© Katharina Zach

Chronik Österreich
02/07/2021

Boom auf zwei Beinen: Seit Corona sind mehr Menschen zu Fuß unterwegs

Was braucht es, dass das so bleibt? Autos nehmen jedenfalls zu viel Platz ein.

von Katharina Zach

Ein Kilometer – das ist die Länge, die ein Durchschnittsösterreicher noch gern zu Fuß geht. Das ist in Mödling etwa der Weg vom Bahnhof zum Rathaus oder vom Krankenhaus zum Finanzamt. Ist die Strecke länger, steigen viele lieber ins Auto, in die Öffis oder vielleicht auch aufs Rad. Es sei denn, die Gehwege sind breit, die Route ansprechend und mit vielen Sitzgelegenheiten ausgestattet.

In Zeiten, in denen umweltschonende Fortbewegungsarten an Bedeutung gewinnen, beschäftigen sich immer mehr Gemeinden mit dem Thema Zu-Fuß-Gehen. Durch die Corona-Pandemie hat das Thema einen Schub bekommen.

„Gerade für schützenswerte Gruppen ist es wichtig, gesund zu bleiben“, erklärt der Mödlinger Vizebürgermeister Rainer Praschak (Grüne). Die Stadt hat mit dem Verein „Walk Space“ ein Projekt initiiert, um die Gehwege attraktiver zu gestalten und Schwachstellen zu finden.

Herzstück ist dabei eine Umfrage, bei der Mödlinger und Mödling-Besucher Wünsche und Problemzonen deponieren können (siehe Zusatzbericht). Denn: Ältere Menschen blieben dank des Zu-Fuß-Gehens länger mobil, Schulkinder würden wiederum früher selbstständig. Und außerdem: Gehen ist - neutral.

Zu Fuß im Trend

Die Bezirkshauptstadt hat das Projekt nicht zufällig jetzt gestartet. Gerade während des ersten Lockdowns hat das Zu-Fuß-Gehen landesweit einen regelrechten Boom erlebt. Der Verkehrsexperte Ulrich Leth hat mit Kollegen vom Forschungsbereich Verkehrsplanung und Verkehrstechnik der TU Wien im Mai 2020 eine (nicht repräsentative) Befragung zum veränderten Mobilitätsverhalten während des ersten Lockdowns durchgeführt.

Laut dieser hat sich der Anteil des Fußverkehrs im städtischen Raum von sechs auf 14 Prozent verdoppelt. Eine aktuelle Umfrage läuft gerade.

Auch eine repräsentative Umfrage des Verkehrsclub Österreich (VCÖ) vom Oktober zeigt, dass 43 Prozent der Österreicher im Frühjahr mehr Alltagswege zu Fuß erledigt haben. In Niederösterreich waren es 35 Prozent. Und das, obwohl im Bundesland das Zu-Fuß-Gehen in den vergangenen 15 Jahren aufgrund der Zersiedelung und schlechten Gehverbindungen auf Freilandstraßen abgenommen hat.

blurry people walking on the sidewalk at rush hour

„Das hat zwei Gründe. Zum einen hat sich der Bewegungsradius während Corona durch das Homeoffice verkleinert und zum anderen es war eine der wenigen Möglichkeiten Bewegung zu bekommen“, so VCÖ-Experte Christian Gratzer.

Laut Leth hätte zudem die Entfernungen, die zu Fuß zurückgelegt werden, zugenommen. Allerdings nur während des ersten Lockdowns. Nach April hätte sich das wieder auf das Niveau von vor der Krise eingependelt. Dass die Menschen zuletzt wieder weniger zu Fuß unterwegs waren, zeigen auch Daten der Apple-Mobilitätstrends etwa für NÖ.

Zeitfenster

Ob es also einen nachhaltigen Trend zur Mobilität auf zwei Beinen gibt, ist unklar. „Es kann schon ein Katalysator sein, weil die Menschen erstmals wahrgenommen haben, wie der öffentliche Raum verteilt ist“, meint Leth. Und das ist sehr ungleich.

