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Chronik Österreich
10/25/2020

KZ Hinterbrühl: Das Grauen blieb Teil seines Lebens

Marcello Martini war vierzehn, als er ins Konzentrationslager kam. Dass er überlebte, war das erste Wunder. Seine Geste der Versöhnung das zweite.

von Barbara Mader

Diese unglaubliche Geschichte von Frieden und Versöhnung beginnt mit dem Decknamen Languste. So wurde das unterirdische Werk in der Seegrotte Hinterbrühl genannt, wo Zwangsarbeiter für die deutsche Wehrmacht schuften mussten.

Hier, in diesem Nebenlager des Konzentrationslagers Mauthausen, war der erst 14-jährige Italiener Marcello Martini interniert. Gefangen und beinahe zu Tode gequält, weil er und sein Vater sich am militärischen Widerstand gegen die deutsche Besatzung beteiligt hatten.

Und hier, an diesem Schauplatz des Verbrechens, an das heute eine Gedenkstätte erinnert, sollte, so verfügte Marcello Martini, nach seinem Tod ein Teil seiner Asche begraben werden. Warum? „Marcello wollte alles tun, um das Vergessen zu verhindern. Er wollte die Erinnerung am Leben erhalten und allen, die damals unter so furchtbaren Umständen ums Leben gekommen sind, eine Stimme geben“, sagt Mariella, Martinis Witwe. Sie hat mehr als 70 Jahre an der Seite ihres Mannes verbracht. Und schließlich, fügt die

91-Jährige, hinzu, sei dieser Ort eben ein Teil seines Lebens. Hier blickte er in die Seele der Menschen.

Mariella und Marcello lernten einander 1948, im Alter von 18 Jahren, kennen. Sie blieben zusammen bis zu seinem Tod im August 2019. Ein Teil von Marcellos Asche wurde nun unter einem Gedenkstein in Hinterbrühl begraben. Da, wo vor wenigen Jahren ein Ort der Erinnerung entstanden ist, den nicht alle Einwohner hier befürwortet haben.

Ob Mariella die Beweggründe ihres Mannes verstehen kann? „Ja, obwohl das nicht leicht zu begreifen ist. Mein Mann ist einen weiten Weg gegangen. Vom jahrzehntelangen Schweigen über die Überwindung der Scham bis zum Mut, darüber zu sprechen. Und letztlich bis zum Verzeihen. Denn Rache wollte er nie.“

Ein Menschenleben lang

Jakob Mitterhöfer lernte Marcello Martini kennen, als er 2003 Pfarrer wurde. „Als ich ihn fragte, wie es ihm gelungen sei, zu verzeihen, sagte er: Man muss sich selber verzeihen, was man durchgemacht hat. Man soll aufhören, darüber zu klagen, warum einem das passiert ist, und zu sich selbst halten.“ Die Scham, über schreckliche Erlebnisse zu reden, würden auch Schwerkranke kennen, sagt Mitterhöfer. Wem es gelänge, diese Scham zu überwinden, der könne auch über all jene sprechen, die einem Böses getan haben. „Dieser unglaubliche Weg hat bei Marcello ein Menschenleben gedauert.“

Es war am 9. Juni 1944, als die SS das Haus der Martinis in der Nähe von Florenz stürmte. Im Visier hatten sie eigentlich Vater Mario, einen Widerstandskämpfer. Er war jedoch kurz zuvor entkommen. An seiner Stelle nahm man den Sohn, fast noch ein Kind, gefangen. Über ein Auffanglager nahe Bozen kam Marcello zunächst nach Mauthausen und kurz darauf nach Hinterbühl. „Man sagte uns, wir seien hier, um für das große Deutschland zu arbeiten. Es sei großzügig, uns zu erlauben, leben zu dürfen. Wir seien das Allerletzte der Menschheit. Banditen, Subversive, Asoziale; man wäre glücklich, uns zu töten, sollte einer die Arbeit verzögern oder Sabotage betreiben,“ schrieb Marcello Martini über diese Zeit in seinen Lebenserinnerungen.

Tag und Nacht

Bei Tag und bei Nacht schufteten die Häftlinge, Deportierte aus ganz Europa, in den unterirdischen Stollen, ursprünglich Resultat von Brunnenbohrarbeiten. Nach einem gigantischen Wassereinbruch entstand hier ein See, der im Jahr 1932 als „Seegrotte“ für Besucher geöffnet wurde. Als die Nazis einen bombensicheren Produktionsstandort für eine Flugzeugfabrik suchten, fiel die Wahl auf die Grotte.

