Shiva Prugger, Sexarbeiterin

© Kurier/Franz Gruber

Chronik Österreich
06/14/2020

Eine Domina will wieder arbeiten: "Mund-Nasen-Schutz ist kein Problem"

Für Sexarbeiterinnen waren die letzten drei Monate ein beschämender Überlebenskampf. Manche hatten Suizidgedanken.

von Yvonne Widler

Sie schlägt die Beine übereinander und räuspert sich. “Ich bin wütend.” Ihre Stimme klingt weich. Gar nicht so, wie man sie von einer Domina erwartet hätte. Doch das ist vermutlich das harmloseste von den vielen Vorurteilen, mit denen Shiva Prugger immer wieder zu kämpfen hat. 

“Ich bin wütend, weil wir ignoriert wurden. Ich denke, ich spreche für die gesamte Branche, wenn ich sage, dass die Sexarbeiterinnen sich sehr ungerecht behandelt fühlen”, fährt Prugger fort und ihre Stimme beginnt zu beben.

 

Die 44-Jährige betreibt seit 2014 ein Lokal in Wien, in dem sie ein breites Spektrum von BDSM-Praktiken anbietet. Die studierte Psychologin hält dort für fast jede Fantasie und jeden Fetisch etwas bereit. In ihrem Reich befindet sich sogar eine kleine Ordination, in der sie spezielle Behandlungen durchführt. Wenn Männer gerne wie ein Baby gewickelt werden wollen, dann tut sie auch das. 

Ihre Tätigkeit fällt unter das Prostitutionsgesetz, Prugger bezeichnet sich selbst als Sexarbeiterin, auch wenn sie den eigentlichen Geschlechtsakt nicht anbietet. Ihr Geschäft hat floriert, dann kam Corona.

Der letzte Gast

“Begonnen hat es damit, dass die Männer aus unterschiedlichen Gründen abgesagt haben. Manche hatten sofort gesundheitliche Bedenken, dann ging es ganz schnell und der Terminkalender war leer.” Am 16. März 2020 begrüßte Prugger ihren letzten Kunden. Sie erinnert sich schmunzelnd daran, dass der Mann angsterfüllt im weißen Schutzanzug vor ihrem Lokal stand, das Gesicht halb bedeckt von einer Schutzmaske. Am Tag danach sperrte sie zu - nichtsahnend, dass ihre Türen über drei Monate geschlossen bleiben sollten. 

“Woche für Woche verging und ich dachte mir: Keiner erwähnt uns, keiner spricht über uns.” Als zahlreiche andere Dienstleister mit 1. Mai wieder ihre Pforten öffnen durften, zog das Gesundheitsministerium die Erlaubnis für Prostitutionslokale in letzter Minute zurück und verlängerte das Betretungsverbot auf unbestimmt Zeit.

“Da ist mir bewusst geworden, dass ich als Sexarbeiterin diskriminiert und nicht als Dienstleisterin wahrgenommen werde. Ich zahle Steuern und Sozialversicherung wie alle anderen”, sagt Prugger. “Hätte ich meine finanziellen Rücklagen nicht gehabt, wäre ich zugrunde gegangen.” 

Die vorgeschriebenen Gesundenuntersuchungen fanden während der letzten drei Monate nicht statt. Über das Ausmaß der illegalen Prostitution können Polizei und Branche nur mutmaßen, da sich diese vor allem in Hinterzimmern und Privatwohnungen abspiele. 

Manche wollten nicht mehr leben

Shiva Prugger ist die Ausnahme. Genau deshalb möchte sie die Stimme für jene erheben, die in den letzten drei Monaten weder ein noch aus wussten. Für genau jene gibt es Sophie, eine frauenspezifische Einrichtung der Volkshilfe Wien, die Prostituierte unterstützt. Geleitet wird sie von Eva van Rahden. 

“Wir haben Klientinnen, die Selbstmordgedanken hatten, weil sie keine Perspektive mehr gesehen haben”, erzählt sie sichtlich bewegt. “Es handelt sich hier um eine Berufsgruppe, die sehr stark gewöhnt ist, täglich Geld zu verdienen. Das heißt, die meisten haben keine Rücklagen und standen von heute auf morgen ohne Einkommen da. Zudem betreuen wir hier viele Migrantinnen, die nicht mehr die Möglichkeit hatten, in ihr Heimatland zu fahren”, sagt van Rahden.

Es gäbe Klientinnen, die kein Geld hatten, um nach Hause zu ihren Familien zu kommen. “Wir haben teilweise daher Rückkehrhilfen organisiert.” Mit mehr als 500 Frauen, die in der Sexarbeit tätig sind, hatten die Betreuerinnen der Sophie in den letzten drei Krisenmonaten intensiven Kontakt. “Wir sind auf sehr große Verzweiflung gestoßen”, sagt von Rahden und erzählt von einer Frau, die per E-Mail darum gebeten hat, angerufen zu werden, da sie sich keine Handywertkarte mehr leisten konnte. 

