Rund 1.000 Insassen verbüßen in der Josefstadt ihre Strafen

© Fremd/gnedt martin

Interview
05/02/2020

Ex-Chefin der Josefstadt: "Eine gefängnislose Gesellschaft wäre schön"

Zwölf Jahre lang leitete Helene Pigl die größte Justizanstalt Österreichs. Dem KURIER erklärt die nunmehrige Pensionistin, warum man Häftlinge gut behandeln sollte – und Strafe trotzdem sein muss.

von Raffaela Lindorfer, Michaela Reibenwein

Helene Pigl mag Kontraste. Sie gab einst einen Luxusjob auf, um hinter schweren, verschlossenen Türen zu arbeiten. Zwölf Jahre lang war sie Leiterin der Justizanstalt Wien-Josefstadt.

Jetzt hat sie statt Gittern die Hauptstadt vor Augen. Die 63-Jährige sitzt in ihrem liebevoll angelegten Garten am Rand von Wien. Am Tisch stehen Kaffee und Grießflammerie. Ihre beiden Katzen streifen durch das Gras.

Seit 1. Mai ist die studierte Soziologin in Pension, engagiert sich aber noch ehrenamtlich in der Telefonseelsorge. Denn wenn sie etwas kann, dann Krisen bewältigen, sagt sie.

Der KURIER traf sie zum Abschiedsinterview. Mit Sicherheitsabstand.

KURIER: Als Sie die Josefstadt 2007 übernahmen, war Wirtschaftskrise. Jetzt, wo Sie gehen, ist Corona-Krise ...

Helene Pigl: Im Strafvollzug ist man an Krisen gewöhnt. Man ist täglich mit der Bewältigung neuer Probleme befasst.

Welche Probleme sind das?

Der Bau ist 35 Jahre alt und sehr abgewohnt. Die Räume entsprechen nicht dem modernen Strafvollzug. Die Technik ist ebenso veraltet. Wir konnten die Leute zeitweise nur ein- oder zweimal in der Woche duschen lassen.

Wie sind Sie als junge Frau auf die Idee gekommen, so einen Job zu machen?

Meine Mutter hatte einen Gastgewerbebetrieb. Ich habe erst die Hotelfachschule gemacht und war drei Jahre lang im Hilton. Aber dieser Luxus – das ist für mich nicht das echte Leben. Ich bin ein positiver Mensch. Und ich dachte, es braucht in der Justiz jemanden, der die Leute nicht verurteilt, sondern der sie so nimmt, wie sie sind, und das Beste daraus macht.

Wie waren die Reaktionen?

Meine Mutter hat sich vermutlich gedacht: Das wird sie ohnehin nicht lange machen (lacht). Mir war klar, dass ich eine Exotin im Vollzug bin. Ich habe keinen Dialekt gesprochen und war mit allen per Sie. Das war keine Hochnäsigkeit, sondern Vorsicht. Etwas Distanz zu halten, war eine Strategie, um mich vor verbalen oder anderen Übergriffen zu schützen.

Gab es einen Plan B?

Ich wäre zum ORF gegangen als Moderatorin.

1982, als Sie angefangen haben, wie ist es da im Häfn zugegangen?

Das war eine andere Zeit. Im Jahr 1975 gab es ein neues Strafvollzugsgesetz, vorher durfte man als Vollzugsbeamter nicht einmal mit den Insassen sprechen – nur das Nötigste. Es hat einige Zeit gebraucht, bis manche Kollegen verinnerlicht haben, dass man Menschen in Haft resozialisieren bzw. erzieherisch betreuen muss.

Wie steht die Gesellschaft heute zum Strafvollzug?

Ich denke, dass die meisten Leute wenig vom Vollzug wissen. Da heißt es: „Strafe muss Strafe sein, wieso haben die einen Fernseher? Die sollen büßen!“ Viele sind sich überhaupt nicht bewusst, wie schlimm es ist, wenn einem die Freiheit genommen wird. Vielleicht ist die Corona-Krise eine Chance, dass sie einen Eindruck bekommen.

Aber Strafe muss doch wirklich sein, oder?