Zwei Drittel stehen dem Autoverkehr zur Verfügung, nur ein Drittel den Fußgängern. Dabei würden zumindest in Wien 27 Prozent der Bevölkerung das Auto nutzen und 28 Prozent zu Fuß gehen. In NÖ lag der Fußwegeanteil vor Corona bei 15 Prozent, das Auto nutzen 63 Prozent.

Kerb on cobbled street

Tatsächlich wurden bereits lange bekannte Problemzonen für Fußgänger in der Krise plötzlich ernst genommen. Etwa die Gehsteigbreite, die optimalerweise zwei Meter betragen sollte, das aber nur selten tut. In Wien etwa sind 38 Prozent aller Gehsteige schmäler zwei Meter. „Der öffentliche Raum hat in der Diskussion einen anderen Stellenwert bekommen“, sagt Verkehrsexperte Leth.

Der pefekte Zeitpunkt für Maßnahmen

Laut den Experten sei daher jetzt der perfekte Zeitpunkt, um Maßnahmen zu setzen – auch unpopuläre. Etwa Parkplätze umzunutzen. „Es ist ein kurzes Zeitfenster da, um langfristig Verbesserungen anzustoßen“, betont Leth.

Die Bereitschaft zu Fuß zu gehen ist in der Bevölkerung jedenfalls groß. Fast 50 Prozent der Österreicher rechnen laut der VCÖ-Umfrage damit, dass auch nach 2021 mehr gegangen wird.

Es liege nun an Gemeinden – wie Mödling – und Ländern in der Stadtplanung Verbesserungen wie breitere Gehsteige, mehr Fußgängerübergänge zu planen, meint VCÖ-Experte Gratzer – auch in Hinblick auf eine älter werdende Bevölkerung.

Allerdings: Ändere sich nun nichts, werden die Menschen auch wieder die schmalen Gehsteige akzeptieren – und eher ins Auto steigen.

Herausforderung Peripherie

Wo sind die Gehsteige zu schmal oder stehen Hindernisse im Weg?

Bis 30. April ist die Bevölkerung im Rahmen des Projekts „Mödling gut zu Fuß“ aufgerufen, im Rahmen einer Umfrage ihre Erfahrungen zu teilen. Dann folgen Stadtspaziergänge mit Senioren und Schulkindern, wo auf die  Bedürfnisse der jeweiligen Gruppen geachtet wird. „Da geht es etwa auch darum, wie die Ampeln geschaltet sind“, erklärt dazu der Grüne Vizebürgermeister Rainer Praschak.

Erste Rückmeldungen gibt es schon. So ist etwa der Wunsch nach mehr Sitzgelegenheiten ein großer. Im Bereich der Tankstelle Wienerstraße sind wiederum die Gehsteige zu schmal. Besonderes Augenmerk soll auch dem Bahnhofsgrätzel gewidmet werden, sagt Dieter Schwab, Obmann vom Verein und Projektpartner „Walk Space“. Da gebe es Verbesserungspotenzial.

Dabei, meint Schwab, ist Mödling im Zentrum sogar ein „Fußgängerparadies“. Tatsächlich legen laut letzter Erhebung 2014 beachtliche 27 Prozent der Mödlinger ihre Wege zu Fuß zurück. „Doch je mehr man in die Peripherie kommt, desto weniger spielt der Fußgänger eine Rolle“, so Schwab.

Auch der Wunsch nach Begegnungszonen wurde geäußert. Etwa auf der Hauptstraße. Das ist aber laut Praschak kein Thema, ist sie doch Landesstraße und  Hauptverkehrsroute.
Dass es trotzdem geht, zeigt die Vorarlberger Gemeinde Wolfurt, wo eine Haupteinfallsstraße zur Begegnungszone wurde. Nun gilt dort Tempo 30, die Menschen queren die Fahrbahn wo sie wollen.

Früher, heißt es, habe es zwei Zebrastreifen und trotzdem Unfälle gegeben. Seit Einführung der Begegnungszone sei man unfallfrei.

Ziel in Mödling ist jedenfalls, erste Verbesserungen noch heuer durchzuführen.

Umfrage unter der Rubrik „Fussgängercheck“ auf www.walk-space.at

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