© Getty Images/iStockphoto/haydenbird/IStockphoto.com

Chronik Österreich
02/10/2020

Forensiker sind Drogenpost auf der Spur

Suchtgift-Lieferungen per Post werden immer häufiger. Um die Absender auszuforschen, bekommt die Polizei Unterstützung von Wissenschaftlern.

von Michaela Reibenwein

Daniel Lichteneggers Droge ist Kaffee. Den braucht er. „Wer bei uns arbeitet, hat keinen Job von neun bis fünf“, sagt er. Lichtenegger leitet das Büro zur Bekämpfung der Suchtmittelkriminalität im Bundeskriminalamt.

Die Arbeit hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Um sich heute auf die Spur der Drogenhändler zu machen, braucht es einen Computer. Die Geschäfte laufen immer öfter über das Darknet ab – ein illegaler Marktplatz im Internet. Käufer und Verkäufer bekommen sich dort nie zu Gesicht, erfahren ihre wahren Namen nicht, bezahlen mit Kryptowährungen. Doch auch dieses System hat Schwachstellen. „Jeder macht Fehler“, sagt Lichtenegger.

73,7 Kilo Suchtmittel

Die Postverteilerzentren sind ein guter Ort, um den Händlern auf die Spur zu kommen, die Aufgriffe von Drogen in der Post steigen rasant an. Im Vorjahr wurden 73,7 Kilo und 19.367 Stück Suchtmittel allein im Briefzentrum in Wien-Inzersdorf aufgegriffen – eine Steigerung um 80 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.Seit Kurzem haben die heimischen Ermittler ein neues Ass im Ärmel: Sie bekommen nämlich Hilfe von Forensikern.

Im Rahmen eines EU-Projektes mit den bayrischen Kollegen werden ausgewählte Postsendungen mit Suchtgift-Inhalt nun genau untersucht. Sprich: Sämtliche Spuren des Absenders werden durch die Kriminaltechnik und die Gerichtsmedizin in Innsbruck analysiert. Gibt’s eine Übereinstimmung mit der Datenbank des Innenministeriums, ist der Dealer im Handumdrehen ausgeforscht.

„Die Drogenpost macht mittlerweile rund zehn Prozent bei der Suchtgift-Kriminalität aus. Hier ist sicher noch einige Luft nach oben, wenn die Kontrolldichte steigen würde“, sagt Lichtenegger. Denn die Ressourcen sind begrenzt. Aktuell befassen sich lediglich vier Polizisten mit dem Drogenhandel via Postversand und Internet im neu geschaffenen Referat im Bundeskriminalamt.

Lichtenegger hat beim Postversand speziell die österreichischen Händler im Visier. „Dahinter steckt oft die klassische organisierte Kriminalität. Aber es sind auch Leute darunter, die wohnen noch daheim bei ihren Eltern und sitzen nur vor dem Computer“, schildert der Ermittler.

Erst kürzlich konnten 14 Vendoren, so werden die Darknet-Verkäufer genannt, ausgeforscht werden. Sie stammen alle aus dem Wiener Bereich, einige wurden festgenommen.

Aber nicht immer werden Drogen kiloweise mittels Postsendungen verschickt, oft sind es nur kleine Mengen, die in Briefen an die Abnehmer gelangen – doch die Anzahl dieser Briefe macht es aus. Verschickt wird alles, was gefragt ist. Kokain, Heroin oder synthetische Drogen.

Briefgeheimnis

Was Lichtenegger und seinen Kollegen oftmals die Arbeit erschwert, ist das Briefgeheimnis – ein Grundrecht, das in der Verfassung steht. Gibt es entsprechende Hinweise, dass Drogen per Post unterwegs sind, muss erst ein Staatsanwalt für Untersuchungen grünes Licht geben.

Doch hat man sich erst einmal auf die Spur eines Verkäufers geheftet, betrage die Erfolgsquote 90 Prozent, sagt der Ermittler. Und ist ein Verkäufer ausgeforscht, hängen auch Hunderte Abnehmer dran. „Das Netz vergisst nicht“, sagt Lichtenegger. Das trifft auch fürs Darknet zu. Wobei: Konsumenten werden zwar angezeigt, Verurteilungen gibt es wegen der gesetzlichen Lage aber selten, dafür oftmals eine verpflichtende Therapie.