Humanitäre Hilfe

Der Shutdown wurde verkündet und die Telefone in der Beratungseinrichtung liefen heiß. Das tun sie bis heute. “In normalen Zeiten teilen wir kaum Lebensmittelpakete aus, sondern da sind wir mit Gleitgel und Kondomen unterwegs. Jetzt aber haben wir humanitäre Hilfe geleistet”, sagt van Rahden. Sie musste sogar eine Mitarbeiterin aus dem Urlaub zurückholen, weil diese aufgrund ihrer Rumänischkenntnisse dringend benötigt wurde. 

Im Eingangsbereich der Sophie, gelegen der Oelweingasse 6 in 1150 Wien, wurde eine Glasscheibe aufgestellt, vom ersten Tag an wurden hier kontaktlos Lebensmittel durchgereicht. “Außerdem sind wir zu einem Bordell nach dem anderen gefahren, weil die Frauen oft dort wohnen. Wir haben sie mit den notwendigsten Dingen versorgt”, erzählt van Rahden. Bisher konnten zudem fast 10.000 Euro an Lebensmittelgutscheinen an die Frauen verteilt werden, Spenden haben diese ermöglicht. 

Am 27. Mai erschien schließlich eine Verordnung des Gesundheitsministeriums, darin steht auch: Paragraf 9 Abs. 2 entfällt mit Ablauf des 30. Juni 2020. “Wir haben im Moment also eine rechtsgültige Verordnung, die den Beginn der Sexarbeit mit 1. Juli ermöglicht”, sagt van Rahden. Sie und viele andere gehen davon aus, dass die Branche, unter bestimmten Hygienevorschriften, in zwei Wochen wieder öffnet. 

Untersuchungen wieder möglich

Die KURIER-Anfrage beim Gesundheitsministerium wird von Pressereferentin Katha Häckel-Schinkinger wie folgt beantwortet: “Derzeit dürfen Einrichtungen zur Ausübung der Prostitution nicht betreten werden. Die Situation wird jedoch laufend evaluiert und geprüft, ab wann eine Öffnung wieder möglich ist. Nur wenn die Gesundheit der betroffenen Frauen und Männer gewährleistet werden kann, kann eine Öffnung stattfinden.”

Dafür seien die amtsärztlichen Pflichtuntersuchungen und jene in Ambulatorien durchzuführen. Im Rahmen dieser Untersuchungen werde auch über Verhaltensweisen zur Vermeidung einer Corona-Infektion informiert werden, insbesondere über einzuhaltende Hygienemaßnahmen.  

Die gesundheitlichen Kontrolluntersuchungen sind jedenfalls seit 8. Juni wieder angelaufen. Am vergangenen Mittwoch fand schließlich ein Runder Tisch gemeinsam mit Gesundheitsminister Rudolf Anschober, Beratungsstellen sowie NGOs statt, um die Situation zu besprechen.

Anschober hat dort eine zeitnahe Klärung der rechtlichen Rahmenbedingungen sowie die mehrsprachige Ausarbeitung von Schutzmaßnahmen für diese Berufsgruppe zugesagt. Die teilnehmenden Organisationen berichten von einem insgesamt konstruktiven Gespräch. 

Kein Konto, kein Geld

Angesprochen auf die verheerende finanzielle Situation der - vorwiegend - Frauen, heißt es aus dem Ministerium: “Aufgrund der Einkommensverluste der Betroffenen, ist es uns ein wesentliches Anliegen den Betroffenen Zugang zum Härtefallfonds zu ermöglichen und sie dadurch finanziell zu unterstützen. Unnötige Hürden müssen dabei rasch und unbürokratisch abgebaut werden.” 

Manche Sexarbeiterinnen erhielten bereits 1.000 Euro aus dem Härtefallfonds, die prinzipiell jeder der angemeldeten Frauen als neue Selbständige zustehen, bloß scheitert es bei vielen daran, ihr Einkommen nachzuweisen - oder an der Sprachbarriere. “Abgesehen davon ist das kein Betrag, mit dem man mehrere Monate über die Runden kommen kann”, sagt van Rahden.

Viele ihrer Klientinnen konnten in dieser Krisenzeit in den Bordellen zwar gratis wohnen, aber da seien Berge an Mietschulden entstanden. “Wir haben außerdem die Situation, dass unseren Frauen oft ein Konto verweigert wird, was in Zusammenhang mit der Auszahlung des Härtefallfonds auch sehr problematisch ist.” Aktuell wird eine inländische Kontoverbindung dafür benötigt. 

Die neue Hygiene?