Man pumpte das Wasser ab. Zwangsarbeiter bauten hier, Seite an Seite mit Facharbeitern aus der Gegend, Flugzeugrümpfe. Sie wurden von KZ-Wächtern beaufsichtigt. Wer auffiel, der wurde gefoltert, mit geladenen Elektrokabeln geprügelt oder erschossen. SS-Gruppen kamen aus Wien zur Lagerbesichtigung. Um zu demonstrieren, wie effizient der elektrische Zaun war, wurden Häftlinge hineingeworfen. Sie starben qualvoll.

In den letzten Kriegstagen 1945 löste die NS-Führung das Außenlager auf und befahl den KZ-Häftlingen, ins 207 Kilometer entfernte KZ Mauthausen zu marschieren – was nur wenige überleben sollten. Am 1. April 1945 wurden auf dem Appellplatz des Lagers Hinterbrühl mehr als tausend Deportierte versammelt – auch aus anderen Lagern, die Kleidung zerschlissen, die Köpfe kahl und voller Angst. Man spürte, dass etwas in der Luft lag, heißt es in Martinis Erinnerungen. Würde man nun auch sie in den Stollen ermorden? In einer Ecke des Platzes stand ein alter Anhänger mit weißen, in Papier gehüllten Bündeln. Es waren die Leiber der nicht gehfähigen Kranken, die in der Nacht zuvor mit einer Benzinspritze ins Herz getötet worden waren.

Ein endlos langer Zug

Manche Hinterbrühler berichteten später von jenem Ostersonntag, als sie aus der Messe kamen, und an ihnen vorbei bewegte sich ein endlos langer Zug an Menschen, ausgemergelt, verzweifelt, bleich. Es folgte ein acht Tage dauernder Fußmarsch voll Hunger und Eiseskälte. Am Straßenrand lagen die Leichen derer, die man auf dem Weg erschossen hatte. Marcello überlebte dank seiner Jugend und der Hilfe einiger Mitgefangener. In Mauthausen empfing ihn der Geruch verbrannten Fleisches aus dem Krematorium.

Nach der Befreiung des KZ Mauthausen am 5. Mai 1945 kehrte Martini zurück nach Italien. Er war ein anderer geworden. Abgemagert, kahl, stumm. Mutter und Schwester erkannten ihn nur an seinen Augen.

Marcello maturierte, promovierte und wurde – ausgerechnet – Flugzeugbauer. Über das, was ihm widerfahren war, sprach er nie. Sein Beruf führte ihn oft ins Ausland. Nach Amerika und Deutschland. „Wenn er Deutsch hörte, wurde er stumm und unwirsch“, erinnert sich Tochter Allesandra. „Man konnte lange Zeit nur erahnen, was in ihm vorging“, sagt Witwe Mariella. „Einmal, es war wohl Ende der 1960er-Jahre, hat er mir wirklich Angst gemacht. In Turin demonstrierten Rechtsextreme. Marcellos Gesichtsausdruck veränderte sich, er war wie ausgetauscht und sagte, ich solle ihn nicht ansprechen. Jahre danach, bei einer Abendeinladung, saß ein junger Deutscher an unserem Tisch. Es war die Zeit der Militärdiktatur in Argentinien, man kam auf die dortigen Lager zu sprechen, die manche mit den KZ in Europa verglichen. Der Deutsche sagte, die habe es in Wahrheit gar nicht gegeben. Marcello war plötzlich wie versteinert und sagte zum ersten Mal vor Publikum: ‚Doch, es gab sie. Ich war dort.‘ “

Davor hatte sich Marcello Martinis Zunge erst einmal gelöst: nach Jahrzehnten des Schweigens bei seinem ersten Besuch in Mauthausen. Nach und nach begann er, über seine KZ-Zeit zu sprechen. Er fing an, das Erlebte aufzuarbeiten, hielt Vorträge und besuchte immer öfter Hinterbrühl. Die Gedenkstätte wurde sein „Sacrario“, sein Heiligtum.

Marcello Martini starb 2019 im Alter von 90 Jahren als letzter KZ-Häftling von Hinterbrühl. Man dürfe, sagte er, nicht so viel nach dem Warum fragen. Man müsse darüber hinwegkommen.

Zum Weiterlesen: Mit 14 Jahren im KZ. Das Leben des Marcello Martini: Vom Todesmarsch zur Versöhnung. Von P. Jakob Mitterhöfer. SVD 96 S., geb., € 19,50. Erhältlich via Kral-Verlag (office@kral-moedling.at).

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