Fakten:

184 Menschen starben 2018 in Österreich an Drogen. Die meisten davon in Wien  – hier waren es 79 Tote

41.000 Anzeigen nach dem Suchtmittelgesetz wurden  erstattet. Das bedeutet einen leichten Rückgang

76 Kilogramm Heroin wurden 2018 sichergestellt, außerdem 75 Kilo Kokain und 1500 Kilo Cannabis sowie 83.000 Stück Ecstasy. Der durchschnittliche Schwarzmarktpreis betrug für ein Kilo Heroin betrug 32.000 Euro, für ein Kilo Kokain 50.000

 

Jeder Dritte hat sich schon einmal einen Joint gedreht

Der  Drogenbericht und der Epidemiologiebericht Sucht 2019 des Kompetenzzentrums Sucht zeigen für Österreich eine stabile Lage in Sachen illegale Drogen. „Fast alle verfügbaren Daten des Drogenmonitorings zeigen einen Rückgang bzw. eine Stagnation des risikoreichen Opioidkonsums in der Altersgruppe der unter 25-Jährigen. Das weist  auf eine Entspannung hinsichtlich der Opioidproblematik hin“, sagt Martin Busch, Leiter des Kompetenzzentrums Sucht.

Derzeit gebe es  auch keine eindeutigen Hinweise auf eine nachhaltige Verlagerung des risikoreichen Drogenkonsums auf andere Substanzen. Suchtmittel Nummer eins der  Österreicher bleibt weiterhin Nikotin. Jede vierte bis fünfte Person raucht täglich. Beim Alkohol wird die Bevölkerung zurückhaltender: Der problematische Alkoholkonsum, alkoholassoziierte Erkrankungen und Todesfälle sind seit Jahren rückläufig.

Jugendsünde

Konsumerfahrungen mit illegalen Drogen finden in Österreich am häufigsten mit Cannabis statt. 30 bis 40 Prozent der jungen Erwachsenen haben sich schon einmal einen Joint gedreht. Vier Prozent haben EcstasyKokain und Amphetamin probiert. Generell beschränke sich der Konsum  aber meist auf eine kurze Lebensphase.

Doch nicht immer: Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass in Österreich 35.000 bis 38.000 Menschen einen risikoreichen Opioidkonsum haben. Der in den vergangenen Jahren zu beobachtende Anstieg dieser Rate sei allerdings in erster Linie darauf zurückzuführen, dass auch Süchtige länger leben.

Die Anzahl älterer Personen (40+) in Substitutionsbehandlung hat sich zwischen 2000 und 2018 beinahe verzehnfacht – von 724 Personen auf 7.165 Personen. Rund die Hälfte der Personen mit risikoreichem Opioidkonsum befindet sich den aktuellsten Schätzungen zufolge in Substitutionsbehandlung. Es ist außerdem gelungen, über die Jahre die Behandlungsrate von opioidabhängigen Personen massiv zu erhöhen.

2018 befanden sich insgesamt  19.216 Personen in Substitutionsbehandlung. Österreichweit werden rund drei Viertel aller Substitutionsbehandlungen von  Allgemeinmedizinern durchgeführt.
Bei der am  weitesten verbreitete Droge, dem Nikotin, befindet sich Österreich im europäischen Vergleich über dem Durchschnitt. Tabakrauchen (inklusive Passivrauchen) ist in Österreich laut Schätzungen für 15 Prozent aller Todesfälle verantwortlich.  

Rauchstopp

Ein Drittel der Raucher hat im Lauf des vergangenen  Jahres erfolglos versucht, mit dem Rauchen aufzuhören. Frauen rauchen nach wie vor etwas seltener und im Durchschnitt weniger Zigaretten pro Tag als Männer, ihr Rauchverhalten hat sich jedoch jenem von Männern über die Jahrzehnte zunehmend angeglichen.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.