Chronik | Österreich
14.05.2017

Christine Nöstlinger: "Ich war kein Mamakind"

Christine Nöstlinger (80) unterstützt die Caritas Wien bei der Spendensuche für ein neues Mutter-Kind-Haus. Dazu brauche sie "keinen eigenen Grund". Ein Gespräch über Muttersein, Kindsein und den Franz.

KURIER: Frau Nöstlinger, Sie gelten als moralische Instanz.

Christine Nöstlinger: Es tut mir leid, ich kann nix dafür. Und ich weiß auch gar nicht, wann das passiert ist. Vor vierzig Jahren hab’ ich als unmoralische Instanz gegolten.

Weil die Kinder in Ihren Büchern auch einmal frech waren oder die Eltern auch einmal gestritten haben?

Wegen dem, wie ich Kinder agieren und reden lasse. Ich hab’ ein kleines, liebes Bücherl geschrieben – Der liebe Herr Teufel. Das hat damit angefangen, dass so ein harmloser Teufel auf die Welt kommt und die Menschen verderben soll und der kann das halt überhaupt nicht. Das ist auf einer katholischen Index-Liste gestanden und durfte keinen Kindern gegeben werden. Denn bei den Katholiken war der Teufel noch immer eine Erziehungsinstanz.

Unser Interview erscheint am Muttertag. War Ihnen dieser Tag jemals wichtig?

Er hat mir leider wichtig sein müssen, weil meine Mutter drauf bestanden hat, den Muttertag zu feiern. Ich hab’ dann immer so grantig gesagt: "Bei mir geht der Muttertag nach hinten los." Ich hab’ ihr es nicht abschlagen können, aber ich finde ihn lächerlich. Alles, was einen Tag hat, ist entweder gefährdet oder im Aussterben.

Und für Sie, als Mutter, ist Ihnen da der Muttertag egal?

Ich hab’ ihn meinen Töchtern verboten. Aber die mussten ihn trotzdem ausüben, weil die Großmutter Ihnen dann Geschenke gekauft hat, die sie mir geben mussten. Das waren immer Haushaltsdinge. Ein neues Bügeleisen, ein Eierkocher. Und in dem Zwiespalt, in dem ich dann war, hab ich gesagt: "Na gut, bringts das halt."

Was ist Ihrer Meinung nach die Aufgabe einer Mutter?

Ihre Kinder so durchs Leben zu begleiten, dass aus ihnen halbwegs vernünftige Menschen werden, die fähig sind – ich will nicht sagen glücklich – aber zufrieden durchs Leben zu gehen. Ich möchte aber sagen, die Aufgabe vom Vater wäre das genauso. Nur wird die seltener wahrgenommen. Aber ein bisschen was verändert sich schon. Es gibt schon eine neue Vätergeneration, die etwas anders ist, als die früheren.

Trotzdem leben viele junge Frauen heute oft wieder sehr traditionell. Sie wollen heiraten, Nest bauen, Kinder kriegen, zu Hause bleiben.

Die stellen sich auch hin und sagen: (wechselt in eine Pieps-Stimme) "Ich bin keine Feministin." So, wie vor 40 Jahren irgendwelche Schnepfen gesagt haben: "Ich bin keine Emanze."

Aber warum ist das so?

Naja, jetzt könnte man sehr simpel sagen: Immer gibt es Menschen, die sich lieber mit den Mächtigen verbinden, als mit den Machtlosen. Und da die Männer noch immer die Mächtigen in unserer Gesellschaft sind, haut man sich halt auf Seite der Männer. Oft ist es auch totale Dummheit.

Es scheint auch schick geworden zu sein, Kinder zu kriegen. Man kauft teure Kinderwägen, teures Gewand. Sind Kinder zu Statussymbolen geworden?

Ich kann das nicht quer durch die gesellschaftlichen Schichten sagen. Es ist ja ein großer Unterschied, wie die Billa-Kassiererin ihre Kinder sieht – die wird sie wahrscheinlich auch zu einem Großteil als Last und als lebenshindernd sehen, auch wenn sie sie liebt und alles für sie tut – und wie irgendso eine im Wohlstand lebende Tussi, die Helikopter-Mama spielt und das Kind mit vier Jahren zum Chinesisch-Kurs und zum Ballett-Tanzen bringt. Und wenn das dann in die erste Klasse geht und eine schlechte Note kriegt, der Überzeugung ist, dass es hochbegabt ist. Zwischen diesen zwei Müttern und ihren Vorstellungen von Mutter-Sein gibt es ja einen riesigen Unterschied.

Inwiefern hatte das Verhältnis von Ihnen zu Ihrer Mutter Auswirkungen auf das Verhältnis von Ihnen zu Ihren Töchtern?

Dass ich alles vermieden hab’, was mich irgendwo bei meiner Mutter geärgert hat, bei meinen Töchtern auszuleben.

Was war das zum Beispiel?

Das ewige Reden von meiner Mutter, die ewigen Vorhaltungen. Ich war kein Mamakind, ich war ein Papakind. Das klingt wahnsinnig hart, aber meine Mutter war wirklich ganz lieb und hat alles für ihre Kinder getan. Aber sie war ziemlich dumm und sie hat sehr viel geredet.

Ihren Vater beschreiben Sie als "ziemlich großen, schönen Mann". Wie war die Beziehung Ihrer Eltern?

