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Chronik Österreich
04/15/2020

Corona: Was die neue Art zu leben für die Drogenszene bedeutet

Durch Grenzkontrollen steigen die Preise, Suchtkranke sind besonders gefährdet.

von Konstantin Auer, Markus Strohmayer

Im kolumbianischen Medellin, von wo aus einst Pablo Escobar sein Kokain-Imperium betrieb, ist die Zahl der Morde aufgrund der Einschränkungen des öffentlichen Lebens so niedrig wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

US-Präsident Donald Trump warnte hingegen zuletzt davor, dass Drogenkartelle die Coronavirus-Krise für den Schmuggel ausnutzen könnten. Er schickte zusätzliche Kriegsschiffe in die Karibik. Und aus Italien erreichen uns Meldungen, dass die Polizei nun verstärkt in Supermärkten kontrolliert, da dort vermehrt Drogen verkauft werden, weil auf der Straße nichts mehr los ist.

Die Pandemie hat Auswirkungen auf die Drogenszene – auch in Österreich - und nicht zuletzt auch auf die Suchtkranken, für die diese Zeit keine leichte ist.

„Wir sehen in vielen Ländern einen starken Anstieg beim Drogenhandel im Internet und auch in Österreich gibt es erste Tendenzen“, sagt Daniel Lichtenegger, Leiter des Büros zur Bekämpfung der Suchtmittelkriminalität im Bundeskriminalamt.

Die Geschäfte laufen dabei immer öfter über das Darknet ab – ein illegaler Online-Marktplatz, wo auf Lieferantenseite erste Engpässe und ein damit verbundener Preisanstieg beobachtbar sind.

Straßenverkauf sinkt

Aktuell gibt es auf der Straße weniger Aufgriffe: „Das Geschäft hat sich aus dem öffentlichen Raum hin zum Wohnungsverkauf verlagert“, sagt Lichtenegger. Unabhängig vom Verkaufsort sind weiter Heroin, Kokain, Cannabis und synthetische Drogen besonders gefragt.

Bei Letzteren könnten Hersteller Probleme bekommen, da gewisse Produkte aus dem Ausland kommen, Grenzkontrollen erschweren das.

Der wissenschaftliche Leiter der Drogenberatungsstelle „Checkit“, Rainer Schmid, glaubt, dass die Qualität der Drogen sinkt, weil sie stärker gestreckt werden müssen. Das könne vor allem für jene zum Problem werden, die in keinem Substitutionsprogramm sind. Vor allem diese Süchtigen seien auf den Straßenverkauf angewiesen, ein kalter Entzug kann tödlich enden.

„Grundsätzlich sind wir bei der Substitution in Österreich aber gut aufgestellt“, sagt Schmid. Laut Lichtenegger würden sich manche Konsumenten, die bisher illegal auf der Straße gekauft hatten, nun an Gesundheitsorganisationen wenden.

Partykonsum geht zurück

Der Partykonsum gehe aber zurück, schätzt Schmid. Der Ecstasy- und Amphetamin-Konsum, der sonst auf Partys passiert, würde sich nur zum Teil nach Hause verlagern. Dafür könnten der Alkohol- und Cannabis-Konsum steigen.

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Das bestätigt auch Wiens Drogenkoordinator Ewald Lochner: „Wir erhalten in der Suchthilfe derzeit vermehrt Anrufe zu Cannabis oder Alkohol.“ Das könne man aber mit Online-Tools abfangen. Grundsätzlich seien diese Zeiten für die Suchthilfe sehr herausfordernd, schildert er.

Da Sucht eine psychische Erkrankung ist, kann auch diese in Krisen verstärkt hervortreten. Suchtkranke könnten zudem wegen ihres geschwächten Immunsystems besonders gefährdet sein.

Änderung im Gesetz

Das Suchtmittelgesetz wurde wegen der neuen Herausforderungen adaptiert: Ärzten wird empfohlen, die Substitutionsmedikamente für einen längeren Zeitraum zu verschreiben. Um den Suchtkranken Wege zu ersparen, muss das nicht mehr über den Amtsarzt laufen.

Die Rezepte werden elektronisch an die Apotheken übermittelt. Zudem gibt es eine Einheit der Suchthilfe, die Patienten in Quarantäne sauberes Spritzbesteck und Medikamente bringt.