Schwarze Flaggen beim Uhrturm in Graz am Montag.

© APA/ERWIN SCHERIAU

Nach der Amokfahrt
06/22/2015

Das gelähmte Graz trauert noch

Helfer bieten Gespräche an jenen Stellen an, wo drei Menschen starben oder verletzt wurden.

von Elisabeth Holzer

Eine Frau geht auf Franz Wallner zu, der vor der Stadtpfarrkirche in der Herrengasse wartet und Gespräche anbietet. "Ich hab’ gesehen, wie der Bub gestorben ist", sagt sie und weint. "Ich muss mir das von der Seele reden."

Wallner ist einer der freiwilligen Helfer des Kriseninterventionsteams, die noch die ganze Woche über in Graz bereitstehen, um bei der Aufarbeitung zu helfen. Es ist Tag zwei nach der Amokfahrt: Die Gastgärten sind wieder gefüllt, es wird gelacht und getrunken aber die Kerzen und Blumen vor der Stadtpfarrkirche und dem Rathaus werden immer mehr. Alle paar Meter tauchen in der gesamten Fußgängerzone der Herrengasse bis hinunter zum Hauptplatz Kerzen auf, freiwillige Helfer räumen abgebrannte weg und machen Platz für neue.

Auf die Auslage eines Kleidungsgeschäftes hat ein Unbekannter ein selbstverfasstes Gedicht geklebt: "Nachmittags ist alles leise, die Menschen trauern, jeder auf seine Weise." Die Angestellten lassen es hängen, auch die Kerzen vor den Eingängen bleiben stehen. Die Straßenbahnen fahren langsamer als sonst durch die Innenstadt, da immer wieder Menschen auf den Schienen stehen, weil der Platz um die Gedenkstätten zu eng geworden ist.

"Dort, wo Menschen getötet oder verletzt wurden, dort ist der Bedarf nach Gesprächen am größten", beschreibt Wallner. "Hier sind die Gefühle einfach am stärksten. Wenn da 30, 40, 50 Menschen stehen und 1000 Kerzen brennen, dann kannst du dich dem nicht mehr entziehen." Das Ritual, eine Kerze anzuzünden, sei besonders wichtig. "Der Täter hat etwas sehr Finsteres getan. Die Menschen zünden Kerzen an und geben Licht."

Angst und Wut

Nicht nur in der Herrengasse, sondern auch im Rathaus warten Helfer. "Es geht darum, dass die Leute sehen, ‚Du bist nicht allein‘", beschreibt Edwin Benkö aus der Leitung des Kriseninterventionsteams. "Kaum jemand hat so etwas noch vor der eigenen Tür erlebt. Hier kannst du Ängste ansprechen, auch Wut, und darüber reden."

Wut auf den mutmaßlichen Täter sei in Ansätzen spürbar, schildert auch Franz Wallner. "Ich hab’ schon gehört, wie jemand sagt, sofort umbringen." Aber großteils überwiegen Fassungslosigkeit und so etwas wie kollektive Trauer. "Die Stadt ist ins Herz getroffen worden. So eine Tat macht einfach hilflos."

Die 25-jährige Jasmin hat die Amokfahrt und ihre Folgen direkt erlebt. Ihre Familie führt jenes Lokal nahe dem Hauptplatz, in dessen Gastgarten der grüne SUV raste. Jasmin und ihre Schwester hatten Dienst Samstagmittag. "Das ist alles in Sekunden abgelaufen", erinnert sich die junge Frau. "Zuerst ein Geräusch wie ein Brummen, dann haben die Leute nur noch geschrien."

Alle halfen

Als Jasmin aus dem Lokal nach draußen lief, befand sich der Gastgarten nahe der Hausmauer. "Die ganze erste Reihe war weggedrückt, die Verletzten sind unter den Tischen und Sesseln auf Scherben gelegen. Und dann versuchst du nur noch, irgendwie zu helfen."

