© Caritas/Thomas Meyer

Chronik Österreich
09/03/2020

"Die Zeit drängt": Caritas macht Druck in Sachen Pflegereform

Pflegekräfte brauchen nicht nur Applaus, sondern vielmehr attraktive Arbeitsbedingungen, betont Präsident Michael Landau.

von Andreas Puschautz

Die Botschaft war eindeutig: "Wir brauchen die Pflegereform und wir brauchen sie rasch", sagte Caritas-Präsident Michael Landau im Rahmen einer Pressekonferenz am Donnerstag in einem Pflegeheim in Wien-Meidling.

Die Corona-Krise habe die Stärken und Schwächen des bestehenden Pflegesystems "wie unter einem Brennglas" sichtbar gemacht - und als einzige Stärke identifizierte Landau die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Pflege.

"Sonderzüge sind nicht genug"

Um auch weiterhin auf motivierte und gut ausgebildete Pflegekräfte zurückgreifen zu können, sei jedoch eine massive Aufwertung des Berufs nötig. Denn: "Dank, Anerkennung und Sonderzüge sind wichtig, aber sie sind nicht genug."

Eine aktuelle Studie schätzt den zusätzlichen Bedarf an Pflegekräften bis zum Jahr 2030 auf 75.000 ein. Der Trend zeige jedoch einen Rückgang der Absolventen. Die Personalfrage bleibe daher "die Schlüsselfrage jeder gelingenden Pflegereform".

Schlechte Arbeitsbedingungen

Wie schwierig die Bedingungen in der Praxis sind, bestätigte Irena Udric, die Pflegedienstleiterin des Pflegewohnhauses Schönbrunn. Im Haus kämen 48 Pflegekräfte auf 75 Bewohner, damit lasse sich einfach nicht gut arbeiten. Planungssicherheit in der Dienstplanerstellung sei etwa überhaupt nicht möglich; diese brauche es aber dringend, um die Mitarbeiter zu entlasten.

Die Pandemie habe die Situation weiter verschärft, und dabei gehe es gar nicht nur um Personalausfälle aufgrund von Corona-Verdachtsfällen. Um das Infektionsrisiko möglichst gering zu halten, habe das Pflegepersonal auch weitgehend auf soziale Kontakte verzichtet.

"Die Arbeit macht Spaß, aber die Rahmenbedingungen stimmen hinten und vorne nicht", klagt Udric, "und es wird noch schwieriger, wenn wir nichts ändern".

Dabei ist das Haus Schönbrunn noch verhältnismäßig gut aufgestellt. Ein Rechnungshof-Bericht aus dem Februar zeigt gewaltige regionale Unterschiede in der Mindestpersonalausstattung. Während in Wien auf ein Musterheim mit 71 Betten gerechnet 46 Pflegekräfte kommen, sind es im Burgenland etwa nur 22.

Attraktivierung

Um den steigenden Personaldarf künftig decken zu können, fordert Landau folglich eine breite Palette an Maßnahmen. Die Wunschliste reicht dabei von einer Ausbildungs- und Jobgarantie für angehende Pflegekräfte über die Abschaffung von Schulgeld und Studiengebühren in der Pflegeausbildung und berufsbegleitende Ausbildungswege bis hin zur Möglichkeit einer Pflegeausbildung mit Matura.

Die erste dieser Art startet diesen Herbst im Caritas-Bildungszentrum in Gaming (Bezirk Scheibbs), wie Landau mit Stolz anmerkte, in den Caritas-Zentren in der Steiermark, in Kärnten und in Wien sei Ähnliches geplant.

Die Personallücke sei jedoch nicht die einzige Baustelle, so Landau. Auch bestehende Betreuungslücken müssten geschlossen werden, "die individuellen Bedürfnisse der zu Pflegenden und ihrer Angehörigen müssen im Mittelpunkt jeder sinnvollen und nachhaltigen Reform stehen".

Konkret fordert die Caritas mehr Flexibilität im Angebot. Aktuell haben Betreuungsbedürftige die Möglichkeit, entweder durch mobile Dienste wenige Stunden gepflegt zu werden oder sich - Zuhause oder stationär - eine 24-Stunden-Betreuung zu nehmen. Es brauche aber mehrstündige Unterstützungs- und Entlastungsdienste für pflegende Angehörige, mehr Kurzzeitpflege, Tageszentren und teilstationäre Einrichtungen.

Viele Demenzkranke sind etwa körperlich fit, können jedoch den Alltag nicht mehr alleine bewältigen - etwa, weil sie vergessen, den Herd auszuschalten. Hier würden mehrstündige Betreuungsformen sowohl die Lebensqualität der Pflegebedürftigen erhöhen, als auch die Angehörigen entlasten.

Scharfe Rechnungshof-Kritik

Eine weitere Forderung der Caritas sind einheitliche Qualitäts- und Versorgungsstandards vom Boden- bis zum Neusiedlersee. Auch der Rechnungshof kritisiert in seinem Bericht einen Fleckerlteppich an Zuständigkeiten, Kriterien und Qualitätsstandards. Die Qualität der Pflege dürfe jedoch "nicht länger von der Postleitzahl abhängen", so Landau.

Und schließlich wünscht sich die Caritas eine nachhaltige Finanzierung der Pflege. Diese müsse ausreichend und solidarisch sichergestellt werden und sich "aus mehreren Quellen speisen", sagte Landau.

"Spüre, wie sie leiden"

Einen eindringlichen Wunsch richtete schließlich noch Rudolfine Fiklik, eine Bewohnerin des Hauses Schönbrunn, an die Bundesregierung. Sie sei vor eineinhalb Jahren in das Caritas-Haus gekommen, um es sich einmal anzuschauen - und sei "sofort geblieben". Ihr fehle es an nichts, sehr wohl fehle es aber an Personal: "Ich spüre, wie sie leiden."

Die Pflegekräfte seien "in jeder Hinsicht überfordert", weil sie sich weder um die Bewohner, noch um ihre eigenen Familien ausreichend kümmern könnten. "Ich möchte nur darum bitten, dass man sich mit der Sache mehr beschäftigt", appellierte Fiklik.

Die gute Nachricht ist: Landau erkennt immerhin positive Tendenzen seitens der Bundesregierung. So nahm Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) den durch Corona gestoppten Reformprozess im Sommer wieder auf.

Der erste Schritt war eine Online-Befragung unter Pflegekräften, an der 3.000 Personen teilnahmen. In weiterer Folge will Anschober die Dialogtour durch die Bundesländer fortsetzen, im Anschluss daran soll die Task Force Pflege Vorschläge erarbeiten, 2021 soll es schließlich mittels einer gemeinsamen Zielsteuerungskommission von Bund, Ländern und Gemeinden in die Umsetzung gehen.

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