Das Prinzenpaar aus Laa an der Thaya

© Karl Rogler

Chronik Österreich
01/24/2021

Die narrische Zeit ist abgesagt

Bälle und Faschingsfeiern haben gerade in den dunklen Wochen nach Weihnachten eine wichtige Funktion. Heuer ist alles anders.

von Barbara Mader, Katharina Salzer, Valerie Krb, Simone Hoepke, Anna-Maria Bauer

Morgen wäre Jägerball. Er wurde abgesagt. Ebenso wie der Zuckerbäckerball, der Kaffeesiederball, jener der Philharmoniker und alle anderen Bälle. Schätzungsweise 151 Millionen Euro Umsatz werden  dadurch heuer  nicht gemacht. Gschnase, Umzüge und Faschingsfeiern nicht mitgerechnet. Abgesehen vom  wirtschaftlichen Ausfall,  schlägt sich  die Absage der Ball- und Faschingssaison aufs Gemüt.  Maskenbälle und Feiern dienen seit Jahrhunderten, um Abwechslung  in die schwierigen Wintermonate zu bringen. Kostümverleiher, Faschingsprinzessinnen  und Tanzschulleiter erzählen, was die Absage der narrischen Zeit für sie bedeutet. Dass Humor in der Krise hilft, ist natürlich mehr als eine Binsenweisheit. Wem das Lachen trotzdem vergangen ist, dem ist vielleicht damit geholfen: Seit 22. Dezember werden die Tage wieder länger. Ab 2. Februar (Maria Lichtmess) bleibt es um drei bis vier  Minuten pro Tag länger hell.   

„Die Lebenslust wird einen Boom erleben“

Normalerweise gehört der Fasching zu den stressigsten Zeiten für Peter Hofer. Die Kundenfrequenz in seiner traditionsreichen Wiener Kostümwerkstatt ist so hoch wie sonst zu keiner Jahreszeit, immerhin will noch jeder rechtzeitig sein Kostüm oder den geliehenen Frack für einen der zahlreichen Bälle anprobieren. „Vor dem Opernball waren wir immer schon drei Wochen vorher ausverkauft“, erzählt Hofer. Doch nichts ist derzeit so wie immer, und anstatt sich um Schnitte und Passformen zu kümmern, schlägt er sich nun mit Behörden herum. „Wir haben bis heute noch keinen Umsatzersatz für November bekommen. Man kriegt keine Antwort, immer heißt es, es sei noch in Bearbeitung“, beschwert sich Peter Hofer. Dabei hat er noch Glück, wie er selbst sagt: Lambert Hofer sei ein grundsolider Betrieb, man könne auf Reserven zurückgreifen. 

Das Unternehmen 
Der Wiener Familienbetrieb Lambert Hofer besteht seit 1862 und wird in
vierter Generation geführt

Die Person
Peter Hofer übernahm die Kostümwerkstatt 1987. Er beschäftigt 25 Mitarbeiter 

Die Kostüme
Neben dem Kostümverleih stattet Lambert Hofer Theater und Film aus  – wie „Die Fälscher“

Sein Hauptgeschäft ist eigentlich das Ausstatten von Film- und Theaterproduktionen. Doch auch hier steht im Moment ein Großteil. Nur zwei Filmprojekte betreut Lambert Hofer derzeit – Sissi-Neuverfilmungen von Netflix und RTLplus. Immerhin stammen von hier die Kleider der Trilogie mit Romy Schneider. Und auch das teuerste Kostüm, das Hofer je verkauft hat, hatte mit der einstigen Kaiserin  zu tun. Für eine Privatperson nähte man  das originale Sternchenkleid nach. Kostenpunkt: 120.000 Schilling, also knapp 9.000 Euro. Er sei ein Optimist, sagt Hofer. Auch, weil er die lange Unternehmensgeschichte des Familienbetriebs kennt. „Nach dem Ersten Weltkrieg kamen die Goldenen Zwanziger. Und  in den Fünfzigern nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in Wien irrsinnig viel gedreht, es gab Veranstaltungen und Bälle. Die Menschen waren ausgehungert nach Vergnügen.“ Deshalb gibt es für ihn nur einen logischen Schluss: „Nach Corona wird feiern wieder angesagt sein. Die Lebenslust wird einen Boom erleben.“
 