Jasmin holte Decken, damit die Opfer wenigstens nicht frieren müssen. Gäste, die unverletzt blieben, leisteten Erste Hilfe, unter ihnen auch einige Ärzte. "Jeder hat zusammengeholfen, obwohl sich die meisten nicht gekannt haben."

Sonntag blieb das Kaffeehaus geschlossen, aus Pietät gegenüber den Opfern. Die grüne Farbe, mit der die Polizei die Unglückspunkte markierte, ist mittlerweile fort. "Wir haben geschaut, dass wir die wegschrubben, damit die Mitarbeiter das nicht jeden Tag sehen müssen", sagt Jasmin. Hat sie nun Angst? "Ich weiß es nicht", antwortet die 25-Jährige. "Solche G’schichten passieren normalerweise immer ganz weit weg und nicht hier."

„Am Samstag ist die Zeit stehen geblieben“

Der Uhrturm und das Rathaus sind schwarz beflaggt, auch in der Herrengasse hängen schwarze Fahnen. 17 Stadteinfahrten hat Graz, die Ortstafeln werden heute Trauerflore bekommen und zwar für mindestens eine Woche.

Bereits seit Sonntag gibt es ein Online-Kondolenzbuch auf der Homepage der Stadt, deren Startseite (www.graz.at) seit der Amokfahrt schwarz unterlegt ist. Gestern wurde auch ein richtiges Buch für Trauerbekundungen im Rathaus aufgelegt. „In Graz ist am Samstag die Zeit stehen geblieben“, schreibt eine Frau, während ein Mann direkt auf den mutmaßlichen Täter Bezug nimmt: „Wenn es Gottes Gerechtigkeit gibt, wird die die gerechte Strafe für den Wahnsinns-Fahrer finden.“

Unter den ersten, die in das Buch schrieben, waren Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer, ÖVP, und Vize Michael Schickhofer, SPÖ. „Wir wollen den Betroffenen sagen, dass unsere Gedanken bei ihnen sind. Und dass wir hoffen, dass die Schwerverletzten wieder gesund werden“, betonte Schützenhöfer. Auch Bürgermeister Siegfried Nagl und US-Botschafterin Alexa Wesner trugen sich ein. Der Stadtchef wäre Samstagmittag beinahe selbst Opfer geworden und musste zusehen, wie Adis Dolic und seine Frau Velika auf dem Gehsteig niedergefahren wurden. Adis starb noch auf der Straße, Valika gehört zu den Schwerstverletzten, die noch um ihr Leben ringen.

Gedenkmarsch

Sonntagabend findet in Graz ein Trauerzug statt. Der Gedenkmarsch unter Teilnahme aller Konfessionen soll ab 18 Uhr zum Teil durch jene Straßen führen, in der Alen R. mit seinem SUV raste: In der Herrengasse starben Valentin, 4, und eine Frau.

Bis dahin soll es ruhiger sein in Graz, wünscht sich Bürgermeister Nagl: Sämtliche Feste in der Stadt wurden für die offiziell ausgerufene Trauerwoche abgesagt. Darunter ist auch das 25-Jahre-Fest der VinziWerke von Pfarrer Wolfgang Pucher oder das Sommerfest des Stadtmuseums am Wochenende sowie der Congress-Award, der heute stattfinden sollte. „Es gibt nichts zu feiern“, begründete Pfarrer Pucher. „Wir stehen erschüttert an der Seite der Betroffenen.“ Ob auch das Augartenfest abgesagt wird, stand gestern noch nicht fest. Jedes Jahr wird es von 35.000 Gästen besucht.

Brautpaaren, deren Trauung im Rathaus angesetzt war, wird als Ausweichmöglichkeit die Gotische Halle im Stadtmuseum angeboten.
Die Stadt hat außerdem ein Spendenkonto für Hinterbliebene und verletzte Opfer eingerichtet: Steiermärkische Sparkasse, Hilfsfonds für die Opfer der Amokfahrt in Graz, IBAN: AT 46 2081 5000 4056 7521.