sunset over rural road near green field

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Auferstehung
03/31/2013

Das glauben wir

Hohe Feste, tiefer Glaube: Was die Religionen verbindet, was sie trennt.

von Axel Halbhuber

Das Verbindende zwischen den Religionen ist eine Verkühlung. Diesen Eindruck hat man, wenn man ihre Vertreter in dieser kalten Karwoche zum Gespräch traf, um grundsätzliche Fragen zu stellen: Wie empfindet man in ihrem Glauben Erlösung? Woraus schöpfen Gläubige Hoffnung? Existiert bei ihnen ein ähnliches Fest wie Ostern?

Ihre Antworten sind sehr vielfältig. Der Dialog mit Religionen ist zugleich breit und tiefgründig.

Die meisten religiösen Feste richten sich wie Ostern nach dem Mondkalender. Fuat Sanaç von der Islamischen Glaubensgemeinschaft: „Im Islam sind es alle Feste. Dadurch durchlaufen sie im Laufe der Zeit den ganzen Jahreszyklus, wodurch wir Natur und die Jahreszeiten stärker spüren.“

Das jüdische Pessachfest findet immer zur ungefähr gleichen Zeit wie Ostern statt. Oberrabbiner Paul Eisenberg betont gerne die Bedeutung der Toleranz gegenüber Unterschieden, aber: „Der Grundsatz eines liebenden Gottes verbindet uns. Aber wir waren zuerst“, sagt er mit einem Lächeln.

Die Verbindung der drei monotheistischen Religionen wird in ihren Schriften deutlich. Jesus war Jude, im Islam wird er als einer der großen Propheten verehrt: „Das ist ein Glaubensgrundsatz. Wenn wir nicht an Jesus glauben, sind wir keine Moslems“, sagt Sanaç.

Umgang mit Leid

Der Buddhismus unterscheidet sich laut Peter Riedl grundsätzlich: „Es gibt kein externes höheres Wesen, niemand erlöst mich.“ Dennoch finden sich sowohl in der christlichen Leidensgeschichte als auch in der buddhistischen Suche nach Leidüberwindung Antworten.

Denen auch durch das Fasten auf den Grund gegangen werden soll. Fasten ist in der orthodoxen Tradition strenger als bei Christen, sagt Bischofsvikar Nicolae Dura: „Wir haben mindestens 220 Fasttage im Jahr, das bedeutet vegane Ernährung.

Am Ostermontag geht es in der katholischen Liturgie um die Emmausjünger, die zu Fuß auf dem Weg waren und dabei den auferstandenen Jesus erkannten. Dompfarrer Toni Faber: „In diesem Sinn nütze auch ich den Montag immer für einen Spaziergang. Das ist sehr befreiend und wie ein neuer Anfang.“

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"Selbst, wo das Leben im Tod vernichtet wird, ist Hoffnung.“

Im christlichen Ostern geht es für Faber, auf dessen Visitenkarte „Toni“ steht, um Tod und Leben. „Und was ich darüberhinaus hoffen darf. Wir hatten vor 2000 Jahren eine Persönlichkeit, wahrer Mensch und wahrer Gott, der gezeigt hat, dass alles Leiden nicht zur Sinnlosigkeit führt. Weil selbst dort, wo das Leben im Tod vernichtet wird, Hoffnung ist.“ Die Grabesruhe am Karsamstag drücke das Ende aus. „Diese Erschütterung spürt man auch, wenn man einen Toten sieht. Und in der Auferstehung kommt dann ein Licht, die Osterkerze.“ Und alles lebt wieder.

Die Vorstellung, dass man – frei nach Falco – „sterben muss, um zu leben“ hat für Faber nichts mit der Leidensmystik zu tun. „Die Wahrnehmung, dass mein Leben begrenzt ist, kann viel Kraft geben: Nutze den Tag! Schon in der Taufe ist der Christ erlöst: ein geliebtes Kind Gottes, frei und angenommen. Aber wir haben einen Weg zu gehen, eine Aufgabe.“

Auch Eier sind Ostern

Wichtig sei, dass es für jeden Erlösung gibt, der sich schlussendlich bedingungslos für Gott entscheidet. „Sogar bei der Kreuzigung sagt Jesus zum Verbrecher Dimas neben ihm, der an ihn glaubt: Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein.“

Die heidnischen Bräuche zu Ostern stören ihn nicht. „Nur mehr die Hardliner wissen, dass Ostern die größere Bedeutung als Weihnachten hat. Wir müssen diese Feste nicht puristisch abschälen. Das Katholische hat immer Kulturen und Lebensumstände mit hineingenommen, bis zu den Ostereiern.“ Die Feste anderer Religionen seien teils „sehr berührend, zum Beispiel manche Elemente der Sederfeier (Juden). Oder wie buddhistische Mönche in voller gesellschaftlicher Akzeptanz ein, zwei Jahre einkehren. Bei uns gilt man ja mittlerweile als Perversling, wenn man ins Kloster geht oder Priester werden will.“

Unsere Welt ist unerlöst. Dafür müssen wir uns bemühen.

