehen werden, rechnet man auf der anderen Seite mit einer Zunahme der Zwischenfälle im freien Gelände. Laut Paal hätten gerade "urbane Gelegenheitssportler" wenig Vorkenntnisse und "wenig technisches Know-how, wie man sich im alpinen Gelände und im Schnee bewegt".

Der Sommer habe gezeigt, dass sich zunehmend mehr Menschen in den Bergen aufhalten, die dort sonst gar nicht oder nur selten anzutreffen sind. "Die Pandemie hat den Trend zum alpinen Outdoorsport wesentlich beschleunigt", erklärt Paal.

Pistengehen vs. freies Gelände

Diese Beobachtungen decken sich auch mit jenen der Österreichischen Bergrettung. "Gerade in der Nähe der Ballungszentren sind so viele Menschen wie nie zuvor im alpinen Bereich unterwegs", sagt der Chef der Bergrettung NÖ/Wien, Matthias Cernusca. Grundsätzlich sei dieser Trend hin zu einer sportlichen Lebensweise zu begrüßen. "Wenn man sich nicht selbst überschätzt".

Wer keine Kurse besucht, kaum Lawinenkenntnisse hat und nur Tourenski und Felle besitzt, der habe abseits der Piste nichts verloren. "Diese Personen sollten sich eher an das Pistengehen halten", sagt Cernusca. Wen es hingegen ins freie Gelände zieht, für den ist eine Standard-Sicherheitsausrüstung mit Lawinenverschütteten-Suchgerät (Lawinenpieps), Sonde und Schaufel ein absolutes Muss, sagt der Bergretter.

Seit einigen Jahren sei zum Glück auch ein deutlicher Trend zum Lawinenairbag zu erkennen. "Wir sehen, dass die Leute immer besser ausgerüstet sind. Das ist sehr positiv, allerdings nützt einem das beste Equipment nichts, wenn man nicht weiß wie man damit umgeht", erklärt Cernusca. Er empfiehlt Tourengehern deshalb dringend, einen der Kurse zu besuchen, den alpine Vereine oder Bergführer laufend anbieten.

Auch Marcel Hirscher überlasse im freien Gelände nichts dem Zufall oder Glück. Mit einem seiner Lehrmeister, dem legendären Hias aus dem Lammertal, hatte auch schon der KURIER das Vergnügen. In fast allen alpinen Regionen gibt es laut Kuratorium für alpine Sicherheit erfahrene Bergführer, die einem zum ungefährlichen Tourenerlebnis verhelfen.

Extreme und berühmte Touren

1.760Kilometer lang ist die  Super-Haute-Route, die längste Skitour der Alpen. Sie führt von Wien nach Nizza. Es gilt 105.199 Höhenmeter zu überwinden. Für manche Sportler ist ihre Bewältigung ein Lebenswerk. Wer Grenzen überwinden will, kann das auch auf der Ski Trans-Alp Trento-Oberstorf. 256 Kilometer umfasst die Tour und die vier Länder Italien, Schweiz, Österreich und Deutschland

85Kilometer misst die wohl bekannteste Skitour der Alpen. Die Haute Route von Chamonix (F) nach Zermatt (CH). Sie ist so schön wie gefährlich.

Tipps: Sicher auf der Tour

Ausrüstung Zur allgemeinen Sicherheitsausrüstung bei Skitouren gehören ein Lawinensuchgerät, Lawinensonde und -schaufel. Empfohlen werden auch Harsch-Eisen bzw. ein Lawinenairbag-Rucksack (ABS).

Ausbildung Alpine Vereine wie der Alpenverein bieten Basis- und Fortgeschrittenen-Kurse für Skitourengeher.  Dabei werden Kenntnisse über die richtige Technik, Tourenplanung, Orientierung und Lawinenkunde gelehrt.

Ausführung Bei den alpinen Vereinen sowie dem Verband der österreichischen Berg- und Skiführer können Guides für beliebige Touren im Alpenraum gebucht werden.

Tausende Jahre auf Brettern: Die Geschichte des Skifahrens

Die Fortbewegung auf Skiern – wenn auch nicht zum Spaß –  ist uralt. Wie alt, darüber streiten die Wissenschaftler. Chinesische Forscher denken, dass sich Menschen bereits nach der letzten Eiszeit im asiatischen Altai-Gebirge Holzlatten  unter die Füße banden, um besser jagen zu können.  Das sei 8.000 v. Chr. gewesen. Allerdings lassen sich die belegenden Felszeichnungen schwer datieren.  Eine  Felsgravur in Norwegen ist – fix bestimmte – 4.000 Jahre  alt.

Der bisher älteste Ski wurde in einem Moor in Schweden gefunden. Er zählt 4.500 Jahre, ist 100  Zentimeter lang und 10 breit. Doppelt so alte Fragmente, die Ski sein könnten, wurden  zudem  in Russland gefunden.

Aus dem pragmatischen Ansatz, sich kraftsparend durch verschneitet Landschaften zu bewegen, ist aber erst  im 18. Jahrhundert ein Sport und Freizeitvergnügen geworden. Um Spaß zu haben und Rennen zu fahren, wurde  in Telemark (Norwegen) ein Ski entwickelt.

Schwung aus Lilienfeld

Was aber ist mit den Alpen, mit Österreich? Matthias Zdarsky aus Lilienfeld (NÖ) probierte ein paar Ski aus Norwegen aus. Er stellte fest, dass die Bretteln für das Gelände zu lang waren und die Bindung zu wenig Halt gab. Er kürzte die Ski auf 1,80 Meter und entwickelte eine neue Bindung. Zdarsky kreierte Ende des 19. Jahrhunderts die erste alpine Schwungtechnik. 1905 wagte er die erste Steilabfahrt vor Publikum, um die Überlegenheit seines Stils zu demonstrieren.

Ein Pionier war auch Hannes Schneider (1890 in Stuben geboren). Er erfand die Arlberg-Technik – den Stemmbogen. Dieser wurde in den 1930er-Jahren durch den Parallelschwung abgelöst.  Der wird heute noch gefahren - wenn auch auf Carvingskiern.

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