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Chronik Österreich
08/29/2021

Einkauf und mehr: Wie der Supermarkt zum Lebensmittelpunkt wurde

Supermärkte sind seit der Pandemie der wieder erstarkte Lebensmittelpunkt der Österreicher.

von Agnes Preusser

Am Mittwoch gingen in Wien Gesundheitsstadtrat Peter Hacker und Frauenstadträtin Kathrin Gaal (beide SPÖ) in den Supermarkt. Allerdings nicht, um dort einzukaufen. Vielmehr nutzten sie den Supermarkt, um eine politische Botschaft zu überbringen.

Hacker informierte bei einer „Billa Plus“-Filiale darüber, dass man sich ab sofort an drei Rewe-Standorten impfen lassen kann. Gaal präsentierte in einer Spar-Filiale, dass dort künftig auf dem Kassabon Infos mitgeliefert werden, wo und wie von Gewalt betroffene Frauen Hilfe erhalten.

Leer geräumte Regale

Dass mittlerweile sogar zeitgleich politische Termine in Supermärkten stattfinden, ist die logische Konsequenz aus dem, was sich seit Anfang der Corona-Pandemie zeigt: Der Supermarkt ist der wieder erstarkte Lebensmittelpunkt der Österreicher.

Der Startpunkt dieser Entwicklung lässt sich leicht festmachen: der März 2020, in dem Bilder von leer geräumten Regalen die Medien beherrschten. Bei einem Vortrag bei der Bundesvereinigung Logistik Österreich sprach Rewe-Vorstand Christoph Matschke von „Hamsterkäufen, wie wir sie noch nie erlebt haben“. Allein der Nudel-Verkauf stieg um 70 Prozent.

Nicht selbstverständlich

Dass den Österreichern plötzlich vor Augen geführt wurde, dass die Selbstverständlichkeit Supermarkt – also die Lebensmittelversorgung – in Wahrheit gar nicht so selbstverständlich ist, führte dazu, dass kurz darauf abends um 18 Uhr für „Corona-Helden“ geklatscht wurde. Als Helden galten neben Ärzten und Pflegepersonal dezidiert auch die Supermarkt-Kassiere.

Während der folgenden harten Lockdowns war der Supermarkt oft der einzige Ort, an dem man andere Menschen traf. In den Großstädten wurden die Geschäfte zu einem wichtigen sozialen Ankerpunkt – wie sie es in ländlichen Gegenden schon längst waren.

Anfang 2021 begann die Politik schließlich, diese Sammelpunkte für ihre Zwecke zu nutzen. Im Februar wurde die „Alles gurgelt“-Initiative in Wien gestartet, mittlerweile wurde sie auch auf Linz, Gmunden und Vöcklabruck ausgerollt. Zentral für den reibungslosen Ablauf sind dabei die Filialen des Rewe-Konzerns, bei denen man die kostenlosen PCR-Tests abgeben kann.

Niederschwellig

„Es war klar, dass man eine Möglichkeit schaffen muss, bei der die Menschen mit möglichst wenig Aufwand mitmachen können“, sagt Margaretha Gansterer, Logistik-Professorin an der Uni Klagenfurt, die „Alles gurgelt“ berät. Es seien keine zusätzlichen Wege nötig, beim täglichen Einkauf oder am Weg in die Arbeit komme man sowieso vorbei.

Österreich sei dahingehend in einer privilegierten Lage: „Wir sind in Europa dafür bekannt, ein extrem dichtes Netz an Lebensmittelhändlern zu haben“, sagt Gansterer. Der Erfolg spricht für sich: Allein in Wien wurden von Februar bis Juli mehr als vier Millionen PCR-Tests abgegeben. Dass darum auch beim Impfen auf Supermärkte zurückgegriffen wird, ist wenig verwunderlich.

Jeder geht hin

Für den Wiener Pilotversuch wurden Bezirke mit einem niedrigen Durchschnittsalter ausgesucht, da man besonders die Jungen zum Impfen bewegen will. Dem Supermarkt komme in der Konsumkultur der Jugendlichen zwar keine spezielle Bedeutung zu, sagt Beate Großegger, Leiterin des Instituts für Jugendkulturforschung. Trotzdem sei das Angebot gut, denn „das bietet die Chance, in den Wahrnehmungshorizont jener jungen Menschen zu treten, die sich sonst vorzugsweise in der jugendkulturellen Blase bewegen.“

Im Supermarkt komme nämlich jeder irgendwann vorbei. Eben dieses Argument ist auch der Hintergrund dafür, dass bei Spar in Niederösterreich und Wien nun Frauennotrufnummern auf dem Kassabon abgedruckt sind. Schließlich gehen auch jene (oder gerade die) Frauen, die in Gewaltbeziehungen unterdrückt werden, in den Supermarkt.

75 Prozent Frauen

Doch nicht nur Frauen, die einkaufen, sind die Zielgruppe – sondern auch die Angestellten selbst. Bei einer ersten Info-Aktion im Dezember wies Spar-Geschäftsführer Alois Huber darauf hin, dass „in unseren Geschäften viele Frauen beschäftigt sind“.

Tatsächlich liegt laut Statistik der Wirtschaftskammer Österreich der Frauenanteil der 110.000 Angestellten im Lebensmittelhandel bei 69,7 Prozent. Bei Spar liegt dieser mit 75 Prozent sogar noch höher. Vermutlich trifft man in naher Zukunft noch weitere Politiker im Supermarkt. Denn dass weiter auf die Kraft der neuen alten sozialen Ankerpunkte gesetzt wird, ist zu erwarten.

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