Villacher Fasching: „Vor dem Fernseher ein Bier und ein Stückchen Normalität“

Dass es heuer keinen Faschingsumzug gibt, ändert nichts daran, dass der Villacher Fasching, seit mehr als 60 Jahren fixe Kärntner Karnevalseinrichtung, im Fernsehen zu sehen sein wird. Die „Faschingssitzung“ samt  Faschingslied („Wir singen Lei Lei“) wird diesmal allerdings ohne Publikum stattfinden. Für Manfred Obernosterer bedeutet das, dass er seine Gags schneller zur Hand haben  muss.  Normalerweise hat er ja, wenn die Leute lachen und klatschen, noch Zeit, um über den nächsten Sager nachzudenken. Mit dem Lachen in Krisenzeiten hat Obernosterer, im Zivilberuf Lehrer für Mathematik und Musik, beim Villacher Fasching als „Noste“, eines der Aushängeschilder der Veranstaltung, Erfahrung. „Ich sehe viele Sachen, die auf der Welt passieren, mit Humor. Auch wenn ich mir oft denke, dass die Welt es insgesamt zu bunt treibt.“ Ob Humor über schwierige Zeiten hinweghelfen kann? „Das Lachen bleibt einem jetzt  ein bisschen im Hals stecken. Aber es ist wichtig, dass wir unsere Faschingstradition gerade jetzt weiterführen. Die Menschen brauchen Traditionen, um mit schwierigen Dingen zurechtzukommen.“ Außerdem gehören Lachen und Weinen ja zusammen. „Ich renne ja auch nicht den ganzen Tag Witze erzählend durch die Gegend.  Daraus, dass ich vieles   skeptisch sehe, erwächst mein Humor.“ Dass sein Humor nicht jedem gefällt, weiß Obernosterer. „Aber es gibt viele Menschen, die uns mögen. Für die machen wir das. Die sollen sich am Faschingsdienstag vor dem Fernseher ein Bier aufmachen und ein Stückchen Normalität haben.“ 

Das Lei Lei im TV 
1961 fand die erste Villacher Faschingssitzung  statt, seit 1963 ist der ORF dabei. Heuer am 16. 2., um 20.15 in ORF 2

Das Villacher Faschingslied
Es stammt von Peter Wehle, der Refrain lautet: G’sund! G’sund! G’sund! Lei-Lei! Lei-Lei! Lei-Lei!

Das Prinzenpaar 
Aktuell regieren Prinz Fidelius LXV. Roland Augustin sowie 
ihre Lieblichkeit Prinzessin Hannah I.Hannah Widnig 

Zuckerbäckerball: "Aber nächstes Jahr“ - „Ballmutti“ Sarata lässt sich nicht stoppen

Was ist Wien ohne Bälle? Langweilig und weniger prickelnd. Es könnte alles so schön sein, so voller Heiterkeit.  Die Damen und Herren würden mit Sekt oder Champagner anstoßen, in den prunkvollen Ballsälen tanzen, durch die Räume der  Wiener Hofburg flanieren. Am 14. Jänner hätte der 120. Zuckerbäckerball stattgefunden. Hätte. Denn er wurde abgesagt, wie alle anderen Bälle auch, darunter der Philharmonikerball, der vor drei Tagen stattgefunden hätte. „Ohne Ball ist es traurig“, sagt Birgit Sarata, Operettendiva, Eventmanagerin, Honorarvizekonsulin und die „Ballmutti“ des Zuckerbäckerballs. „Ich nenne ihn den Ball der Lebensfreude. Weil bei uns ist so eine unglaubliche Stimmung.“ 
Vor allem für die Jungen fehle jetzt etwas, erklärt Sarata.  

