THEMENBILD: DROGEN / SUCHTMITTEL

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Chronik Wien
11/17/2019

Wien ist die Nummer 1 bei Kokain

Auch in Kärnten und Tirol wird viel geschnupft. Den Handel zu stoppen, ist für die Polizei schwierig.

von Birgit Seiser

„Ganz Wien greift auch zu Kokain, überhaupt in der Ballsaison.“

1980 besang Falco den Wiener Lifestyle und listete dabei alle möglichen Drogen auf, die in die Nasen und Venen der feinen und weniger feinen Gesellschaft wanderten.

Fast 40 Jahre nach der Veröffentlichung von „Ganz Wien“ ist die Bundeshauptstadt immer noch die unangefochtene Nummer eins in Sachen Kokain (Besitz wie Konsum). Das bestätigt der Leiter des Büros Suchtmittelkriminalität des Bundeskriminalamts, Daniel Lichtenegger, dem KURIER.

„Die meisten Anzeigen in Relation zur Anwohnerzahl gibt es in der Bundeshauptstadt. Nach Wien gibt es in Kärnten und in Tirol die meisten Delikte.“ Zum Vergleich: Österreichweit gibt es sechs Mal mehr Anzeigen wegen Cannabis als wegen Kokain.

Denkt man aber an die Beschaffung der jeweiligen Drogen, ist es doch verwunderlich, dass so viel Kokain konsumiert wird.

Die Beschaffung

Während Cannabis nämlich aus verschiedenen Herkunftsländern kommt und theoretisch auch jeder die Pflanzen zuhause anbauen könnte, muss Kokain aus Südamerika geschmuggelt werden.

„Pro Jahr werden rund 2.000 Tonnen Kokain produziert. Hauptsächlich kommt die Droge aus Kolumbien, aber auch in Peru und Bolivien wird Kokain hergestellt. Die Drogen gelangen dann meist mit Frachtschiffen nach Europa und werden von den großen Häfen im Norden, wie zum Beispiel Rotterdam, nach Europa gebracht“, sagt Lichtenegger.

Cocaine

Dass hoher Wellengang für die Dealer äußerst geschäftsschädigend sein kann, zeigt ein aktuelles und sehr skurriles Beispiel aus Frankreich: Seit Wochen werden an mehreren Stränden im Südwesten große Päckchen mit Kokain angespült.

Die Polizei vermutet, dass ein Container über Bord gegangen sein dürfte. Insgesamt fanden die französischen Behörden so bisher Drogen im Wert von mehreren Millionen Euro. Der Reinheitsgrad des angespülten Kokains ist mit 83 Prozent sehr hoch.

Dass die Qualität von Kokain im Laufe der Jahre gestiegen ist, bestätigt auch Daniel Lichtenegger: „Die importierten Drogen haben meist einen Reinheitsgrad von rund 90 Prozent. Im Straßenverkauf wird dieser dann auf bis zu 20 bis 50 Prozent gestreckt. Die Qualität ist im Moment aber jedenfalls höher als noch vor einigen Jahren.“

Die Konsumenten

Je nach Qualität ändert sich auch der Preis der Droge. Pro Gramm muss man 50 bis 150 Euro bezahlen.

Aktuell wurde in verschiedenen Medien vom Fall eines Wiener Anwalts berichtet, bei dem im Zuge einer Hausdurchsuchung wegen der Ibiza-Affäre eine geringe Menge Koks sichergestellt worden sein soll. Der Anwalt bestritt die Vorwürfe gegen ihn.

Laut Experte Lichtenegger konsumieren Menschen aus allen sozialen Schichten Kokain. Mehr als 50 Prozent der Anzeigen betreffen Personen, die zwischen 25 und 39 Jahre alt sind.

Die Banden

Obwohl die Kriminalisten sehr viel über die Transportwege und die Produzenten von Kokain wissen, ist es schwierig, Hintermänner zu fassen. Laut Lichtenegger liegt das daran, dass beim Transport Korruption im großen Stil betrieben wird. An den Häfen würden wegen Schmiergeldzahlungen viele Augen zugedrückt.

Banden – vor allem aus der Balkanregion – sollen die Droge dann nach Zentraleuropa bringen. Vereinzelt wird Kokain auch von sogenannten Bodypackern im Körper geschmuggelt. Ein neuer Trend zur Beschaffung ist das Internet.

Zwar werden in erster Linie Amphetamine wie Ecstasy verkauft, aber auch Kokain kann unkompliziert bestellt und per Post geliefert werden. „Es kommen jeden Tag zigtausende Sendungen in den Verteilerzentren an. Alle zu überprüfen, ist nicht möglich“, sagt Lichtenegger.

Vorläufige Zahlen zeigen, dass 2019 wieder mehr Kokain in Österreich konsumiert wurde als im Vorjahr.

Oder – um es mit Falco zu sagen: „Ganz Wien ist so herrlich hin.“

„Kokainkonsum ist mit teils schweren gesundheitlichen Risiken verbunden“, warnt das Gesundheitsministerium. Die Droge verengt die Blutgefäße, der Blutdruck steigt. Auf dem öffentlichen Gesundheitsportal gesundheit.gv.at sind die akuten Komplikationen aufgelistet: Sie reichen von erweiterten Pupillen über Unruhe und Angst „bis hin zu Herzrhythmus- und Durchblutungsstörungen (schlimmstenfalls Herzinfarkt), Gehirnblutungen, Krämpfen, Koma, Atem- und Herzstillstand, Nieren- und Leberversagen“. 

Bei chronischem Konsum kommt es zu psychischen Veränderungen wie Ängsten, Ruhelosigkeit oder auch Aggressivität. Körperlich sind die Langzeitfolgen für das Herz-Kreislauf-System massiv – nicht nur die Herz-, auch die Gehirndurchblutung kann beeinträchtigt werden, das Schlaganfallrisiko steigt.

Durch das Schnupfen kann die Nasenscheidewand dauerhaft entzündet und löchrig werden. Unterschätzt wird vielfach  auch die rasche Entwicklung einer Abhängigkeit.  EM