Sowohl in der Schweiz als auch in Deutschland wurden bereits Hygienekonzepte für die Branche erarbeitet. Neben regelmäßiger Desinfektion und der Reinigung der Berufswäsche, werden auch ein Mund-Nasen-Schutz, das Verbot von Gruppensex und die Notwendigkeit eines geöffneten Fensters beim Geschlechtsakt - sofern möglich - erwähnt. 

Auszug aus dem Schweizer Konzept: 

"Zwischen jedem Kundenkontakt wird das Zimmer für mindestens 15 Minuten durchgelüftet. Wenn die Dienstleistung im Fahrzeug stattfindet, dann ist dem Kunden sagen, dass er das Fahrzeug mindestens 10 Minuten lüften soll. Beim Geschlechtsverkehr sollen Stellungen praktiziert werden, bei denen die Tröpfchenübertragung gering ist. Es werden keine gesichtsnahen Dienstleistungen praktiziert. Während der Dienstleistung muss zwischen den Köpfen der beiden Personen ein Abstand von mindestens einer Unterarmlänge eingehalten werden. Alle Kunden werden darauf hingewiesen, dass zwecks Rückverfolgung von Infektionsketten Kundenkontaktdaten aufgenommen und für vier Wochen aufbewahrt werden sollten. Bei Fahrzeugen auf dem Straßenstrich kann alternativ das Fahrzeugkennzeichen aufgeschrieben werden. Es wird empfohlen die Information in einem zugeklebten Briefumschlag zu verwahren und diesen mit Datum zu versehen. Beratungsstellen können für diese Zwecke einen sicheren Briefkasten anbieten."

Für Shiva Prugger ist vieles davon machbar, "auch der Mund-Nasen-Schutz ist kein Problem, denn natürlich habe ich bereits überlegt, wie ich neue Hygienevorschriften umsetzen kann und ich denke, man findet Lösungen. In meinem Metier ist Erniedrigung durch Anspucken oft gewünscht, das werde ich jetzt sicherlich nicht anbieten”, sagt Prugger. Manche ihrer Gäste sind 80 Jahre und älter. Da müsste man sich überlegen, ob es für diese Risikogruppen nicht besser ist, noch zu warten.

“Es ist logisch, dass ich nun telefonisch vorab klären muss, was bei dem Termin gemacht werden darf und was verboten ist, aber viel komplizierter ist es nicht”, sagt Prugger. Sie habe seit jeher sehr viel Wert auf Hygiene gelegt, sieben unterschiedliche Arten von Desinfektionsmittel und Schutzmasken standen schon immer in ihrem Lokal. “Ich war sehr erstaunt, dass die Medien den Menschen erklärt haben, wie man sich richtig die Hände desinfiziert. Für mich ist das ganz normal”, sagt Prugger. 

“Die einzige Möglichkeit, safe zu sein, ist safe zu arbeiten. Aber das war in dieser Branche doch immer schon so”, ergänzt van Rahden und betont die große Verzweiflung der Frauen, die nach wie vor herrsche. 

Neben ihr sitzt Volkshilfe-Geschäftsführerin Tanja Wehsely und nickt.

“Corona zeigt uns die großen Stolpersteine und auch die Ungerechtigkeiten, die es selbst in einem Land wie Österreich gibt. Der Tag kommt immer näher, wo die Ausnahmeregelungen aufhören, wo das Gestundete gezahlt werden muss, wo Delogierung-Stopps aufhören. Da kommt noch einiges auf uns zu." Man wolle aufzeigen, dass die akute Gesundheitskrise durch Corona jetzt vorbei ist und sie nicht zur Armutskrise werden darf. “Manche schaffen es von selbst wieder in die Höhe, aber für andere beginnt das große Drama erst”, meint Wehsely.

Am 2. Juni war Welthurentag. Doch zu feiern gab es nicht viel. In Wien traf man sich am Heldenplatz, um auf die Situation der Sexarbeiterinnen aufmerksam zu machen. Durch Corona erlebten die meisten eine massive Verschärfung ihrer bereits prekären Situation. Drohende Obdachlosigkeit und Isolation sind die Folge.

“Die Doppelmoral der Gesellschaft wird sichtbar. Die Art und Weise, wie sexuelle Dienstleistungen konsumiert werden, ist natürlich ein Ausdruck unserer patriarchal geprägten Gesellschaft. Als Frau habe ich dann natürlich Probleme mit dem Patriarchat, wenn ich dieses System kritisiere”, sagt van Rahden. 

Shiva Prugger hat nun ein Lächeln im Gesicht. Sie erzählt, dass einige ihrer Stammgäste, ihr sogar Geld borgen wollten oder vorgeschlagen hatten, den nächsten Termin vorzufinanzieren. “Ich habe diese Angebote nicht angenommen, es war mir unangenehm. Gefreut habe ich mich aber dennoch sehr.” Sie blickt voller Hoffnung in Richtung Juli. “ Es wird Zeit, dass wieder Normalität einkehrt. Meine Arbeit fehlt mir sehr.”

 

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