163 Paare sind im Eröffnungskomitee und viele andere Gäste. Mit 3.000 Besuchern gehört der Zuckerbäckerball zu den Großen in der Stadt. Sie bestellen 3.000  Torten. Ein süßes Fest. Unterkriegen lässt sich Sarata nicht, auch wenn die Feier fehlt.  „Eine Freud’ hab ich nicht.  Es hat aber keinen Sinn, Trübsal zu blasen. Ich mach  aus jeder Situation das Beste.“ Also in die Zukunft schauen und weiter arbeiten.Blick auf 2022Die Planungen für 2021 werden gleich für 2022 verwendet – inklusive des Stargastes. Und der Termin für den Ball steht fest: Es ist der 13. Jänner. Wer der Promi ist, wird aber noch nicht verraten. Sarata besucht, in einem normalen Fasching, übrigens noch einen zweiten Ball: den Opernball. „Ihn werde ich nicht vermissen.“

Zum Stillstand verdonnert: Die Tanzschulen und -schüler trifft es hart

Natürlich war es immer eine Option, aber damit gerechnet hat Tanzschulbesitzer Thomas Schäfer-Elmayer dennoch nicht: eine Faschingszeit ohne Bälle, ohne Tänze, ohne Feiern. Ausgerechnet jene Branchen, die in der fünften Jahreszeit zu den beschäftigtsten gehören, sind derzeit  zum Stillstand verdonnert. Thomas Schäfer-Elmayer trifft das gleich zwei Mal. Einerseits fällt die Arbeit in der Tanzschule weg. Und dabei finden sich  in der Hauptsaison  täglich bis zu 600 Schüler ein. Andererseits kann er auch nicht, wie üblich, rund 50 Bälle eröffnen. Was seiner Meinung nach durch die entfallene Ballsaison am meisten verloren geht? „Die menschliche Nähe“, sagt er. „Feiern ist so etwas Erfreuliches, es ist Lebensqualität, was wir gerade in Krisenzeiten dringend benötigen würden.“

Tanzschule Elmayer
2019 hat die Tanzschule Elmayer 100-jähriges Bestehen gefeiert. Thomas Schäfer-Elmayer hat sich nicht nur 
mit Jugendkursen, sondern auch als Vermittler von korrekter Etikette einen Namen gemacht

Die Schulen im Land
In der Bundeshauptstadt gibt es 28 Tanzschulen; in ganz Österreich sind es 185. Ihnen ist durch die aktuellen Corona-Maßnahmen das Geschäft komplett weggebrochen 

Ganz allgemein schmerzt ihn aber vor allem das Wegfallen der Tanzschulstunden für die Jugend. „Sie lernen ja nicht nur die Tanzschritte, es geht um die Entwicklung der  sozialen Kompetenz.“ Aber auf die Wehmut folgt gleich ein Appell: „Unsere Vorfahren, die Anfang des 20. Jahrhunderts gelebt haben, haben so viel mitgemacht: zwei Weltkriege, den Zerfall der Monarchie, die spanische Grippe, die Nazis ... Uns fällt nun eine Ballsaison aus: Das müssen wir aushalten.“ Noch dazu, wo durch die aktuelle Impfmöglichkeit doch ein starker Hoffnungsschimmer auszumachen sei. Und so blickt Elmayer nach vorne, der Termin für das 101. Elmayer-Kränzchen ist mit dem 1. März 2022 bereits fixiert. Und er ist sicher: „Die Ballsaison 2022 wird rauschend sein.“

„Man fühlt sich wirklich wie eine Prinzessin“: Der Hochadel aus  Laa an der Thaya

Yvonne Hummel hat sich schon immer gern verkleidet. Früher, als Kind, griff sie zum Vampir- oder Ninjakostüm. Heute greift sie am liebsten zum Prinzessinnenkleid. Das trifft sich gut, denn die 25-jährige Einzelhandelskauffrau ist die Faschingsprinzessin der Gilde Laa an der Thaya. Sie und ihr Mann Christoph stellen  heuer schon zum dritten Mal das Prinzenpaar. Der Fasching ist für sie eine wertvolle Tradition, die sie auch bei ihren Kindern weiterführt. „Unser Älterer ist manchmal der einzige im Kindergarten, der am Faschingsdienstag verkleidet ist“, erzählt die zweifache Mutter. Halloween macht dem Fasching auch  im Norden Niederösterreichs  Konkurrenz.

