Mit unzähligen Lichtern, die vor allem vor der Stadtpfarrkirche in der Herrengasse abgestellt wurden, drückten die Teilnehmer Trauer und Beileid für die Opfer der Amokfahrt in Graz aus.

© APA/EPA/ELMAR GUBISCH

Graz
06/21/2015

Amokfahrt: Drei Tote - darunter ein Vierjähriger

26-Jähriger raste in Geländewagen mit 100 km/h durch Grazer City. 34 Verletzte, Ärzte ringen um sechs Leben. Trauer in der Stadt. LH Schützenhöfer: "Für Tat gibt es keine Entschuldigung"

von Elisabeth Holzer, Dominik Schreiber

Da war nur ein Zischen. Der ist mit 100, vielleicht sogar 150 km/h, vorbeigerast“, schildert Galerist Helmut Reinisch. Er ist erschüttert wie Hunderte andere Passanten und Grazer auch. „Tote, Sirenen, wie Weltuntergang“, lautete einer von vielen Augenzeugenberichten auf Twitter. Viele entkamen nur um Haaresbreite der Wahnsinnsfahrt. Der Amoklenker raste Samstagmittag in Schlangenlinien durch die Fußgängerzone in der Herrengasse, erfasste Dutzende Spaziergänger und fuhr durch Gastgärten.

6 Opfer in Lebensgefahr

Drei Menschen wurden getötet (darunter ein vierjähriger Bub), 34 zum Teil schwer verletzt. Sechs Personen schwebten auch Sonntagmittag noch in Lebensgefahr.

Der Amokfahrer, 26, ein Österreicher mit bosnischen Wurzeln aus Graz-Umgebung stoppte erst in der Schmiedgasse, einer Parallelstraße der Herrengasse. Dort stellte sich der zweifache Familienvater und gestand eine „Auseinandersetzung mit einem Messer“ gehabt zu haben. Er ließ sich widerstandslos festnehmen.

Befragung unmöglich

Über die Motive des Mannes war vorerst wenig bekannt. Bisher war eine Befragung des Lenkers aufgrund seines psychischen Zustandes nicht möglich, erklärte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Christian Kroschl. Der Mann konnte nicht einmal der behandelnden Ärztin einige Fragen beantworten, eine Einvernahme durch die Polizei war überhaupt unmöglich.

Landespolizeidirektor Josef Klamminger legt sich aber fest: „Es gibt keinen Zusammenhang mit Fanatismus. Religiöser, politischer oder extremistischer Hintergrund ist auszuschließen.“ Der 26-Jährige soll im Laufe des Tages in die Justizanstalt Graz-Jakomini eingeliefert werden.

Entsprechende Gerüchte in Internet-Foren, wonach ein Anschlag dieser Art geplant gewesen sei und sogar eine Warnung existiere, wies Klamminger zurück. Stattdessen soll es sich um einen „geistig verwirrten Einzeltäter“ handeln, wie es Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer nannte: Der 26-Jährige soll an einer Psychose gelitten haben, die durch Probleme in der Familie und die Wegweisung aus seiner Wohnung am 28. Mai ausgelöst wurde.

Bilder aus der Grazer Innenstadt

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AMOKFAHRT - TAUSENDE GEDACHTEN MIT KERZEN IN GRAZ

AMOKFAHRT - TAUSENDE GEDACHTEN MIT KERZEN IN GRAZ

AMOKFAHRT - TAUSENDE GEDACHTEN MIT KERZEN IN GRAZ

STEIERMARK: GELÄNDEWAGEN RASTE IN FUSSGÄNGER IN GR

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STEIERMARK: GELÄNDEWAGEN RASTE IN FUSSGÄNGER IN GR

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STEIERMARK: GELÄNDEWAGEN RASTE IN FUSSGÄNGER IN GR

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A fireman and police stand next to a damaged bicyc…

Firemen and police stand next to a damaged bicycle…

Die Amokfahrt begann um 12.15 Uhr in der Zweiglgasse in der Nähe des Griesplatzes. Der Geländewagen raste mit weit überhöhter Geschwindigkeit über Schörgelgasse und Hamerlinggasse in die Herrengasse.

"Hat mich anvisiert"

In der Lagergasse gab es das erste Todesopfer: Ein Pärchen, das auf dem Gehsteig unterwegs war, wurde regelrecht niedergemäht, beschrieb der Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl erschüttert, er war Zeuge. „Ich hör’ hinter mir einen Knall und dreh mich um“, schilderte Nagl. „Da seh' ich, wie dieser Täter und Mörder links auf dem Gehsteig einen Bus überholt und ein Paar niedermäht.“ Der 28-jährige Mann starb, die Frau überlebte schwer verletzt. „Ich hab’ gedacht, der bleibt jetzt stehen“, sagt Nagl. „Aber der hat mich und weitere Passanten einfach anvisiert.“

In der Herrengasse setzte der 26-Jährige seine Amokfahrt fort. Er raste über die Hamerlinggasse – eine kleinen Seitengasse – in die Fußgängerzone und fuhr wahllos auf die Passanten zu. „Der ist aufs Gas gestiegen“, schildert eine junge Frau. „Ich bin dann nur noch gesprungen.“ Sie überlebte mit leichten Verletzungen.

Kind starb vor Kirche

Eine Frau (25) und ein vierjähriger Bub, die sich auf Höhe der Stadtpfarrkirche aufhielten, hatten jedoch keine Chance mehr: Der Geländewagen erfasste sie von hinten, sie wurden von der Windschutzscheibe durch die Luft geschleudert. Danach raste der Lenker weiter und offenbar auf Gastgärten und Passanten los. Es herrschte Panik: Menschen sprangen auf und versuchten, sich in Geschäfte oder Lokale zu retten. Dennoch dürften rund 50 Personen von dem Wagen erfasst worden sein.