Ich habe 1986 ein Referat mit dem Titel „Die gefängnislose Gesellschaft“ gehalten. Schon damals habe ich gemeint, das wäre schön, aber nicht möglich. Es ist leider so, dass die Gesellschaft vor manchen Personen geschützt werden muss.

Wie haben Sie eigentlich Ihren Sohn erzogen?

Viel zu liberal (lacht). Das würde ich heute anders machen.

Was wäre für Sie das ideale Gefängnis?

Eines, das nach außen möglichst viel Sicherheit gewährt und nach innen möglichst viel Freiheit. Es kommen ja fast alle Insassen wieder zurück in die Gesellschaft. Es könnten Ihre Nachbarn sein.

Treffen Sie manchmal ehemalige Häftlinge auf der Straße?

Ja, doch, manchmal.

Ist das ein ungutes Gefühl?

Nein. Jeder, der mich persönlich kennengelernt hat, hat gespürt, dass ich keine wirklich Böse bin und nur meinen Job mache.

Wie viele Ausbruchsversuche haben Sie erlebt?

Keinen Ausbruch, aber es gab schon raffinierte Ideen. Einmal haben zwei Insassen einen Deal gemacht. Sie haben sich äußerlich angeglichen – den Bart wachsen lassen, die Haare gleich geschnitten. Dadurch ist der Falsche entlassen worden. Um so etwas zu verhindern, wurden die Kontrollen bei der Entlassung verschärft.

In Ihrer Amtszeit gab es viele sehr prominente Inhaftierte: Aliyev, Estibaliz C., Mensdorff-Pouilly, Elsner. Erschwert das den Alltag?

Das Interesse der Öffentlichkeit ist größer, aber ich habe immer gesagt: Für mich sind der Herr X und der Herr Y in Haft gleich zu behandeln. Länger telefonieren oder mehr Besuch sind nicht möglich.

Sie wurden einmal angezeigt wegen Kakerlaken.

Ja, für diese Tiere ist eine Justizanstalt, wo es warm, feucht und verwinkelt ist, die ideale Wohnung. Gänzlich beseitigen kann man sie nicht. Man wollte mich als Unternehmerin verantwortlich machen. Meinem Verständnis einer Beamtin entspricht das aber nicht. Schließlich wurde das Verfahren eingestellt.

Die Josefstadt soll 2021 saniert werden. Ein Lichtblick?

Ich habe immer darauf gedrängt, ein neues Gefängnis zu bauen. Es hat 2008 einen fix-fertigen Plan gegeben. Kurz vor dem Spatenstich wurde dieser fallengelassen – vermutlich aus finanziellen Gründen.

Bei all diesen Missständen: Haben Sie als Leiterin nicht aufgeschrien?

Doch, immer. Ich denke, dass es politisch nicht durchzubringen war.

Haben die Justizminister Sie im Stich gelassen?

Man hat aus meiner Sicht den ganzen Vollzug vernachlässigt. Die Leidtragenden sind in erster Linie die Mitarbeiter, weil die mit den Umständen jeden Tag zurechtkommen müssen.

Spielt die Parteifarbe der Minister eine Rolle? Sie haben ja alle erlebt.

Überhaupt nicht. Solche Themen verkaufen sich einfach schlecht, auch in den Medien. Die Schlagzeile „Brutaler Raubmord“ verkauft sich besser als „Justizanstalt hat fünf Lehrlinge ausgebildet“.

Was erwarten Sie von der grünen Justizministerin?

Schwer zu sagen in diesen Zeiten, es sind ja alle mit der Krise beschäftigt.

Sie hat immerhin eine Job-Offensive mit mittelfristig 300 Stellen gestartet…

Das ist alles lobenswert, aber es hilft derzeit nicht viel. Es dauert lange, bis die Neuen ausgebildet sind.

Wir fassen zusammen: Wir haben hier eine kakerlakenverseuchte, baufällige, viel zu kleine Bude, die nie genug Geld oder Personal bekommt. Wer soll sich den Job nach Ihnen antun wollen?

Eine Idealistin oder ein Idealist. Ich gehe mit einem sehr guten Gefühl. Ich habe mich nicht verkauft.

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