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Chronik Österreich
07/06/2021

Chalet-Wildwuchs: Bausperre soll Ausverkauf von Lech verhindern

Projekte, die der Existenzgrundlage des Nobelskiorts am Arlberg zuwider laufen, sollen nicht mehr genehmigt werden.

von Christian Willim

Wer hat’s erfunden? Die Schweizer haben’s erfunden: das Chalet. Zumindest wurden dort die derart benannten Sennhütten ab dem 19. Jahrhundert im Zuge der touristischen Entdeckung der Berge durch Bürgertum und Adel zu Unterkünften für Urlauber umgemodelt. Die wollten dann irgendwann ihr eigenes Holzhäuschen.

Nachgebaute Villen im verkitschten Lederhosenstil bis hin zu daran angelehnten Luxusbleiben schießen bis heute im gesamten Alpenraum aus dem Boden. Lech am Arlberg sagt dem Chalet nun den Kampf an. „Wir schieben dem Ausverkauf unserer Heimat einen Riegel vor“, kommentierte Bürgermeister Stefan Jochum einen einstimmigen Beschluss, den die Gemeindeversammlung Montagnacht fasste.

Der sieht eine zweijährige Bausperre für sogenannte Investorenmodelle vor. Dahinter verstecken sich Umgehungskonstrukte, bei denen unter dem Deckmantel einer touristischen Vermietung Reiche in Immobilien investieren. Das wird mit einem Nutzungsrecht für den Geldgeber verknüpft. Der ist letztlich oft der Einzige, der sich dann tatsächlich für wenige Wochen in der Bleibe aufhält.

Außer Kontrolle

„Die Investorenmodelle sind außer Kontrolle geraten. Dort wo früher lebendige Gastronomie- und Hotelbetriebe standen, sehen wir heute vielerorts leere und leblose Chalets mit kalten Betten ohne Gäste und Angestellte“, brachte Jochum das Problem in der Sitzung auf den Punkt.

Das Phänomen ist kein Lecher Spezifikum. Alpine Tourismusorte in ganz Österreich – Kitzbühel im benachbarten Tirol gilt als eines der Paradebeispiele – kämpfen damit. Die betroffenen Gemeinden diskutieren seit Jahrzehnten über das Problem der „kalten Betten“:

Die Gemeinden tragen die Kosten für die Infrastruktur im Ort, die auch die Freizeitwohnsitzler nutzen. Umgekehrt spült der exklusive Gelgenheitsgast kaum etwas in die Kassen – auch nicht in jene der ortsansässigen Betriebe. Dort wo, wie etwa auch in Lech, die Widmung von Freizeitwohnsitzen reglementiert wurde, feiern Investorenmodelle fröhliche Urständ. Den Missbrauch aufzudecken, ist meist aufwendig.

Millionensummen

Das Chalet ist hier nur Symbol der Entwicklung. Die lässt sich auch in Form von Apartmentanlagen erkennen, in denen Wohnungen um Millionenbeträge an die Interessenten gehen.

Die immer irrwitziger werdenden Kaufsummen machen Gründe und Immobilien für Einheimische zunehmend unleistbar. Gleichzeitig lockt das schnelle und große Geld. Der Preis für den Verkauf ist das Verlassen der Heimat.

Drei Kriterien

„Wir sehen, wie Investorenmodelle zunehmend unsere Existenzgrundlagen zerstören – beim Wohnen, beim Wirtschaften und beim Arbeiten“, sagt der im Herbst 2020 zum neuen Bürgermeister von Lech gewählte Jochum.

Der neue Beschluss sieht vor, dass Bauprojekte von den jeweiligen Gemeindegremien darauf geprüft werden sollen, ob diese den Existenzgrundlagen des Orts zuwider laufen – bei Wohnen, Arbeit und Wirtschaften.

„Wenn wir jetzt nicht die Notbremse einlegen, wird unser Dorf nicht mehr lange unser Dorf sein“, sagt Jochum, der überzeugt ist, dass andere Gemeinden dem Beispiel von Lech folgen werden. Die zweijährige Bausperre soll eine Atempause verschaffen, um bei Bebauungsplänen nachzuarbeiten und gegenzusteuern.

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