"Berti Blockwardt passt auf" - eine Puppenfigur von Nikolaus Habjan

© Nikolaus Habjan

Chronik Österreich
04/19/2020

Freiwillige Hilfssheriffs: Denunzieren im Dienst der Gesellschaft

Warum der historische Begriff des Blockwarts jetzt wieder im Gespräch ist.

von Barbara Mader

Wie leicht man dieser Tage unter Verdacht gerät: Der Student, der auf der Parkbank in der Sonne sitzt; die Familie, die mit ihren Kindern im Park spielt; die Jogger, die im Wald ohne Maske unterwegs sind. Sie alle werden nun von manchen Mitbürgern kritisch beäugt – Motto: Derfen s’ denn des?

Unser derzeit extrem reglementiertes Leben führt nicht nur zu übereifrigen Amtshandlungen, sondern ruft auch freiwillige Ordnungshüter auf den Plan. Es gibt eine Anzeigenflut wegen „Verstößen gegen die neue Epidemiegesetzgebung“, und so mancher Hilfssheriff denunziert freiwillig – im Namen der Solidarität.

Da wird Entgegenkommenden von Weitem die Aufforderung „Sicherheitsabstand einhalten!“ entgegengebrüllt. Man kontrolliert, wer bei den Nachbarn ein- und ausgeht. Und Menschen, die sich ohne Maske im Freien aufhalten, werden, rein präventiv, als „Lebensgefährder“ bezeichnet.

Ausspionieren

Den Puppenspieler und mehrfachen Nestroy-Preisträger Nikolaus Habjan hat das auf die Idee des „Berti Blockwardt“ gebracht, der sich mit Inbrunst in den „Dienst der Gesellschaft“ stellt und die Nachbarschaft ausspioniert (derzeit auf der Homepage des Falter zu sehen).

Habjan hat schon einige bitterböse Figuren kreiert, die mit Leidenschaft andere bespitzeln. Worin die Lust am „Vernadern“ besteht? Es gehe um Machtausübung, die man mit dem „Dienst an der Gesellschaft“ rechtfertigen könne, sagt Habjan. Die Krise bringe viele Facetten des Menschseins zutage: einerseits Nähe und Wärme, andererseits auch viel Ekelhaftes.

"Freude am Denunzieren"

„Die Freude am Denunzieren liegt in der Luft“, sagt auch die Historikerin Michaela Raggam-Blesch. „Das hängt damit zusammen, dass unser Alltagsleben zur Zeit durch gesetzliche Verordnungen sehr reglementiert ist. Natürlich kann man die heutige Situation nicht mit der NS-Zeit vergleichen. Dennoch drängt sich die Frage auf: Wie verhalten sich Menschen, wenn es eine Flut an Verordnungen einfach macht, andere wegen ,Verstößen’ anzuzeigen?“

Die nun oft zitierten Blockwarte waren historisch gesehen als Funktionäre der NSDAP dafür zuständig, einen Häuserblock zu kontrollieren. Wenn heute vom Blockwart im Sinne eines „Vernaderers“, also Denunzianten, die Rede ist, ist das eine leichte Unschärfe, denn der Blockwart hatte ein ihm übertragenes Amt inne.

Im Unterschied zu jenen, die die Nachbarschaft aus Privatvergnügen denunzierten. Allerdings war der Übergang fließend, der Genuss an der Überwachung wohnte nicht selten der offiziellen Funktion ebenso wie dem privaten Denunziantentum inne. In der Literaturgeschichte kommt der Blockwart auch in Helmut Qualtingers „Herr Karl“ vor.

Als andere Form des Blockwartes könnte man auch die für die„soziale Kontrolle“ zuständige „Auskunftsperson“ in der DDR bezeichnen.

Blockwarte: Dienst an "einer höheren Sache"

Matthias Beitl, Direktor des Wiener Volkskundemuseums, präzisiert: „Der Blockwart ist ein stehender Begriff für eine selbst ernannte Kontrollfunktion, der sich in unserem Sprachgebrauch seit dem Nationalsozialismus gehalten hat.

Im Glauben, einer höheren Sache zu dienen - damit ist jede Ideologie, politisch, gesellschaftlich wie religiös gemeint – ist es leicht, sich in der Gruppe zu profilieren und sich so sanktionierter Weise über andere zu stellen.“

Über das sogenannte Richtige im Sinne der vorgegebenen Appelle sei kaum zu diskutieren. Daher brauche, wer nun Aufforderungen ausspreche, auch kaum ein Argumentarium und so könne nun jeder ein bisschen „Leader“ sein – im Sinne einer kollektiven Disziplinierung, sagt der Volkskundler und warnt: „Das Mithelfen beim Erhalt oder beim Herstellen einer kollektiven Ordnung kann durch ein in Aussicht gestelltes Belohnungssystem sehr schnell in ein Denunziantentum umgewandelt werden.“