Die Grazer Innenstadt wurde großräumig gesperrt, es herrschte bis in die Abendstunden Ausnahmezustand. Alleine 50 Rettungswagen, vier Rettungshubschrauber, 16 Notärzte und zahlreiche freiwillige Helfer aus medizinischen Berufen waren im Einsatz. Der öffentliche Verkehr stand vielfach still, Ersatzbusse verkehrten.

„Für diese Tat gibt es keine Entschuldigung“, sagte der steirische Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer – den Tränen nahe – bei einer Pressekonferenz am Nachmittag. Er richtete einen Krisenstab ein. „Wir sind geschockt und bestürzt über einen verwirrten Täter, der wahllos Menschen getötet und verletzt hat.“

Graz trug am Samstag Trauer. Mehrere Veranstaltungen – in der Oper oder der Multi-Kulti-Ball – wurden abgesagt. Um 18 Uhr fand ein Gottesdienst in der Stadtpfarrkirche in unmittelbarer Nähe des Tatortes statt, 500 Menschen nahmen daran teil. Der SK Sturm sagte ein Testspiel gegen den FC Holzhacker ab, der Formel-1-GP in Spielberg findet statt.

Spurensuche

Der SUV des Amokfahrers soll in den kommenden Tagen näher auf weitere Spuren untersucht werden. Die Ermittlungen über die Hintergründe werden noch einige Tage in Anspruch nehmen, das Landeskriminalamt hat Ermittlungen aufgenommen. Innenministerin Johanna Mikl-Leitner besucht am Sonntag Graz, um sich selbst ein Bild von der Lage zu machen.

Der 26-jährige Kraftfahrer, der zwei Kinder hat und im Alter von vier Jahren nach Österreich kam, stellte sich nach der Tat in der Inspektion Schmiedgasse selbst. Er hatte ein Messer bei sich gehabt, mit dem er zwischenzeitlich in der Grazbachgasse einen Passanten niedergestochen haben soll. Er war wegen Gewaltdelikten vorbestraft.

Stille Nacht

An den Absperrungen der Polizei vor der Herrengasse wurden am Nachmittag schon Kerzen und Blumen niedergelegt. Die Stadt Graz trägt Trauer, es herrscht Fassungslosigkeit in der Stadt.

Die Straßenbahnen verkehren wieder, sanft und behutsam bringen Angehörige der Grazer Ordnungswache dazu die Menschen dazu, sich kurz von den Gleisen weg zu bewegen. In der Schmiedgasse vor der Polizeiinspektion wurde der Geländewagen des Täters bereits weggebracht.

Auch in den umliegenden Gassen rückt das große Polizeiaufgebot ab. Neongrüne Markierungen der Polizei an jenen Stellen in der Herrengasse, am Hauptplatz und in der Schmiedgasse, wo Menschen verletzt bzw. getötet wurden, künden von der Erhebungen der Kriminalisten und der Spurensicherer. Überall in der Innenstadt stehen Menschen beisammen, oft einander Fremde, und sprechen über das Unfassbare.
Am Sparkasseneck des Rathauses am Hauptplatz und an allen anderen Ecken dieses zentralen Grazer Platzes haben Menschen Blumen und Kerzen niedergelegt, auch Stofftiere und Sonnenblumen - "als Symbol des Lebens", so eine Frau am Beginn der Schmiedgasse, die sich dann abwendet und ein Taschentuch hervorholt.

Aus Rücksicht auf die Angehörigen der Opfer und des Täters wurde die Kommentarfunktion vorübergehend deaktiviert.

„Ich bin zutiefst geschockt über die Wahnsinnstat, die sich in Graz ereignet hat. Ich möchte dem Landeshauptmann der Steiermark meine größte Betroffenheit zum Ausdruck bringen und zugleich mein Mitgefühl mit den Opfern des unfassbaren Verbrechens.“
Bundespräsident Heinz Fischer

„Ich bin bestürzt über die unfassbare Amokfahrt, die heute in Graz – nach ersten Berichten – drei Menschenleben und zahlreiche Verletzte gefordert hat. Mein Mitgefühl und meine Gedanken sind in diesen schweren Stunden bei den Opfern und deren Familien.“
Bundeskanzler Werner Faymann

„Unser Mitgefühl gilt jetzt vor allem den Opfern und ihren Hinterbliebenen dieser unfassbaren Tat. Die Betreuung der Betroffenen und die Sicherung des Tatorts stehen jetzt an erster Stelle.“
Innenministerin Johanna Mikl-Leitner

„Wir sind alle gefordert, das Miteinander zu suchen und Gräben nicht aufzubauen.“
Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer

„Stehen wir auch in diesen schweren Stunden zusammen. Man kann keine Worte finden für das, was in der Innenstadt von Graz passiert ist. Unsere Gedanken und Gebete gelten jenen, die von diesem Anschlag betroffen sind und jenen, die helfend vor Ort sind.“
Bischof Wilhelm Krautwaschl

Es tut unendlich weh, für mich als Familienvater ist es nicht zu fassen, was hier passiert ist. Es wurde alles getan, um die Verletzten sofort zu versorgen.“
Landeshauptmann-Stellvertreter Michael Schickhofer

„Unsere Gedanken sind nun bei den Familien und Freunden der Opfer.“
Red Bull-Berater Helmut Marko