Die Ehe glaube ich, war nicht sehr glücklich. Ich kann mich erinnern, dass ich einmal schluchzend an der Brust meines Vaters lag und gesagt habe: "Wir zwei müssen ausziehen." Und er hat nicht, wie ein normaler Mensch das hätte sagen sollen: "Schau, was die alles für dich tut." Na. Er hat mich gestreichelt und gesagt: "Maderl, des geht im Moment net." Ich bin mir vorgekommen wie die verwunschene Prinzessin mit dem verwunschenen Prinzen – das war mein Papa.

Sie haben 1997 das Frauenvolksbegehren unterstützt und tun das auch beim aktuellen.

Ja natürlich tue ich das. Nur wenn ich denk, dass das Volksbegehren 1997 ja nicht so eine geringe Beteiligung hatte und wie wenig Erfolg das hatte. Ich bin nicht so ein Optimist, dass ich glaube, dass das diesmal was nutzt. Aber besser wie gar nix, man muss es schon machen.

Wie stehen Sie zu den Forderungen? Viel Kritik gab es für jene nach einer 30-Stunden-Woche bei 1750 Euro Mindestlohn.

Ich hab’ nix gegen eine 30-Stunden-Woche. Ich glaub’ zwar nicht, dass man sie durchsetzen kann, aber wenn es nach mir ginge, gäbe es überhaupt eine bedingungslose Grundsicherung, bitt’schön. Und jeder kann dazu arbeiten, was er will. Wir können auch noch die 30 Stunden reduzieren.

Ihre Eltern waren Sozialdemokraten und Sie gelten als sozialdemokratisch. Finden Sie, dass die SPÖ noch sozialdemokratische Politik macht?

In der SPÖ gibt es viele Strömungen. Ich kenn’ mich nicht recht aus. Ich war nie Mitglied der SPÖ und ich werde auch nie eines sein. Ich bin halt so, wie man sagt, in der Wolle rot gefärbt. Das war mein Rückhalt als kleines Kind in der Nazi-Zeit in einer antifaschistischen Familie. Da musst du schon an etwas anderes glauben können. Und das war halt der Glaube an die Sozialdemokratie.

Haben Sie noch einen Glauben an die Sozialdemokratie?

Also in letzter Zeit, ich muss wirklich sagen... Jetzt zum Beispiel in Wien. Wo ich immer hör’, ein Streit zwischen den Linken und den Rechten. Ich frag’ alle meine Freunde, die in der SPÖ sind: Wer sind denn die Linken? Ich krieg keine Antwort drauf.

Interessiert es Sie noch, wer neuer Wiener Bürgermeister nach Michael Häupl wird?

Also ich bin schon so bescheiden geworden, dass mir alles Recht ist, wenn es nicht einer von der FPÖ wird.

Sie schreiben noch, aber viel weniger als früher.

Bitt’schön, mit 81 Jahren, was soll man da? Außerdem geht es mir gesundheitlich nicht sehr gut. Wenn ich zwei Stunden vor dem Computer sitz’, dann tut mir alles im Kreuz so weh, das ist auch nicht lustig. Und dann, ich weiß nicht, ich versteh’ von heutigen Kindern nicht mehr allzu viel. Ich hab’ eine Angst, dass ich das nicht richtig hinkrieg’.

Warum?

Ich seh’ zum Beispiel, wenn ich Kinder beobachte, die ich kenn – in meiner Umgebung und aus dem Milieu, aus dem ich Kinder kennenlerne – dass die nicht einmal mehr wirklich spielen können. Die spielen nur Geschichten nach. Es gibt ja heute immer so ein Corporate Design. Zu jeder Puppe zu jeder Figur, die sie haben, gibt es ein Heftl mit einer Geschichte. Und die Geschichten werden gespielt und variiert.

Aber die Kinder erfinden heutzutage selbst keine Geschichten und keine Spiele mehr, meinen Sie?

Ja, zumindest die Kinder, die ich kenne. Und ich kenne kein Kind mehr, wo man früher gesagt hat: Ein Stück Holz, das ist einmal ein Schiff und einmal ein Haus und einmal dieses und jenes. Und da gibt es viele solche Sachen, die ich heute nicht mehr versteh’. Was ich früher sehr gerne geschrieben hab’, so Bücher für 13- und 14-Jährige – das trau’ ich mich nicht mehr.

Wieso? Sie haben doch Enkelkinder, die schon in dem Alter waren.

Die 13- und 14-Jährigen von heute sind zu weit weg von mir. Ich versteh’ einfach nicht, dass jemand fünf Stunden dasitzt und wischt (am Display, Anm.), was da in einem Kopf vorgeht. Ich hab’ nix dagegen, meine Enkel sind gescheite Kinder, aber warum sie fünf Stunden wischen und auf ihr G6 schauen, das versteh’ ich einfach nicht.

Und stattdessen für Jüngere schreiben?

Ja, das kann man schon und ich tu es ja auch. Aber man muss ja auch nicht unbedingt mit 81 Jahren noch arbeiten.

Was macht der Franz heuer am Muttertag?

Welcher Franz? (Franz ist Hauptfigur von Nöstlingers Kinderbuchreihe "Die Geschichten vom Franz", erschienen von 1984 bis 2011, Anm.)

Mögen Sie den Franz nicht mehr?

Ich hab’ nicht solche Beziehungen zu meinen Figuren. Es gibt Autoren, die haben das. Ich gehöre nicht dazu. Ein Kollege von mir hat bei einem Abendessen auf einer dieser Lesereisen immer von "seinem Stefan" geredet. Und ich hab’ dann zu meiner Freundin Mira Lobe (Kinderbuchautorin, "Das kleine Ich bin Ich", Anm.) gesagt: "Heast, ich hab gar nicht gewusst, dass der ein Kind hat." Sagt sie: "Sei nicht blöd, das ist seine Buchfigur."