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Chronik Österreich
11/08/2020

Terror in Wien: "Fromme Lieder gesungen und daneben Teufel angebetet"

Psychiaterin Adelheid Kastner erklärt, wie Radikalisierung passieren kann und was Attentäter erreichen wollen.

von Claudia Stelzel-Pröll

Wenn in Österreich Verbrechen passieren, darf sie bei der Aufarbeitung nicht fehlen: Gerichtspsychiaterin Adelheid Kastner analysiert im KURIER die Hintergründe zum Attentat in Wien.

KURIER: Was muss passieren, damit Gewaltfantasien in die Tat umgesetzt werden?

Adelheid Kastner: Da gibt es mehrere Möglichkeiten. Entweder es ist die Einbindung in eine Gruppe, was es bei diesem Attentäter offenbar nicht war. Da ist man immer einsatzbereit und irgendwann kommt von außen die Befehlsausgabe. Und es gibt jene, die von den Gewalttaten anderer aktiviert werden. In unserem Fall könnte der junge Mann von den erst kürzlich verübten Anschlägen in Paris und Nizza aufgerüttelt worden sein, quasi als Nachahmungstäter.

Der Attentäter war ja bereits inhaftiert und hat ein Deradikalisierungsprogramm absolviert, das offensichtlich nicht gefruchtet hat. Wie kann das passieren?

Das ist easy. Das sagte schon Shakespeare: Ein Mann mag lächeln und trotzdem ein Schurke sein. Ausschlaggebend für die Bewertung einer Person ist wesentlich weniger das, was diese Person sagt als das, was sie tut. Man kann schöne Worte und Floskeln nachplappern. Das setzt keine überragende Intelligenz voraus. Es kann sogar Teil des inneren Programmes sein, dass man sich denkt: Die sind eh so blöd, die lassen sich so leicht täuschen. Das Problem liegt da eher auf der anderen Seite. Dieser Verein Derad müsste eigentlich rückgemeldet bekommen, was dieser Mann so tut. Wenn es diese Vernetzung nicht gibt, dann kann der Berater viel leichter getäuscht werden. Dass die Beraterseite an die Wirksamkeit der eigenen Intervention glauben möchte, ist auch verständlich. Wie selbstkritisch man hier ist, kann ich nicht beurteilen, fest steht nur, dass sich der Beratene selbst sicher nicht infrage gestellt hat.

Viele aus dem Umfeld des Attentäters hätten nie mit einem Amoklauf gerechnet.

Wenn jetzt viele sagen, sie hätten das diesem Mann nie zugetraut, muss ich fragen: Warum denn nicht? Das ist ja keine neue Entdeckung, dass Leute täuschen können. Der war die ganze Zeit heftig drauf. Er hat halt fromme Lieder gesungen und daneben den Teufel angebetet, wenn man es so zugespitzt formulieren will. Dazu muss man nicht besonders gescheit sein.

Gibt es für einen Attentäter eine allgemeine psychiatrische Diagnose?

Attentäter haben gar nichts, die sind nicht krank. Moralisch verwerflich und krank kann man nicht gleichsetzen. Der hat keine Psychose, keine Schizophrene oder sonst was. Der hat eine Überzeugung, der er sich anschließt und die für ihn irgendeinen Benefit hat. Der Benefit ist meistens: Ich bin was Besseres. Das wird dann zu einer überwertigen Idee, mit der dieser Mensch rechtfertigt, alle Grenzen zu überschreiten.

Warum ist diese Öffentlichkeit so wichtig? Was will der Attentäter damit erreichen?

Bei Terror geht darum, maximale Angst zu verbreiten. Wenn ein noch so geschüttelter Islamist daheim seine Frau erwürgt, ist das kein Terroranschlag. Terror betrifft meist Beliebige. In der Regel spaltet sich bei solchen Terroranschlägen die Gesellschaft, das will der Attentäter erreichen. Es kommt dazu, dass die Mehrheitsgesellschaft gegen eine ganze Gruppe, nicht nur gegen Einzelpersonen, Aversionen entwickelt. Das kann dazu führen, dass der g’standene Österreicher sagt: ‘Die ganzen Moslems können mir gestohlen bleiben!‘

Die Mobilisierung dieser Extremisten funktioniert normalerweise so, dass man ihnen sagt, ‘ihr seid die Besseren, aber schaut euch an, wie ihr in dieser Gesellschaft behandelt werdet. Ihr werdet verachtet, erniedrigt, habt die schlechteren Jobs, usw.‘.

Nach einem Terroranschlag kann es wirklich zu einer schlechteren Behandlung einer ganzen Gruppe kommen, etwa dass Menschen auf der Straße angepöbelt werden. Wenn nun ein bis dato null radikalisierter Mann diese Schlechterbehandlung tatsächlich ständig erlebt, kann es sein, dass er sich einer extremistischen Vereinigung anschließt. Es ist also nicht nur menschlich verwerflich, jetzt alle Muslime in eine Schublade zu stecken, sondern es ist auch dumm und ebenfalls eine Form der Radikalisierung.

Gibt es noch mehr dieser „Schläfer“ in Österreich?

Mich hat nicht erstaunt, dass der Terror auch bei uns ankommt. Das ist entsetzlich und schockierend. Man versteht, warum das so wirksam ist. Ich gehe sehr wohl davon aus, dass es bei uns noch einige dieser Schläfer gibt. Ein Teil dieser Leute ist schon vom IS importiert worden, als dieser noch stark und mächtig war. Mit einer gewissen Grundausstattung und -ausbildung sitzen die nun und warten. Der IS hat damals viele Leute rekrutiert.

Und natürlich gibt es noch diese fanatisierten Typen, die nie wirklich mit dem IS in Verbindung sind und waren, aber glauben, man könne komplexe Probleme mit simplen Methoden lösen, wenn die nur radikal genug sind. Die lassen sich über Rattenfänger-Methoden einfangen und radikalisieren sich nach der Do-it-yourself-Methode.

Zur Person: Adelheid Kastner

Vor Gericht: Ob das Gutachten für  Josef Fritzl oder erst kürzlich für den Wullowitz-Attentäter: Adelheid Kastner, 58,  wird als Gerichtspsychiaterin in Österreich für die großen Fälle herangezogen

In der Klinik: Kastner ist Leiterin der Klinik für forensische Psychiatrie am Kepler Uniklinikum in Linz

 

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