© Kurier/Gilbert Novy

Chronik Österreich
11/01/2019

Einbalsamieren der Toten: Den letzten Blick ermöglichen

Der 35-jährige Andreas Nevrivy richtet Verstorbene so weit her, dass sich Angehörige am offenen Sarg verabschieden können.

von Katharina Zach

Sein Arbeitsplatz ist dort, wo andere das Gruseln bekommen: In einem Keller am Wiener Zentralfriedhof. Vorbei an den Kühlkammern, in denen die Toten in ihren Särgen auf die Beerdigung warten, geht es in den Raum, der mit zwei Präparationstischen wie ein OP aussieht. Angst hat Andreas Nevrivy trotzdem nicht.

Der 35-Jährige ist einer von fünf Thanatopraktikern der Bestattung Wien. Deren Aufgabe ist es, den Verwesungsprozess zu verlangsamen und die Toten wieder soweit herzurichten, sodass sich ihre Angehörigen am offenen Sarg verabschieden können. Sofern diese das Service bestellen. Dazu gehören neben dem Einbalsamieren auch das Verdecken von Wunden und das Schminken. Auch bei Überführungen ins Ausland ist eine Thanatopraxie vorgeschrieben.

Heuer wurden am Zentralfriedhof bereits 117 durchgeführt. Tendenz steigend. Immer mehr Leute würden den Toten zumindest gerne kurz sehen, um "nachzusehen, Tschüss zu sagen", erzählt Nevrivy.

„Man darf es nicht nur als Arbeit betrachten. Man will den Angehörigen den letzten Blick ermöglichen“, meint Nevrivy. Die Arbeit erfordert genaues Wissen um die menschliche Anatomie. Ein Jahr dauert die Ausbildung, die unter anderem am Insitut für Anatomie in Graz stattfindet. „Das war schon fast eine kleine Arztprüfung“, erzählt der 35-Jährige. An der Wand hängt ein Plakat mit der Abbildung des menschlichen Gefäßsystems, Instrumente liegen in einem Stahlschrank, an den Wänden hängen Warnhinweise - immerhin wird mit Chemikalien gearbeitet.

Anhand von Gewicht, Größe und Zustand des Toten rechnet sich Nevrivy aus, wie viel von der Konservierungsflüssigkeit benötigt wird, um den Verwesungsprozess zu verzögern. Bei der Einbalsamierung werden sämtliche Körperflüssigkeiten durch die Chemikalien ersetzt. „Er bekommt dann wieder Farbe und mehr Volumen“, erklärt der 35-Jährige und meint den Toten. Während des Flüssigkeitenaustauschs wird der Köper massiert, sämtliche Gliedmaßen bewegt.

Keine Wunder

„Wir probieren, den bestmöglichen Zustand herzustellen.“ In manchen Fällen könne man keine Wunder bewirken. Das müsse man Angehörigen auch ehrlich mitteilen.

Ist der Körper einbalsamiert, werden Wunden verschlossen, die Haare gewaschen und geföhnt, eventuell rasiert, Gesicht und Hände eingecremt. „Dann wird er angekleidet und in den Sarg gebettet.“ Und kommt in die Kühlkammer. „Da hat es vier Grad. Wie daheim im Kühlschrank. Wir wollen ja nicht, dass er friert.“ Bis zu sechs Stunden dauert die Prozedur. Danach soll der Tote wirken, als schlafe er.

Am Tag der Beerdigung wird der Verstorbene schließlich geschminkt. Dabei werden auch blaue Flecken oder Schnittwunden überdeckt. Dabei kommt der überdimensionale Schminkkoffer der Thanatorpraktiker zum Einsatz. Möglichst natürlich soll das Ergebnis aussehen, sagt Nevrivy. Es sei denn, die Angehörigen wünschen etwas anderes. "Wir haben schon mal eine Familie gehabt, die haben ihre eigenen Schminksachen mitgeschickt. Inklusive rotem Lippenstift und falschen Wimpern."

Zu dem Job ist der 35-Jährige über Umwege gekommen. Eigentlich ist er nämlich gelernter Zuckerbäcker. Über einen Freund kam er zum Bestattungsgwerbe. Begonnen hat er als Träger in der Halle 1. "Am Anfang hats mir schon gereicht, wenn ich nur Särge sehe." Mittlerweile arbeitet Nevrivy beim Bestattungsdienst, wenn er nicht im Keller bei einer Thanatopraxie zugange ist.

Wie zu Lebzeiten

„Dass er noch einmal so aussieht, wie zu Lebzeiten“ und die Angehörigen zufrieden sind, sei sein Ansporn, sagt der 35-Jährige, der seinen Job „mit nichts anderem tauschen“ würde.

Doch wie geht man mit dem Tod um? „Man darf das nicht an sich ranlassen“, sagt er. Zum Glück habe er noch kein Kind behandeln müssen. Und notfalls, gäbe es den psychologischen Dienst. "Aber meistens redet man untereinander, das ist am Besten."

Ausgleich findet Nevrivy bei seinem Kind und dem Judo-Training.  Das ist wichtig, denn der Beruf ist anstrengend - nicht nur für die Wirbelsäule. „Manchmal, wenn man sechs Stunden arbeitet, sieht man Dinge. Da fragt man sich, hat sich der Fuß bewegt?“, erzählt er. Das sei der Konzentration geschuldet. „Du darfst dir keinen Fehler erlauben.“

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