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Chronik Österreich
04/11/2021

Die Methoden der Impfvordrängler

Österreichs langsames Tempo beim Impfen lässt so manchen ungeduldig werden und bei der Impfreihenfolge tricksen.

von Valerie Krb

Zuerst die gute Nachricht: Der österreichische Impfplan hält. Nachdem die europäische Arzneimittelagentur am Mittwoch keine Altersbeschränkungen für Astra Zeneca empfahl, bleibt Österreich dabei, das Vakzin weiterhin an alle zu verimpfen. Zwar sieht sie einen möglichen Zusammenhang mit Thrombosen. Der Nutzen überwiege jedoch die Risiken, heißt es.

Nun die schlechte Nachricht: Besagter Impfplan ist alles andere als ambitioniert. Wenn es bei den 7 Millionen Impfdosen bleibt, die laut Gesundheitsministerium im zweiten Quartal geliefert werden sollen, könnte EU-Berechnungen zufolge rund die Hälfte der Österreicher bis Ende Juni vollimmunisiert werden. Hier wird Österreich von Ländern wie Dänemark – dort sollen es knapp 80 Prozent sein –, Polen und Rumänien abgehängt. In der Reihung der 27 EU-Ländern landet Österreich auf Platz 22.

Steigender Egoismus

Kein Wunder also, dass hierzulande bei vielen Frustration einkehrt und der Egoismus überhandnimmt. Verstärkt durch Meldungen über Impfvordrängler, etwa Bürgermeister, die sich vorzeitig Impfdosen sicherten. Oder der Verdacht gegen Ärzte, die statt Hochrisikopatienten und Älteren einfach Familienmitglieder und Freunde geimpft haben sollen (der KURIER berichtete). Im etwas größeren Stil hat das Rote Kreuz Vorarlberg die Impfreihenfolge ignoriert. So lud die Landesleitung auch "passive Mitarbeiter" – immerhin 500 an der Zahl - zur Impfung ein. Das sind jene Bedienstete, die keinen Rettungsdienst versehen und mitunter gar keinen Patientenkontakt haben, sondern zum Beispiel hinter dem Notruftelefon sitzen.

Dem KURIER sind nun weitere Fälle von Menschen bekannt, die sich eigenständig und unabhängig der Impfreihenfolge ihre Dosis sicherten. Etwa jener eines 44-jährigen Steirers. Seine Frau war als Lehrerin regulär an der Reihe und wurde vom Hausarzt geimpft. "Ich habe sie gebeten, meinen Namen dort zu deponieren", erzählt er. Und war erfolgreich damit. "Ich war aber nicht der Einzige. Viele Ehemänner von Lehrerinnen sind an diesem Abend geimpft worden." Schlechtes Gewissen habe der Mann keines. Im Gegenteil: "Ich bin glücklich, dass ich drangekommen bin."

Bei einem 24-jährigen Risikopatienten war es seine Hartnäckigkeit, die letztlich zum Impferfolg geführt hat. Er ging einfach immer wieder zu verschiedenen Bezirksgesundheitsämtern sowie zum Impfzentrum Austria Center, um zu fragen, ob Dosen übrig geblieben seien. Irgendwann klappte es dann. "In dem Moment habe ich mich natürlich darüber gefreut. Aber nachher setzte das schlechte Gewissen sein", sagt der Wiener. Die Ungeduld der Menschen sei unmittelbar zu spüren gewesen. „Es waren Leute dort, die in ein paar Wochen ihren Impftermin gehabt hätten, aber nicht mehr so lange warten wollten.“ Hinzu käme ein komplett überfordertes Personal.

Davon berichtet auch ein Student aus Wien, der weitaus dreister vorging. Er gab bei der Registrierung zur Impfung an, dass er im Gesundheitsbereich arbeite, obwohl dem nicht so ist. "Ich habe mir gedacht, ich versuche es einmal. Am übernächsten Tag habe ich den Termin bekommen." Das Verblüffende dabei: Er kam damit durch. Obwohl bei der Anmeldung angezeigt wurde, er müsse eine Bestätigung des Arbeitgebers mitbringen, wurde er nicht kontrolliert. Hätte es nicht geklappt, wäre er einfach wieder gegangen. Aber: "Es standen dort nur ein paar Typen mit Warnwesten herum, die überhaupt nicht geschult waren", meint der Student.

Der Gesundheitsdienst der Stadt Wien reagiert darauf so: "Das Personal vor Ort ist angehalten, Dokumente zu überprüfen. Eine lückenlose Kontrolle kann jedoch wegen Gegebenheiten vor Ort, wie der teils hohen Frequenz, nicht immer aufrechterhalten werden."

Wie der KURIER erfuhr, soll es auch Ärzte geben, die Verwandte oder Freunde kurzfristig in ihren Praxen anmelden, damit diese als Gesundheitspersonal vorgereiht werden. Zu einem Gespräch war allerdings keiner bereit.

Detail am Rande: Mittlerweile gibt es den Kampf um Impfstoffe nicht nur auf individueller und nationaler Ebene, auch zwischen den Bundesländern beginnt das Gezerre. So fordert die Wiener Patientenanwältin Sigrid Pilz jene Impfdosen zurück, die an in Wien arbeitende Pendler verimpft wurden.

Das große Durcheinander

Fakt ist, dass die Impfreihenfolge in Österreich komplett durcheinandergeraten ist. Zuerst Hochrisikogruppen und Senioren – wie es Gesundheitsminister Rudolf Anschober den Bundesländern vorgegeben hat - war einmal. 40 Prozent der bisherigen Impfungen gingen an Unter-65-Jährige. Beim Impfen der 18- bis 24-Jährigen liegt Österreich laut dem Europäischen Zentrum für Prävention und Kontrolle von Krankheiten sogar auf Platz 2 hinter Malta.

Das liegt freilich nicht nur an den Dränglern. So wurde Astra Zeneca anfangs nur an Unter-65-Jährige verimpft. Und die zahlreichen Zivildiener, die für das Gesundheitssystem unentbehrlich sind, mussten ebenfalls früh an der Reihe sein. Andere Priorisierungen sind weniger nachvollziehbar. In Vorarlberg haben laut NEOS-Gesundheitssprecher Gerald Loacker Steuerberater und Rechtsanwälte bereits eine Einladung zur Impfung erhalten. Und im Burgenland könnten nun Priester und Diakone vorgereiht werden.

"Bei der niedrigen Impfrate, die wir in Österreich haben, schlagen sich all diese Fälle durchaus in der Statistik nieder", sagt Loacker. Um das Vordrängeln einzudämmen, hätte das Gesundheitsministerium eine Daten-Kooperation mit der Sozialversicherung eingehen müssen. "Dann hätte man besser überprüfen können, wer vorwiegend geimpft wird." Um es aber ganz zu verhindern, gibt es nur eine Möglichkeit, wie es der Tiroler Patientenanwalt Birger Rudisch auf den Punkt bringt: ausreichend Impfstoff.

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