Attersee

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Chronik Österreich
10/26/2020

Gasteinertal: Fütterverbot für den Hirschflüsterer

Ein zerbissener Schutzwald hatte das Ende für eine Schaufütterung von Hirschen zur Folge.

von Matthias Nagl

Der Auslöser des Problems liegt schon lange zurück. Im November 2002 wütete Föhnsturm „Uschi“ im Gasteiner Tal – und schlug große Waldflächen kahl. In vielen Gebieten funktionierte die Wiederaufforstung. Im Angertal, einem Seitental des Gasteinertals, führte der Kahlschlag aber zu einem langen Konflikt zwischen Wildpflegern und Waldpflegern.

Den Bundesforsten als Besitzer großer Schutzwaldflächen kam bei der Aufforstung die Schaufütterung eines benachbarten Jägers, der als „Hirschflüsterer“ bekannt wurde, in die Quere. Die Schaufütterung war so erfolgreich, dass die Rotwild-Population stark anwuchs. Statt 100 Stück, die das Gebiet gut verträgt, waren teilweise weit mehr als 200 Hirsche, Hirschkühe und Jungtiere unterwegs.

Das führte im frisch gesetzten Jungwald zu massiven Wildschäden. Das Wild knabberte die frischen Triebe ab und schälte die Rinde von den Bäumen. „Von mehr als 80.000 Pflanzen, die wir gesetzt haben, steht nur noch circa die Hälfte“, sagt Hannes Üblagger, Betriebsleiter des Bundesforste-Forstbetriebs Pongau. Aber auch die Bäume seien stark in Mitleidenschaft gezogen.

Population wuchs stark

Was folgte, war ein behördliches Verfahren gegen den Reviernachbarn wegen Waldverwüstung, mehrere weitere Gerichtsprozesse und schließlich heuer die gerichtliche Schließung der Schaufütterung des Hirschflüsterers. Mit diesem Schritt haben die Bundesforste auch eine üppige Rotwild-Population „geerbt“.

Laut Gerichtsurteil soll der Rotwildbestand im Jänner nächsten Jahres 100 Stück betragen. Das ist längst illusorisch. Im Frühjahr 2020 betrug der Bestand mindestens 205 Stück. Über den Sommer dürfte er kaum gesunken sein, obwohl die Berufsjäger der Bundesforste heuer bereits 70 Stück Jungwild und Hirschkühe erlegt haben.

Eine Besonderheit der Angertaler Population ist nämlich, dass auf einen Hirsch fünf weibliche Tiere kommen. Dieses Verhältnis beschleunigt das Wachstum des Bestandes zusätzlich. Um die Population konstant zu halten, wäre ein Verhältnis von eins zu eins notwendig.

Behördliche Schließung

Durch die behördliche Schließung der Fütterung würden über den Winter allerdings viele Tiere verenden. In Zusammenarbeit mit der Jägerschaft des Gasteiner Tals und in wissenschaftliche Abstimmung mit der Universität für Bodenkultur in Wien haben die Bundesforste eine Ersatzfütterung eingerichtet. Dadurch soll das Wild durch den Winter gebracht werden, um den Bestand in der Folge – durch Jagd – auf ein für den Wald verträgliches Maß zu bringen.

Erst dann ergibt ein Aufforsten des Schutzwaldes Sinn. „Wir rechnen mit drei Jahren, bis es so weit ist“, erklärt Üblagger von den Bundesforsten. Da es sich um einen Schutzwald handelt, ist die Situation heikel. „Der Hang ist extrem erosionsgefährdet. Es ist dringend notwendig, dass hier wieder Wald steht. Zum Glück sind keine Objekte darunter, aber es ist ein begehrtes Ausflugsziel“, sagt Üblagger.

Ohne Schutzwald drohen im Winter Lawinen, im Sommer und Herbst bei Starkregen Muren. „Das ist die Konsequenz, wenn der Boden für längere Zeit ohne Waldvegetation bleibt“, erklärt der Betriebsleiter. Erst vergangenes Jahr war das Gasteinertal von einem Starkregenereignis betroffen, das für zahlreiche Muren sorgte.

Aufforstung ab 2023

Ab 2023 soll der Schutzwald dann mit reduziertem, aber überwiegendem Fichten-Anteil aufgeforstet werden. Vermehrt sollen auch Lärchen, Tannen und Bergahorn gesetzt werden.

Bis dahin lassen sich die Bundesforste die Wildpflege einiges kosten. Der Aufbau einer neuen Fütterung hat 50.000 Euro gekostet. Ihr Betrieb kostet jährlich noch einmal das Gleiche und ist personalintensiv. Im Winter müssen zwei Berufsjäger täglich 600 Kilo Heu in die Futterkrippen schaffen. Die Kosten für das Futter werden von der gesamten Hegegemeinschaft, dem Zusammenschluss der Jäger, getragen.

Warum der Schutzwald wichtig ist

Wald ist nicht gleich Wald: Rund 30 Prozent der österreichischen Waldfläche sind laut dem Landwirtschaftsministerium Schutzwald. Dieser hat vor allem im alpinen Raum eine wichtige Funktion: Er schützt vor Naturgefahren wie Lawinen, Steinschlag, Erdabrutschen, Hochwasser oder Wind.

Das Forstgesetz unterscheidet zwischen sogenannten Standortschutzwäldern und Objektschutzwäldern. Die Standortschutzwälder befinden sich an sensiblen, zum Beispiel erosionsgefährdeten,  Standorten. Objektschutzwälder schützen  Siedlungen, Anlagen oder Verkehrsflächen. Bei den Flächen im Angertal handelt es sich um Standortschutzwälder. „Die Bäume nehmen einen Großteil des Niederschlags auf. Sie verlangsamen den Niederschlag und bis zu 30 Prozent des Regens verdunsten wieder, bevor er den Boden erreicht“, erklärt Hannes Üblagger, Leiter des Bundesforste-Forstbetriebs. Die Baumwurzeln stabilisieren zudem den Waldboden.

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