© Polizeimuseum Wien

Chronik Österreich
07/25/2021

„Die Polizei war auch das erste Opfer der Nazis“

Erstmals soll die Rolle der österreichischen Exekutive im Zweiten Weltkrieg untersucht werden.

von Dominik Schreiber, Kid Möchel

Als die Österreicher Adolf Hitler am 15. März 1938 auf dem Wiener Heldenplatz zujubelten, saßen die Spitzen der Polizei bereits im Gefängnis. Vier Tage zuvor waren die führenden Beamten der Wiener Exekutive verhaftet worden, nach und nach folgten die obersten Gendarmen von Salzburg oder Oberösterreich. Doch selbst kleine Beamte des Sicherheitsbüros, wie etwa der Polizeijurist Richard Böhm, waren nicht sicher, wenn sie bei der Aufklärung von Straftaten im Zusammenhang mit illegalen Nationalsozialisten erfolgreich waren.

„Die Polizei war auch das erste Opfer der Nazis“, betont der Historiker und Polizist Gerald Hesztera. Tatsächlich gingen die Nationalsozialisten nach dem Anschluss so vor, wie man es von einer Diktatur erwartet: Als Erstes wurden die Spitzen von Politik und Verwaltung sowie des Sicherheitsapparates abgesetzt.

15 Prozent Nazis

Nach und nach wurden die wichtigen Stellen mit deutschen Gefolgsleuten besetzt. Hesztera schätzt, dass etwa zehn bis 15 Prozent der heimischen Exekutive beim Anschluss überzeugte Nazis waren. Deshalb wurden eigene Kommissionen eingesetzt, in denen die Beamten quasi bewertet wurden – so manch einem Polizisten fiel dann ein, dass er doch stets ein überzeugter Nationalsozialist gewesen ist. Andere wurden denunziert, allein in Wien wurden 6.000 Anzeigen gegen Polizisten bearbeitet, deren Vergehen es war, Nazis nicht gut behandelt zu haben.

Über die verhängnisvolle Rolle der Gestapo gibt es historische Untersuchungen in hoher Zahl. Nun soll erstmals geklärt werden, wie sich die „normale Polizei“ verhalten hat. So hat die Exekutive im Hinterland während des Krieges dafür gesorgt, dass die Kriegsmoral hoch blieb. Dafür gab es auch Erschießungen ohne Urteil. Wie viele zu Tätern und Mördern wurden, das wurde niemals geklärt.

Vieles was passiert ist, schlummert teilweise noch in den Archiven der Polizei. Die meisten davon sind nicht zugänglich, werden nun aber für das Forschungsprojekt erstmals geöffnet. Die Aufarbeitung wird von Innenminister Karl Nehammer gefördert, auch mit entsprechenden Geldern. So kann eine externe Historiker-Gruppe ausgeschrieben werden, die die Untersuchung wissenschaftlich begleiten soll. Nehammer kündigte an, dass kein Archiv für die Untersuchung verschlossen bleibt. Das Projekt ist auf zwei Jahre eingesetzt, anschließend soll es eine Ausstellung und ein Buch mit den Ergebnissen geben.

Fest steht, dass es im Jahr 1938 rund 19.000 Polizisten und Gendarmen in Österreich gab. Nach der großen Verhaftungswelle und Säuberung, die im Wesentlichen nach wenigen Wochen erledigt war, wurde die Exekutive umgebaut. „Ab April, Mai gab es keine österreichische Polizei mehr, sondern eine nach deutschen Grundsätzen“, erklärt Hesztera. Das bedeutet, dass die Exekutive auch bezüglich Aufbau und Hierarchie wie die deutsche organisiert wurde.

Kripo, Sipo, Gestapo

Der Kriminalpolizei (Kripo) fiel die Bekämpfung der nichtpolitischen Kriminalität zu, die trotz terroristischer Polizeimethoden keineswegs zurückging. Darüber hinaus war die Kripo für die Verfolgung der als „asozial“ diffamierten „Zigeuner“ (Roma und Sinti) zuständig, heißt es beim Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands.

Gestapo und Kripo bildeten die Sicherheitspolizei (Sipo). Der (uniformierten) Ordnungspolizei – gegliedert in Schutzpolizei und Gendarmerie – kam im NS-Terrorapparat vor allem eine Hilfsfunktion für Gestapo und Kripo zu.

Emanuel Stillfried: Lagerleiter, KZ-Häftling und Gendarmerie-Chef 

Kurz nach dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland war die Gestapo mit einer Festnahme-Liste unterwegs. Auf dieser standen die Namen von jenen 150 Männern und Frauen, die sofort in Gewahrsam genommen werden mussten. Auf Nummer 110 der (alphabetisch geordneten) Liste stand der Name Emanuel Stillfried.

Der Gendarmerie-Beamte wurde am 13. März verhaftet und Anfang April 1938 mit dem ersten Transport in das KZ Dachau überstellt – gemeinsam mit dem Wiener Bürgermeister Richard Schmitz, dem späteren Bundeskanzler Leopold Figl sowie dem späteren Gewerkschaftsbund-Präsidenten Franz Olah. Doch warum  hatte es das NS-Regime auf den 1898 in Pilsen geborenen Mann abgesehen?

Stillfried, ein Adeliger aus dem Hause Stillfried und Rathenitz, hatte in der Gendarmerie Karriere gemacht und war zum Lagerleiter von Wöllersdorf aufgestiegen. In dem Anhaltelager wurden ab 1933 Gegner des austrofaschistischen Regimes inhaftiert. Also neben Kommunisten und Sozialdemokraten auch  Nationalsozialisten. Seit dem Jahr 1933 hatten die Nazis in Österreich Terrorakte verübt, Höhepunkt war  der sogenannte Juliputsch 1934, bei dem Bundeskanzler Engelbert Dollfuß ermordet wurde.  Anfang April 1938 wurde das Anhaltelager Wöllersdorf geräumt und teilweise in Brand gesetzt. Viele politische Gefangene wurden von dort direkt in das KZ Dachau gebracht.

Stillfried (Häftlingsnummer: 13.808) wurde bis in das Jahr 1943  von den Nazis festgehalten, dann aber aus dem KZ Dachau entlassen. Nach dem Krieg wurde er zum General der österreichischen Gendarmerie und leitete diese. Er starb im November 1965.

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