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Chronik Österreich
02/16/2020

Einführung Tempo 100: „Ich war die personifizierte Spaßbremse“

Auf der Hälfte des Tiroler Autobahnnetzes gilt seit fünf Jahren 100 km/h. Heute ist es geduldet, sagt Verkehrslandesrätin Ingrid Felipe.

von Christian Willim

Pendler, Urlauber und Lkw-Fahrer: Auf Tirols Autobahnen treffen sie geballt aufeinander, was den Verkehr regelmäßig an den Rand des Kollapses bringt. Rasend schnell sind Pkw-Fahrer aber auf Inntal- oder Brennerautobahn ohnehin nie unterwegs. Ende 2014 wurde in notorisch luftverschmutzten Regionen des Landes auf Grundlage des Immissionsschutzgesetzes-Luft (IG-L) Tempo 100 eingeführt. Und damit auf etwa der Hälfte des 188 Kilometer langen Autobahnnetzes.

Im Landtagswahlkampf 2013 hatte Tirols Landeshauptmann Günther Platter (VP) die Idee eines solchen Limits noch als „Schwachsinn“ bezeichnet. Der Meinungsumschwung folgte in der Koalition mit den Grünen, die auf die Maßnahme drängten. Damit sollte einerseits die Luftqualität verbessert werden. Tempo 100 war aber andererseits auch die Vorleistung gegenüber der EU, damit diese im Gegenzug verkehrsbeschränkende Maßnahmen für Lkw duldet.

Realität auf der Inntalautobahn: Stau

Derbe Anfeindungen

„Ich war die personifizierte Spaßbremse“, erinnert sich Tirols Verkehrslandesrätin Ingrid Felipe (Grüne) an die Reaktionen, die ihr anfänglich wegen des Tempo-Limits entgegenschlugen. Die seien „recht derb und unhöflich“ gewesen. Was in den Debatten meist unterging: Schon vor der Einführung des permanenten Tempos 100 auf der Strecke zwischen Kufstein und Innsbruck und eines Teilstücks im Oberland sowie den ersten Kilometern der Brennerautobahn konnten Autofahrer in diesen Bereichen nur selten 130 fahren. Denn bei schlechten Luftwerten wurde hier automatisch der IG-L-Hunderter aktiviert. Und das war oft.

„Gerade zwischen Kufstein und Innsbruck ist das Verkehrsaufkommen auf der Inntalautobahn oft so hoch, dass man ohnehin nicht viel schneller fahren könnte“, gibt Markus Widmann, Leiter der Tiroler Verkehrspolizei, zudem zu bedenken. Ein Punkt, den auch Bundeskanzler Sebastian Kurz am Samstag gegenüber dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder vorbrachte. Er forderte weniger Lkw in Tirol.

Ein beträchtlicher Teil der Autofahrer sah sich anfänglich dennoch in der persönlichen Freiheit eingeschränkt und beklagte die Zeitverluste durch den Hunderter. Ein Selbsttest am Tag eins des Tiroler 100er-Zeitalters im November 2014 zeigte aber bereits: Auf den 67 Kilometern von der Tiroler Landeshauptstadt bis zur deutschen Grenze etwa dauerte die Fahrt gerade einmal um sechs Minuten länger als mit den guten alten 130 km/h.

Und da sich am Starttag alle Verkehrsteilnehmer besonders geflissentlich an das Gebot hielten, konnte praktisch durchwegs der Tempomat das Ruder übernehmen. Der damit für einen passionierten Autofahrer verbundene Verlust an Fahrspaß wurde durch das entspannte Dahingleiten, das beinahe ans Bahnfahren herankam, ausgeglichen. Aber das klappt nur selten so perfekt. Eigentlich sollten sich die Lkw-Kolonnen mit 80 km/h auf der rechten Spur bewegen und der Pkw-Verkehr mit 100 km/h daran vorbeiziehen. Das schöne Spiel wird aber etwa durch zu schnell fahrende Drängler gestört, die Pkw-Fahrer auf die langsame Lkw-Spur und so zum Abbremsen zwingen.

Die ganz große Freude verbreitet der permanente Autobahn-Hunderter bis heute nicht. Das weiß auch Felipe. „Er ist gut geduldet. Und mehr als die Hälfte der Leute sagen inzwischen: Das passt schon“, sagt sie mit Verweis auf entsprechende Umfragen. Ob aus Akzeptanz oder nur aus Angst vor saftigen Strafen: „Der Hunderter wird sehr gut eingehalten“, sagt Tirols oberster Verkehrspolizist Widmann. Rund 100.000 Geschwindigkeitsdelikte habe es 2019 in der IG-L-Zone gegeben. „Das ist zwar eine hohe Zahl an Delikten. Aber gleichzeitig ist das nur ein kleiner Prozentsatz derer, die sich nicht an die Geschwindigkeit halten.“

Kulturschock

Das lässt sich durch das hohe Verkehrsaufkommen in Tirol erklären. So wird etwa allein die Brennerautobahn jährlich von über elf Millionen Pkw frequentiert, die sich an Stau-Tagen gegenseitig blockieren. Für deutsche Autofahrer, die über die Grenze ins Hunderter-Land kommen, mag sich das Limit dennoch wie ein Kulturschock anfühlen.

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