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Chronik Österreich
04/07/2021

Gibt es tatsächlich mehr Frauenmorde?

Nach neuerlicher Bluttat. Die Statistik ist nicht wirklich eindeutig

von Dominik Schreiber

Vier Kinder im Alter zwischen acht und siebzehn Jahren werden ohne Mutter und de facto auch ohne Vater aufwachsen. Mittwochvormittag erstach laut Polizei ein 43-jähriger Mann in Graz seine 38-jährige Ehefrau. Vermutliche Tatwaffe war ein Messer. Den Täter erwartet möglicherweise lebenslange Haft.

Der Fall wäre ein typischer Mordfall. Rund 80 Prozent der Opfer haben ein Naheverhältnis zu ihrem Peiniger. Stichwaffen sind die meist verwendeten in Österreich. Und wie nach jeden derartigen Fall wird gebetsmühlenartig angeprangert, dass Österreich das Land mit der höchsten Quote an Frauenmorden wäre und nirgends in Europa die Lage so schlimm ist. Mancherorts wird jeder Frauenmord einzeln gezählt und mit Nummern versehen, um die Dramatik zu erhöhen.

Doch tatsächlich gibt es kaum Hinweise darauf, dass die Zahl der Frauenmorde steigt oder dass der Anteil an weiblichen Opfern tatsächlich merkbar zunimmt.

Das Problem Femizide ist eindeutig vorhanden, aber für eine Verschlimmerung gibt es nicht sehr viele Anzeichen. Das erste Mal berichtet wurde in Österreich über diesen angeblichen Trend in einem Artikel eines Polizei-Fachmagazins darüber im Jahr 2018. Darin wird auf eine Eurostat-Untersuchung verwiesen, wonach nirgends in der EU so viele Frauen gewaltsam ums Leben kommen wie in Österreich.

Veraltete Daten

Doch schon damals waren die Zahlen nicht mehr ganz neu, sie stammten großteils aus dem Jahr 2015. Dazu kommt, dass sehr geringe Zahlen miteinander verglichen werden, in manchen Ländern gab es einstellige Zahlen an Frauenmorden, statistisch völlig wertlos (siehe Gesetz der kleinen Zahlen). Dennoch wird diese alte Untersuchung seither ständig in den Medien aufbereitet.

Völlig unklar bleibt dabei, wie die Länder eigentlich zählen. In den europäischen Staaten gibt es sehr unterschiedliche Regelungen, wie Tötungsdelikte abgestuft sind. Ein echter Vergleich wäre unseriös. In England etwa steht auf einen Mord immer lebenslange Haft, deshalb wird oft ein anderes Tötungsdelikt angeklagt, um dem Richter Spielraum zu geben.

In Österreich hingegen gibt es gerade Mord-Ermittlungen, weil die Polizeieinheit WEGA bei einem Einsatz eine mit einem Messer bewaffnete Pensionistin angeschossen und getötet hat. Damit läuft das bereits unter dem Titel Frauenmord.

Früher mehr Mordopfer

Geht man bis in die 70er-Jahre zurück, dann gab es damals mehr Mordopfer als heutzutage. Damals überwog noch leicht der Männeranteil. Glaubt man Experten, dann ist aber nicht die Zahl der Tötungsdelikte zurückgegangen, sondern nur die Zahl der entdeckten Mordfälle. Damals wurde praktisch jeder Tote von der Gerichtsmedizin obduziert, heute ist nur ein Bruchteil. Das bedeutet, dass etwa Morde durch Gift seltener entdeckt werden. Diese Tötungsart hingegen wird eher von Frauen gewählt.

Ob es also tatsächlich mehr Morde an Frauen als früher gibt, lässt sich seriös kaum beantworten. Etwas aussagekräftiger wäre das Thema Gewalt, wenn man sich die (höhere) Zahl der Mordversuche anschaut. Dort ist die Zahl der männlichen und weiblichen Opfer relativ gleich hoch.

Fest steht: Die Polizei hat im vergangenen Jahr 54 Ermordete entdeckt, darunter sind 31 Frauen und 23 Männer. Und es wurden insgesamt sechs Millionen Euro aus der Kasse des Innenministeriums für Projekte zum Schutz der Frauen vor Gewalt ausgegeben.

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