Verständnis zwischen Religionen ist für Oberrabbiner Eisenberg nicht nur, sich auf Gemeinsamkeiten zu konzentrieren, sondern „trotz der Unterschiede friedlich miteinander zu leben. Brücken kann man nur bauen, wenn jeder auf seinem Ufer starke Pfeiler hat.“ Jüdisches Pessach und christliches Ostern verdeutlichen den Unterschied: „Für uns war Jesus ein Jude mit großem Charisma. Aber nicht Erlöser. Dass man nur durch den Sohn zum Vater gelangt, ist für uns kein gangbarer Weg. Unsere Leute gelangen sogar ohne Oberrabbiner zum lieben Gott.“

Elementarer jüdischer Gedanke sei Nächstenliebe: „Die gab es schon im Alten Testament: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Jesus zitiert das im (christlichen) Neuen Testament aus seinem jüdischen Selbstverständnis.“

Erlöser zwingen

„Dass es nach der Shoah (Holocaust) noch immer ein jüdisches Volk gibt, ist für uns Auferstehung.“ Es gehe für Juden oft um Volkswerdung. „Das Judentum ist eine Kombination aus Volk und Religion.“ Und warte eben auf die Erlösung: „Unsere Welt ist unerlöst. Dafür müssen wir uns bemühen. Man kann den Erlöser schon zwingen zu kommen, wenn wir so brav sind, dass er überwältigt ist von unserer Güte. Noch gibt es zu viel Hunger und Krieg.“

Es gehe bei Pessach darum, die Geschichte der Befreiung der Juden aus ägyptischer Knechtschaft nicht nur zu erzählen, sondern in Erinnerung zu rufen. „Am Sederabend (Pessach-Auftakt) müssen wir uns so fühlen, als ob wir selbst in Ägypten sind – essen Bitterkraut wegen der bitteren Zeiten, trinken Salzwasser wegen der Tränen.“

Die Feste Rosch ha-Schana (Neujahrsfest) und Jom Kippur (Versöhnungstag) dürfe man nicht hinter Pessach stellen. „Niemand macht alles richtig, daher müssen wir zu Jom Kippur ehrlich aufeinander zugehen.“

Allah hätte seinen Propheten Jesus nicht töten lassen.

„Es gibt im Islam das Fest der Himmelfahrt Muhammads, aber es ist nicht vergleichbar mit Ostern“, erklärt Fuat Sanaç. „Das Christentum basiert auf Auferstehung. Der Islam basiert nicht auf der Himmelfahrt des Propheten. Unser größtes Fest ist das Opferfest (zum Höhepunkt des Hadsch, in Erinnerung an den Propheten Ibrahim, der bereit war, seinen Sohn Ismael für Allah zu opfern).“ Ähnliche Bedeutung hat der Fastenmonat Ramadan. Alle Feste sind nach dem Mondkalender gerichtet, durchlaufen daher den Jahresrhythmus. „So spüren wir, wie Fasten im Sommer oder bei Kälte ist, an langen oder kurzen Tagen. Ramadan feiern wir intensiv, weil Muslime auf der ganzen Welt mitfasten.“ Muhammad hatte 30 Tage gefastet, Jesus 40. „Alle Propheten in allen Religionen haben einmal gefastet. Das Fasten findet zwischen Sonnenauf- und -untergang statt und bezieht sich auf Nahrung, Geschlechtsverkehr und alles, das von außen in den Körper kommt.“

Jesus war Prophet

Das Ziel im Islam sei, den Wohlgefallen Gottes zu erreichen. „Alle Ge- und Verbote haben mit anderen Menschen zu tun: Dass wir die Geschöpfe Gottes lieben, dadurch gesund, glücklich und zufrieden sind.“

Der Unterschied zwischen Islam und Christentum ist laut Sanaç „die Auferstehung des Sohn Gottes. Im Koran steht, Gott hat keine Kinder, nur Sterbliche haben einen Sohn. Jesus war ein großer Prophet, ein Gesandter Gottes, aber weder sein Sohn noch der Gekreuzigte. Allah hätte seinen Propheten nicht töten lassen.“ Der Glaube an Jesus ist für jeden Moslem ein Glaubensgrundsatz.

