Chronik | Österreich
22.10.2018

Auto- gegen Radfahrer: Zu wenig Abstand als Top-Unfallursache

Zu wenig Seitenabstand: Die Zahl der Verkehrsunfälle von Autos und Fahrradfahrern steigt kontinuierlich.

Rad- gegen Autofahrer: In der Stadt, aber auch über Land kann der Platz eng werden. Seit einigen Jahren steigt die Zahl der Verkehrsunfälle mit Fahrradfahrern massiv an. Das liegt auch am Boom bei Hobbysportlern. Die Zuschauerzahl von mehr als einer halben Million bei der Straßenrad-WM in Tirol hat erst im September die vorherrschende Begeisterung für den Freiluftsport unterstrichen.

Ein passionierter Radsportler ist auch Mario Terzic. Zu seinem 70. Geburtstag bezwang er in der französischen Provence den Mont Ventoux – drei Jahre später kann der Hobby-Radrennfahrer von Glück sprechen, noch am Leben zu sein. Am 11. Oktober wurde der Wiener bei einer seiner Ausfahrten auf der Neunkirchner Allee im südlichen Niederösterreich von einer 31-jährigen Autolenkerin mit Tempo 100 von hinten umgefahren. Terzic lag im Koma, das Schlüsselbein, die Hüfte und andere Knochen sind zertrümmert. Seine Carbon-Rennmaschine ist Schrott. „Wenn man sich die Rücksichtslosigkeit mancher Autolenker und Lkw-Fahrer ansieht, dann war es klar, dass so etwas irgendwann passieren muss“, sagt Terzic.

Als Kommandant der zuständigen Polizeiinspektion wurde Josef Grabner auf den verheerenden Unfall aufmerksam. Da der Polizist selbst Radrennfahrer ist, macht er zusammen mit dem Unfallopfer auf die Gefahren im Straßenverkehr aufmerksam.

Nebeneinanderfahren

Denn das Unglück von Mario Terzic ist kein Einzelschicksal.

Das Kuratorium für Verkehrssicherheit (KFV) hat die Weltmeisterschaft zum Anlass genommen, um mehr als 1000 Autolenker und Rennradfahrer zu ihren Erfahrungen im Straßenverkehr zu befragen. Zwei Drittel der Rennrad- und rund die Hälfte der Autofahrer gaben dabei an, bereits negative Erlebnisse gehabt zu haben. Das größte Konfliktpotenzial liegt im Nebeneinanderfahren von Radrennfahrern. „6 von 10 Autolenkern wissen nicht, dass Rennradfahrern das Nebeneinanderfahren auf dem rechten Fahrstreifen erlaubt ist“, sagt Armin Kaltenegger vom KFV.

Gerade das Fahren im Pulk wird gerne zur eigenen Sicherheit der Radrennfahrer betrieben. So werden sie besser wahrgenommen. Denn Unfallursache Nummer 1 ist der zu geringe Seitenabstand beim Überholen. „Es gibt Manöver, da wird man mit einem Abstand von 30 Zentimetern oder weniger mit 100 km/h überholt“, plaudert Grabner aus der Schule – als Radrennfahrer und unfallerfahrener Polizeibeamter.

Untersuchungen des Kuratoriums zeigen, dass nur jeder fünfte Autofahrer einen ausreichenden Sicherheitsabstand einhält. Als Faustregel gilt ein Meter plus die gefahrene Geschwindigkeit in Zentimetern. Das würde im Ortsgebiet einen Sicherheitsabstand von eineinhalb Metern bedeuten (siehe unten).

Abstandskontrolle

Die Erfahrungen von Grabner im Polizeidienst haben gezeigt, dass dies illusorisch ist und viele Fahrzeuglenker wesentlich knapper überholen. Das bestätigen auch Kontrollen der Salzburger Verkehrspolizei, die ein spezielles Seitenradar auf dem Dienstrad der Fahrradpolizei testete. Dabei wurden Seitenabstände von 30 Zentimetern und weniger gemessen. Viel zu knapp bemessen, angesichts der Fahrgeschwindigkeiten von Rennradlern von 40 km/h und mehr.

„Exzessive“ Auslegung

An solchen knappen Manövern hätten auch so manche Radfahrer ihren Anteil, sagt Martin Hoffer, Chefjurist beim ÖAMTC. Denn sie würden ihr Recht, nebeneinanderzufahren, mitunter „exzessiv interpretieren“. Natürlich dürften Autofahrer dann nicht erzieherisch tätig werden, aber: „Das scheint mir mit ein Grund zu sein.“

Hoffer appelliert an die Sportler, nur bei Trainingsfahrten, die zur Vorbereitung auf Wettkämpfe dienen, nebeneinander zu radeln – vorausgesetzt, das Verkehrsaufkommen erlaube es. „Wir tragen außerdem gerne dazu bei, zu Saisonstart bei allen die Regeln in Erinnerung zu rufen.“

Statistik

Die Zahl der Verkehrsunfälle mit Fahrradfahrern nimmt deutlich zu. 2015 gab es laut Statistik noch 6847 Verletzte und 39 Todesopfer, 2016 stieg die Zahl auf 7331 Verletzte – mit 48 Toten gab es dazu einen traurigen Rekord. Im Vorjahr wurden mit 7493 noch mehr Radfahrer im Straßenverkehr verletzt, 32 kamen ums Leben. Gleichzeitig steigt auch die Zahl der Vereine und Radsportler.
Bei den lizenzierten Vereinen des Radsportverbandes waren im Vorjahr 47.424 Mitglieder gemeldet. Man geht aber insgesamt von 118.000 sportlich orientierten Radfahrern aus.