Chronik | Österreich
22.01.2018

"Es ist möglich, aus jeder Krise zu helfen"

Stock-Fotografie-ID:466053207 Selbstmord, Kind, Sklaverei, Obdachlosigkeit, Opfer, Desorientiert, Einsamkeit, Abgeschiedenhei… © Bild: Getty Images/iStockphoto/Bliznetsov/iStockphoto

Kinderpsychiater Helmut Krönke zu den jüngsten Suizid-Fällen von Kindern und Jugendlichen.

In Baden nimmt sich ein elfjähriges Flüchtlingskind das Leben. Kurz darauf kommt es an einem Gymnasium in Niederösterreich zum Suizidversuch eines 14-jährigen Jugendlichen.

Statistisch gesehen verübt in Österreich jeden vierten Tag ein junger Mensch unter 25 Jahren Selbstmord; die Zahl der Suizidversuche ist etwa 30 mal so hoch. In der Altersgruppe der 15 bis 29-Jährigen ist Selbstmord sogar die zweithäufigste Todesursache nach Unfällen. Warum das Thema gerade bei Kindern und Jugendlichen aktueller denn je ist, ob soziale Medien und Mobbing im Kindesalter ihren Teil dazu beitragen und wie man Signale gefährdeter Jugendlichen erkennen kann, darüber sprach der KURIER mit dem Wiener Kinder- und Jugendpsychiater Helmut Krönke.

Suizid,Dr. Krönke Helmut,Jugendpsychiater, Kinderpsychiater Wien, © Bild: Krönke

KURIER: Ein Elfjähriger, der sich das Leben nimmt. Läuft etwas in unserer Gesellschaft derart schief, oder hat es so dramatische Fälle schon immer gegeben?Helmut Krönke:Grundsätzlich kennen wir Problemfälle im Kindesalter schon sehr lange, gerade in Familien in denen schon einmal ein Suizid stattgefunden hat. So etwas prägt jemanden sehr stark. Das Risiko, dass jemand diesem Vorbild folgt, ist sehr hoch. In den USA gibt es außerdem bekannte Fälle von Kindern, die mit dem Umgang von Schusswaffen sehr geübt waren und dann tatsächlich zur Waffe gegriffen haben, weil sie leichten Zugang dazu hatten. Das ist in Europa sicher anders.

Man sollte meinen, Kindheit und Jugend sind eine sorglose, beschwerdefreie Zeit. Warum passieren in dieser Phase bereits Suizide?Die Pubertät ist eine schwierige Entwicklungsphase mit der Lösung von den Eltern und vielen Krisen. Jugendliche benötigen Aufklärung, wo sie professionelle Hilfe bekommen können. Man darf nicht vergessen, dass etwa zehn Prozent der Jugendlichen eine psychiatrische Erkrankung haben. Wichtig ist, das Tabu zu brechen, dass psychiatrische Erkrankungen etwas schreckliches und die Leute wahnsinnig sind. Es muss genauso gesehen werden wie Krebs oder jede andere Erkrankung auch.

Klingt, als müsste man in den Schulen ansetzen und dort Aufklärungsarbeit betreiben. Passiert auf diesem Sektor etwas?

Bisher passiert in den Schulen nur auf Zuruf etwas. Es zeigt sich aber, dass es präventiv Sinn machen würde. Ich bin nach solchen Terminen noch nie aus einer Klasse hinausgegangen, ohne das mich einer oder mehrere Jugendliche angesprochen haben, dass sie ihre eigenen Probleme in den Erzählungen wiedererkannt haben. Viele haben Stimmungsschwankungen, sind traurig und bei einigen geht das über die normalen pubertären Probleme hinaus.

Wir hören laufend von Mobbing auf Facebook und Co. Leisten die sozialen Medien dazu ihren Beitrag um die Sache zu verschärfen?

Auch ohne Facebook und Co. haben es meine Klassenkollegen und ich in den 1990er-Jahren hinbekommen, zu mobben und gemobbt zu werden. Wir haben jetzt mit dem Begriff Mobbing ein Wort dafür, das sehr inflationär verwendet wird.

Heißt das, die bekannten Fälle von Gewaltvideos und Bloßstellungen im Internet sind gar nicht so schlimm?

Nein. Was sich sicher geändert hat, ist die Brutalität. Ich habe ganz grausliche Geschichten erlebt, bei denen Jugendliche bis aufs Blut von Klassenkollegen gepeinigt und die Videos davon im Internet veröffentlicht wurden. Da sind die Täter leider Gottes sehr kreativ.

Gab es die Brutalität am Schulhof nicht schon früher?

Es ist kein neues Problem, wir haben den Jugendlichen mit dem Handy nur ein neues Instrument in die Hand gedrückt. Genauso haben sie früher einen Stock genützt, um den schwachen Mitschüler zu schlagen. Jetzt machen sie es über soziale Medien. Die Herausforderung ist es, hinzubekommen, dass Jugendliche anders mit Aggressionen umgehen.

Das klingt, als würde aus dem schulischen Umfeld sehr viel Gefahr ausgehen?

Man sammelt natürlich in der Schule sehr viele Negativ-Erlebnisse. Wir haben beispielsweise auch eine statistische Zunahme von Selbstmorden rund um Zeugnisverteilungen. Das betrifft aber meistens Jugendliche, die zuvor nie in Kontakt mit Hilfseinrichtungen gekommen sind.

Wie sollten Medien ihre Berichterstattung über Suizide anlegen?

Sehr bedacht. Jede Form der sensationsorientierten Berichterstattung birgt die Gefahr von Nachahmung. Nach der Fernsehserie "13 Reasons Why" (Die Serie handelt von einer Schülerin, die sich umbringt und auf Kassetten 13 Gründe für ihren Suizid hinterlässt, Anm.d.Red.) gab es auch in Österreich nachweislich Fälle, bei denen sich jemand nach dem Vorbild der TV-Serie zum Suizid verabredet hat.

Gibt es Signale bei suizidgefährdeten Jugendlichen, die man erkennen müsste?

Man sollte darauf achten ob sich jemand zurück zieht, kaum noch Mimik zeigt und wie eingemauert wirkt. Oder wenn jemand sein Verhalten drastisch verändert, dann sind das absolute Warnsignale auf die man reagieren muss. Der wichtigste Schritt ist, bei Selbstmordgedanken sofort professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Es ist möglich, Jugendlichen aus jeder Krise herauszuhelfen, dafür sind wir da.

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Professionelle Hilfe In Österreich bieten Anlaufstellen wie „Rat auf Draht“ (147), die Kriseninterventions-Zentren (01/4069595), die Akuthilfe „Boje“ (01/406 66 02) niedergelassene Psychologen und Psychiater rasche Soforthilfe.