Die Erlösung liege für einen Moslem in den guten Taten, in der Menschlichkeit. Bräuche kennt der Islam „durch die Einflüsse in jedem Land. In der Türkei, meiner Heimat, zum Beispiel sind Ostereier stark verbreitet.“

Niemand erlöst mich, ich erlöse mich selbst.

„Manche würden Buddhismus viel heiliger erklären“, sagt Riedl – seit 30 Jahren Buddhist, von 1989 bis 2006 in offiziellen Funktionen der Buddhistischen Gemeinde und Herausgeber von Ursache & Wirkung (www.ursache.at). „Im Sinn von Glauben an ein höheres Wesen ist Buddhismus keine Religion. Im Sinne vom Transzendenten kann Buddhismus als Religion aufgefasst werden. Sonst ist es eine Lebenseinstellung.“ Es gehe um Leidüberwindung: „Buddha lehrte zwei Dinge – die Ursache und die Lösung des Leidens.“

Dass Ostern mit den Leidensthemen Tod, Auferstehung und Erlösung damit quasi das buddhistische Fest im Christentum ist, sieht Riedl nicht: „Erlöst Jesus die Christen nicht, weil er Schuld abnimmt? Die Botschaft im Buddhismus ist: Niemand erlöst mich, ich erlöse mich selbst. Buddha war weder Gott noch Prophet. Sondern ein Mensch, der das Leid überwunden hat. Diesen Weg kann jeder wiederholen.“

Erlöschen statt Erlösen

Der Begriff Leerheit sei wichtig: „Denken und fühlen zu können, was ich will.“ Ein Ziel, das Riedl auch nach 30 Jahren lange nicht erreicht hat. „Buddha sagte: ,Wenn du mit dem Floß am anderen Ufer angekommen bist, geh zu Fuß weiter. Geh, soweit deine Erkenntnis reicht!‘“

Das wichtigste buddhistische Fest ist Vesakh (Geburt, Erleuchtung und vollkommenes Erlöschen Buddhas). „Das ist wie ein Geburtstagsfest für einen geliebten Lehrer.“ Besonders im tibetischen Buddhismus gebe es viele Rituale. „Aber auch andere Schulen kennen Verheiratung und Begräbnisfeier. Ein erlösendes Oster-Pendant gibt es aber nicht.“

Christus war nicht Gründer der Christenheit, sondern großer Bruder.

Ostern ist auch für Orthodoxe „das Zentrum und das Fest der Feste, der Kern der Christenheit“, erklärt der rumänisch-orthodoxe Bischofsvikar und Vorsitzende des Ökumenischen Rates, in dem alle christlichen Kirchen vereint sind. „Die Auferstehung Christi bedeutet Befreiung aus der Sündensklaverei und Hoffnung, wenn in der Osternacht das Feuer vom Altar genommen wird. Damit wird die Osterprozession gegangen, links herum, also nicht, wie die Zeit geht, sondern über die Zeit, als Symbol für die Ewigkeit. Die Auferstehung wird dann vor der Kirche verkündet, für die ganze Menschheit und die Natur.“

Die orthodoxe Kirche ist mit knapp 500.000 Mitgliedern die zweitgrößte Religionsgemeinschaft in Österreich und besteht aus 16 autonomen Lokalkirchen. „Sie ist ethnisch organisiert, nicht zentralistisch wie die katholische. Aber Lehre, Kirchenrecht und Gottesdienste sind bei allen Orthodoxen gleich.“ Aber für Dura sind alle christlichen Kirchen Schwesterkirchen. „Wir feiern nach Christus und dem Evangelium.“

Wahrhaft auferstanden

Auch die Tage der Karwoche sind gleich, „aber wir haben sehr lange Gottesdienste, weil wir nie eine Liturgiereform hatten, sondern so feiern wie vor 1600 Jahren.“ Orthodoxe betonen die Auferstehung auch stärker: „Wir begrüßen uns ab Ostern 40 Tage lang mit ‚Christus ist auferstanden‘ und antworten ‚Er ist wahrhaft auferstanden‘. Christus war nicht Gründer der Christenheit, sondern großer Bruder.“ Das gipfelt im Pfingstfest: „Er blieb nicht mehr mit den Aposteln, sondern in ihnen.“

Ostereier sind in der orthodoxen Tradition Symbol für das Leben. „Maria von Magdala sprach in Rom über die Auferstehung. Der Kaiser zweifelte: ‚Jesus war Mensch, so wie diese Eier hier weiß sind und nicht rot.‘ Plötzlich färbten sie sich rot.“