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Chronik Österreich
03/20/2020

Coronavirus: 5.000 Erntehelfer fehlen, Versorgung gefährdet

Tausende Hilfskräfte dürften nicht nach Österreich einreisen. Die Landwirtschaftskammer hofft auf heimische Kräfte.

von Kid Möchel, Birgit Seiser

Noch liegen frisches Gemüse und Obst in den Regalen der Supermärkte. Die Lieferkette zwischen den heimischen Bauern und dem Lebensmittelhandel funktioniert einwandfrei.

Das könnte sich aber bald ändern. Den Landwirten fehlen für die nächsten Monate nämlich tausende Arbeitskräfte, die normalerweise aus dem Ausland zur Saisonarbeit kommen.

9.000 in Fleischindustrie

Insgesamt werden 5.000 Erntehelfer und tausende Mitarbeiter in der Lebensmittelindustrie gesucht, sagte Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) am Freitag bei einer Pressekonferenz. Allein in der Fleischverarbeitung würden 9.000 Mitarbeiter gesucht. Und das, während Zehntausende gerade arbeitslos gemeldet werden.

Zur besseren Vermittlung von Arbeitskräften wurde nun die Plattform www.dielebensmittelhelfer.at eingerichtet.

Köstinger und Arbeitsministerin Christine Aschbacher (ÖVP) riefen alle, die ihre Arbeit verloren haben, aber auch Studenten und Menschen in Ausbildung auf, sich zu melden, sofern sie keine Betreuungspflichten für Kinder oder Ältere haben.

Einbußen von 95 Prozent befürchtet

Der Einreisestopp verschärft die Situation aber jetzt dramatisch, wie Heinrich Unger, Landwirt aus Franzensdorf (Bezirk Gänserndorf, NÖ), dem KURIER schildert. Er baut auf rund 17 Hektar Spargel an. 25 Arbeiter aus Rumänien braucht er für die Ernte, fürs Waschen, Sortieren und Verpacken.

Doch derzeit sind nur vier Rumänen in seinem Betrieb: „Die heurige Saison kann man schmeißen, es sind keine Wundermittel in Sicht“, sagt Unger. „Wir können nur einen Notfall-Modus fahren und haben eine Vollbremsung gemacht.“ Sollte Unger kein weiteres Personal bekommen, wird die Ernte katastrophal ausfallen.

„Der Produktionsausfall liegt dann bei 95 Prozent“, sagt Unger. „Wenn es heuer Spargel geben wird, dann wird es Grünspargel sein.“ Denn es fehlen ihm die Mitarbeiter, um die Folie des weißen Spargels zu heben. Mit vier Mitarbeitern kann er auf maximal zwei Hektar Spargel ernten. Josef Harbich baut auf 40 Hektar Spargel an und beliefert vorwiegend den Lebensmitteleinzelhandel.

Nicht nur Spargelernte betroffen

Um die Ernte wie gewohnt einfahren zu können, brauch der Landwirt sogar 50 bis 60 Arbeiter aus der Ukraine und Rumänien. „Wir haben eine Krisensitzung nach der anderen, ich habe seit Sonntag gerade 20 Mitarbeiter“, sagt Harbich zum KURIER. „Die Haupternte beginnt aber erst in einem Monat. Wenn niemand herein darf, müssen wir Flächen stilllegen. Mit 20 Mitarbeitern kann ich nur 20 Hektar bewirtschaften.“  Doch laut Harbich geht es nicht nur um den Spargel.

„Es kommen dann die Erdbeeren, der Salat und anderes Frischgemüse, das zur Ernte ansteht“, sagt Harbich. „Wenn das nicht möglich ist, gibt es eine Versorgungskrise und der Salat verrottet auf dem Acker.“

Um diese Versorgungsengpässe so gut wie möglich einzudämmen, haben sich die Landwirtschaftskammern Wien und Niederösterreich zusammen getan und bereits reagiert. Via Online-Plattform sollen sich Arbeitskräfte aus Österreich und Landwirte vernetzen.  

Online-Plattform soll helfen

„Trotz der aktuellen Situation ist es wichtig, dass die landwirtschaftlichen Arbeiten in gewohnter Weise durchgeführt werden können und somit die Lebensmittelversorgung sichergestellt bleibt“, sagt Johannes Schmuckenschlager, Präsident der Landwirtschaftskammer NÖ. Werner Magoschitz, Obmann der niederösterreichischen Spargelbauern, benötigt in seinem Betrieb pro Saison 220 Erntehelfer, derzeit hat er gerade einmal 60 Erntehelfer.

Mit 60 Mitarbeitern kann er lediglich 30 Prozent seiner Spargel-Felder in Mannsdorf an der Donau (Bezirk Gänserndorf, NÖ) bearbeiten. Magoschitz ist einer der Spargel-Betriebe. Doch es geht längst nicht nur um die Ernte des Spargels, sondern auch um Erdbeeren und anderes Gemüse.

„Wenn wir die Erdäpfel, Karotten und Zwiebel nicht anbauen können, wird es im Herbst kein Essen geben“, spitzt es Magoschitz zu. Versuche, Arbeitslose oder Asywerber bei der Ernte einzusetzen, waren wenig erfolgversprechend. Erntehelfer aus Osteuropa verfügen häufig über bessere landwirtschaftliche Vorkenntnisse. Dazu muss man wissen, dass pro Hektar Spargel in der Saison 800 bis 1000 Arbeitsstunden anfallen. Die Stunde eines Erntehelfers kostet Magoschitz 13 Euro brutto pro Stunde.

„Die Lage ist relativ dramatisch, wir haben 40 Leute da, 80 bis 90 würden wir benötigen“, sagt der Spargelbauer Georg Sulzmann zum KURIER. „Wir würden sowohl Zivildiener, Arbeitslose und Bundesheerler nehmen.“

 Alle Infos zu den Plattformen gibt es unter: www.noe.lko.at 

Update: In eine früheren Version dieses Artikels kam es in Bezug auf Erntehelfer aus Osteuropa leider zu missverständlichen Formulierungen, die den Eindruck einer Stereotypisierung erwecken konnten. Wir bedauern. Die Passage wurde geändert.