Judge holding gavel in courtroom

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Politik Inland
11/08/2020

Attentäter vor Gericht: Selbstmordattentate? "Hätte ich mich nicht getraut"

Dem KURIER liegt das Prozess-Protokoll des Attentäters vor. Es gibt interessante Einblicke, wie gewaltbereit Kujtim F. war.

von Ida Metzger

Sieben Monate – zuerst vier Monate in der Türkei, dann in Österreich – war Kujtim F. bereits in Haft, als er vor dem Richter Andreas Hartz am 25. April 2019 erschien. Keinen Bart wie andere Gefährder trug er damals. Sein Anwalt Niki Rast beschreibt den späteren Attentäter sogar als „Milchbuben-Gesicht“.

Der Wiener mit nordmazedonischen Wurzeln präsentierte sich geläutert, er bekannte sich schuldig, stellte es als Jugendsünde dar, dass er nach Syrien reisen wollte, um sich dem IS anzuschließen. Prozessbeobachter schildern, dass der damals 18-Jährige vom Verteidiger durchaus gut gecoacht war, weil Kujtim F. auf den ersten Blick die Einsicht, dass der IS die „radikalste Form des Islam sei“, durchaus glaubhaft machte. So spulte er vor dem Gericht alle Sätze gefügig ab, die notwendig waren, um Distanzierung vom IS zu demonstrieren.

Liest man aber das Gerichtsprotokoll von Kujtim F. genau durch, dann existierten sie doch, die kleinen Hinweise, dass nicht alles so war, wie es oberflächlich schien. Etwa in all den kurzen Antworten. Kein Wort der Läuterung zu viel lieferte Kujtim dem Richter, etwa als dieser ihn zum IS befragte. Möglicherweise hätten zu viele Worte Kujtim F. auch enttarnt.

Alles war gut einstudiert, zeigt das Protokoll:

Richter: „Was würden Sie sagen, welche Richtung der IS vertritt?“ Kujtim F.: „Die schlimmste Schiene“.

Richter: „Was heißt das für Sie? Kujtim F.: „Dass man Leute tötet, dass man solche Gräueltaten macht“.

Richter: „Ungläubige zum Beispiel?“ „Ja“.

Richter: „Wer sind Ungläubige?“. Kujtim F.: „Alle Nicht-Muslime“.

Richter: „Wer wurde als Ungläubiger gesehen?“

Kujtim F.: „Jeder“.

Vorsitzender: „Den darf man mit allen Mitteln verfolgen?“

Angeklagter: „Ja“.

Ambivalente Aussagen

Dann waren da noch die verräterische Nebensätze oder diverse Reaktionen, wenn der spätere Attentäter öfters stockte, bevor er dem Richter eine Antwort gab. Hier, berichten Prozessbeobachter, war es spürbar, dass er nach wie vor eine Rolle spielte.

Eine Schlüsselszene war jene, als der Richter Kujtim befragte, ob er in den Kampf für den IS gezogen wäre.

Richter: „Was hätten Sie getan, wenn jemand zu Ihnen gesagt hätte, jetzt sollen Sie als Soldat kämpfen?“

Kujtim F.: „Damals hätte ich es vielleicht getan, aber jetzt nicht mehr.“

Richter: Auch Kampfeinsätze?“ Der Angeklagte: „Ja.“

Richter: „Auch Selbstmordattentate?“ Kujtim F. antwortete entschlossen: „Das hätte ich mich nicht getraut.“

Vielleicht war seine Angst der Grund, warum der Sprengstoffgürtel, den Kujtim F. in der Terrornacht trug, eine Attrappe war.

Dann folgte eine interessante Frage. Der Richter wollte wissen, was der spätere Attentäter getan hätte, wenn ein IS-Kommandant von ihm verlangt hätte, dass er einem Menschen „den Kopf abschneiden sollte“. Der damals 18-Jährige zögerte im Gerichtssaal kurz, dachte nach. Er lieferte kein entschlossenes Nein, wie bei der Frage nach dem Sprengstoffgürtel, sondern gab eine ambivalente Antwort: „Ich weiß nicht, ob ich das gemacht hätte, jetzt würde ich nein sagen, aber damals weiß ich es nicht“.

Noch heute ist Prozessbeobachtern seine Replik im Gedächtnis. Verrät sie doch, dass hier ein Gewaltpotenzial schlummert, wenn jemand bei so einer Gräueltat erst überlegen muss, ob er sie begehen würde oder nicht.

Videos in der Moschee

Seine Radikalisierung schilderte der Attentäter vor Gericht so. Als Österreicher habe er sich „nie schlecht behandelt gefühlt“. Vor der Radikalisierung bezeichnete er sich als gläubig, aber als „normal, seit klein auf. Ich bin so aufgewachsen. Dann hat das mit dem IS in der Moschee begonnen“. Der Attentäter besuchte Ende 2016 eben jene Moschee im 16. Bezirk, die am Freitag von den Behörden geschlossen wurde. Damals ließ er sich einen Bart wachsen, hatte oft Streit mit seiner Mutter und hoffte auf ein besseres Leben. „Es gab Leute, die mich angeschrieben haben, die gesagt haben: ,Du kannst zu uns kommen. Es gibt ein schönes Leben.‘“

Auf die Frage, was er über die Gräuel-Videos dachte, antwortete Kujtim F.: „Ich habe mir solche Videos nicht so direkt angeschaut, weil ich nicht wusste, wo man die Sachen findet. Die Leute, die ich getroffen habe, die haben mir das gezeigt und erklärt, dass das gut ist, dass man so etwas macht, als Rache, und dann bin ich weiter in diese Schiene geraten“. Diese „Schiene“ endete mit vier Todesopfern am 2. November.

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