Das Treiben der Faschingsgilden habe Hummel schon immer begeistert. Und als die Laaer Faschingsfreunde ein neues Prinzenpaar suchten, musste sie nicht lange überlegen. Nun genießt sie es jetzt jedes Mal aufs Neue, wenn sie ihr altertümliches Barockkleid überstreift. „Das fühlt man sich wirklich wie eine Prinzessin“, sagt Hummel. Trotzdem ist sie jedes Mal nervös, bevor es auf die Bühne geht. So eine Regentschaft nimmt Zeit in Anspruch. Der Faschingsreigen beginnt mit dem Narrenwecken am 11.11.. Im Jänner folgen die Faschingssitzungen, bevor das Treiben in einem Umzug am Faschingsdienstag gipfelt. Dazwischen werden  andere Gilden zwecks humoristischen Austauschs besucht. Dieses Jahr wird das Programm ins Internet verlegt, dabei bräuchte die Welt gerade heuer viel Humor, sagt Hummel. Sie hofft auf das kommende Jahr. „Dann können wir wieder gute Laune verbreiten.“ 

Die Gilden
130 Vereine sind österreichweit im Bund Österreichischer Faschingsgilden organisiert

Närrische Zeit
Der Fasching beginnt eigentlich am 7. Jänner und endet mit dem Aschermittwoch. Allerdings werden die Narren schon am 11.11. geweckt. Diese Zeit wird auch „Fünfte Jahreszeit“ genannt

Im Land des Sambas
Der größte Faschingsumzug der Welt ist der Karneval in Rio  

Und was ist mit der Krapfensaison?

Für  Peter Györgyfalvay ist zu Fasching Hauptsaison. Schließlich ist er laut eigenen Angaben der größte Krapfenproduzent des Landes.  In der vorigen Faschingssaison hat der Niederösterreicher mit seinem Familienunternehmen rund 60 Millionen Stück  produziert, aber diesen Winter läuft das Geschäft nicht so geschmiert wie gewohnt. Schuld ist der Lockdown, das Homeoffice und all die gestrichenen Faschingsfeiern. Kurzum: Es gibt  schlicht weniger Anlässe, um Krapfen zu essen. Das spiegelt sich auch in den Verkaufszahlen von Györgyfalvays Unternehmen Kuchen-Peter wider. „Wir liegen in dieser Faschingssaison mengenmäßig rund zwanzig Prozent hinter dem Vergleichzeitraum des Vorjahres zurück“, sagt der Unternehmer. In seiner Produktion in Hagenbrunn läuft die Krapfen-Fertigung deswegen nicht wie sonst um diese Jahreszeit auf Hochtouren. Zwar wird nach wie vor von Sonntagmittag bis Samstagfrüh durchproduziert, 24 Stunden am Tag. Aber nicht mehr durchgängig auf beiden Krapfen-Produktionsanlagen, erläutert der Lieferant von so gut wie allen großen Lebensmittelsupermärkten und Diskontern des Landes.

14 Stück Jahrespensum
Laut einer Marketagent-Umfrage isst der typische Österreicher 14 Krapfen pro Jahr, davon 7 in der Faschingszeit und zwei am Faschingsdienstag.  

Marille gewinnt
Acht von zehn Österreichern haben laut der Umfrage am liebsten Marillenkrapfen. 

Esstechnik
85 Prozent geben an, dass sie zuerst dort reinbeißen, wo die Marmeladefülle ist.

Krapfen mit Leberkäse

Seitens des Handels hört man, dass der Appetit auf Krapfen trotz abgesagter Faschingsumzüge und Feiern ungebrochen da ist. „Es wird heuer auch wieder, neben den Klassikern wie Marmelade- und Vanillekrapfen, die Leberkäse und Schnitzelkrapfen bei Billa und Merkur geben“, sagt eine Sprecherin der Rewe-Gruppe. 

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