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Chronik Österreich
10/09/2020

Die Gründe für Österreichs Corona-"Schulchaos"

Warum dürfen manche Schüler trotz Covid-19 in die Klasse – und andere nicht? Was bei flottem Hinsehen nach Willkür aussieht, macht – mittlerweile – vielfach Sinn.

von Christian Böhmer, Patrick Wammerl, Michael Pekovics, Johannes Weichhart

Das Ganze sah aus wie ein klassischer Schildbürgerstreich: Als vor wenigen Tagen in Tirols Schulen Corona-bedingt Quarantäne verhängt werden musste, kam es zu seltsamen Teilungen: Die Schüler wohnten in verschiedenen Bezirken. Doch weil die jeweiligen Amtsärzte die Lage durchaus anders sahen, durfte ein Teil der Klasse weiter in die Schule – der andere aber nicht.

„Das wird sich nicht wiederholen“, sagt am Freitag eine Sprecherin im Gesundheitsministerium. Mittlerweile entscheide der Schulstandort und nicht die Meldeadresse, welche Behörde zuständig ist. Das ändert freilich nichts daran, dass insbesondere an Standorten, an denen Quarantäne verhängt wird, vielfach Verunsicherung grassiert. Herrscht an den Schulen gar ein Covid-Chaos, wie es bisweilen in Eltern-Foren und Whatsapp-Gruppen beklagt wird?

Ein KURIER-Rundruf in den Bundesländern ergibt ein diverses Bild.

„Wenn Schüler positiv getestet werden, entscheidet die Gesundheitsbehörde, welche Klassen in Quarantäne müssen“, sagt Andreas Lonyai, HAK-Direktor im burgenländischen Oberwart. In der Theorie würden Sitzpläne und die Situation in der Schule bewertet. „Es werden nicht zwangsläufig alle in Quarantäne geschickt. Und die Gesundheitsbehörde entscheidet, wann Schüler wieder in die Klasse dürfen.“

Während es in anderen Schulen Niederösterreichs wie Perchtoldsdorf größere Cluster gibt, läuft der Unterricht am Bundesgymnasium Zehnergasse in Wiener Neustadt recht ruhig ab. „Wir gehen sensibel mit den Symptomen um. Ist ein Schüler erkrankt, nimmt er Kontakt mit der Direktion auf. Das passiert telefonisch und parallel per eMail. Im Zweifelsfall wird jeder Schüler aufgefordert, zu Hause zu bleiben“, sagt Direktor Werner Schwarz. Das System der Krank- und Gesundmeldungen habe sich eingespielt, die Zusammenarbeit mit den Behörden klappe gut.

Aber wie kann es dann sein, dass auf den ersten Blick vergleichbare Schulen, Kinder und Klassen nicht immer gleich behandelt werden?

Im Wesentlichen liegt das an zwei Faktoren: Erstens wird bei der Verfolgung möglicher Kontakte (Contact-Tracing) nicht jedes Kind gleich behandelt: Basierend auf den medizinischen Erkenntnissen der vergangenen Monate werden Unter-10-Jährige bei der Analyse der Cluster anders gewichtet als Über-10-Jährige. Die Daten lassen nämlich den Schluss zu, dass sich Unter-10-jährige weniger leicht anstecken.

Ein zweiter Aspekt: Die einzelnen Schulen werden nicht gleich behandelt, jeder Cluster wird regional bewertet. Vereinfacht gesagt heißt das: Fragen wie „Wie groß ist die Schule?“, „Woher kommen die Schüler?“ oder „Wird im Klassenverbund oder in Kleingruppen unterrichtet?“ fließen in die Quarantäne-Entscheidung mit ein.

„Selbst wenn man vergleichbare Schulen oder Klassen hat, muss man immer mit einbeziehen, wo diese Schule steht“, sagt eine Sprecherin des Gesundheitsministers. „Eine geografisch abgeschiedene Schule in einem Seitental der Alpen wird andere Maßnahmen benötigen als eine im dicht verbauten Gebiet.“ Genau deshalb sei es sinnvoll, die regionalen Gesundheitsbehörden entscheiden zu lassen.

Nur eine Schule zu

Einig ist man sich im Bildungs- wie Gesundheitsministerium, dass eine Schließung von Schulen die absolute Ultima Ratio darstellt.

Was die Statistik angeht, bestätigt sich das vorerst. Denn laut aktuellen Zahlen aus dem Bildungsressort (Stand: Freitagabend) waren von 55.000 Schulklassen gerade einmal 115 in Quarantäne (0,21 %). Völlig geschlossen war gestern in Österreich eine einzige Schule.

Kinder sind nicht so ansteckend 

Für die neueste Metaanalyse wurden am University College London Daten aus 32 Studien mit 41.640 Kindern und Jugendlichen sowie fast 270.000 Erwachsenen ausgewertet. Fazit: Heranwachsende unter 20 Jahren haben ein um 44 Prozent geringeres Risiko sich anzustecken

Kinder dürften auch bei der Verbreitung eine untergeordnete Rolle spielen. Wie ansteckend sie im Ernstfall sind, ist nicht eindeutig geklärt. Die Ansteckungsrate durch Kinder war in Studien ähnlich hoch oder höher als bei Erwachsenen. Studien zur Viruslast zeigen keinen wesentlichen Unterschied. Auffallend ist, dass bei Kindern Durchfall vergleichsweise häufig und oft als einziges Symptom auftritt.

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