Akte BVT: Die mysteriöse Entführung des Alexander H.

Ali al-Sallabi, Chef der Muslimbrüder © Bild: Privat/kurier, montag

Akte BVT: Wie ein Österreicher in Libyen gekidnappt wurde und mithilfe eines deutschen Ex-Ministers freikam.

Am 3. April 2018 hatte der in der Ära Helmut Kohl berühmt gewordene deutsche Kanzleramtsminister Bernd Schmidbauer einen Termin bei Außenministerin Karin Kneissl in Wien. Da die Ministerin kurzfristig keine Zeit hatte, überbrachte stattdessen der künftige Generalsekretär dem Deutschen den – verspäteten – Dank der österreichischen Regierung. Samt einer Entschuldigung, wie Schmidbauer sagt.

Der Strippenzieher hat dem entführten Österreicher Alexander H., der von März 2015 bis Jänner 2016 in Libyen illegal weggesperrt war, mit seinen guten Kontakten das Leben gerettet und befreit. Die tatsächlichen Hintergründe dieses spektakulären Entführungsfalls – der sich vor allem um mögliche Spionage dreht – blieben bis heute im Dunkeln. Das Außenministerium freute sich nach der unspektakulären Freilassung, dass „diplomatischer Druck“ aus Österreich erfolgreich war und Alexander H., der angeblich wegen unbekannter Verdächtigungen in Gefangenschaft war, freigelassen wurde.

Der langjährige Kanzleramtsminister Bern
Der langjährige Kanzleramtsminister Bernd Schmidbauer (CDU) unter Helmut Kohl rettete Geiseln in Libyen das Leben © Bild: CDU

Der BVT-Hauptzeuge W.

Durch KURIER-Recherchen kam kürzlich neue Bewegung in den Fall. Aufgrund einer KURIER-Anfrage in der Causa BVT in Deutschland meldete sich Schmidbauer bei der Wiener Korruptionsstaatsanwaltschaft, um in diesem Ermittlungsverfahren auszusagen. Schmidbauer verbindet mit W., dem früheren BVT-Abteilungsleiter und heutigen Hauptbelastungszeugen in der Verfassungsschutzaffäre, ein gutes Vertrauensverhältnis. Denn W. spielt auch im Entführungsfall H. eine wichtige Rolle. „Aus meiner Sicht wird W. im BVT sehr übel mitgespielt“, gibt Schmidbauer bei der Staatsanwaltschaft zu Protokoll. „Dass er dadurch krank wurde, ist für mich nicht verwunderlich.“

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BVT-Abteilungsleiter W. (re) bedankte sich beim libyschen Geheimdienst-Verbindungsoffizier mit einem Essen im Wiener Nobelitalie… © Bild: Kurier Privat Montage

Der Spionagekrimi beginnt eigentlich am 7. März 2015 mit der Entführung des Linzers Dalibor S. auf dem Ölfeld Al-Ghani durch die extremistische Gruppe „Wilayat Tarabulus“. Der Ex-UNO-Soldat wird mit acht Männern einer Ölfirma verschleppt.

Am 27. März, um zwei Uhr in der Früh, werden auch Alexander H., Mitarbeiter der zypriotischen Firma Argus Security, und sein Fahrer Moutaz auf dem Weg vom Nobelort Palm City zum Mitiga Airport von Tripolis in einer militärähnlichen Operation von der Gruppierung „El Majb“ überwältigt. Diese steht dem libyschen Innenministerium nahe. Rund zehn Monate wird H. mit einem Serben und zwei Jordaniern (ebenfalls Argus-Mitarbeiter) nahe des Flughafens in Gefangenschaft gehalten. Wie sich später herausstellen soll: wegen Spionageverdachts.

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Ex-Minister Schmidbauer (links) bei Verhandlungen mit libyschen Geheimdienstoffizieren rund um Weihnachten 2015 in Istanbul © Bild: Privat/kurier, montag

Ein weiterer Österreicher mit angeblicher Nachrichtendienstanbindung kann sich hingegen in die österreichische Botschaft flüchten. Er wird später heimlich vom ungarischen Botschafter in einem Diplomatenfahrzeug nach Tunesien gebracht.

Eine „Erpressung“?

Während ganz Österreich von Dalibor S. spricht, laufen im Hintergrund heftige Verhandlungen. Vor allem der ungarische Botschafter, der in Libyen die komplette EU repräsentiert, spielt die Hauptrolle, wie ein interner Argus-Bericht zeigt, der dem KURIER vorliegt. Die Libyer fordern vom Botschafter ein hochrangiges Treffen. Die Ungarn vermuten dahinter laut dem Argus-Bericht eine Erpressung der EU, um den Besuch einer offiziellen EU-Delegation zu erwirken.

Auch Geld wird verlangt, um Alexander H. freizulassen. Ihm wird fälschlicherweise vorgeworfen, libysche Stellungen verraten zu haben, die vom ägyptischen Militär bombardiert wurden. Ein USB-Stick mit belastendem Material sei bei ihm gefunden worden, heißt es.

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© Bild: Grafik

Im Mai wird die UNO um Hilfe gebeten. „Es schaut aber aus, also ob die UN nicht in den Fall involviert werden möchte“, wird im Bericht der Argus notiert. Am 22. Mai kann der ungarische Botschafter direkt im libyschen Außenministerium erstmals mit den vier Gefangenen sprechen.

„Sie sind physisch okay, aber sie haben den Eindruck, dass sich niemand um sie kümmert“, heißt es im Bericht. Fünf Tage später darf Alexander H. erstmals seine Familie anrufen. Doch die ganze Sache wird zunehmend verfahrener. Ende Juli versucht ein österreichischer Diplomat im tunesischen Djerba offenbar eine „mögliche finanzielle Lösung“ auszuloten.

Treffen in Wien

Am 30. September 2017 hält Ex-Kanzleramtsminister Schmidbauer in Wien im Haus der Wirtschaft einen Vortrag zum Thema Wirtschaftsspionage. Der langjähriger Koordinator der deutschen Geheimdienste spricht auf Einladung von BVT-Mann W. über Cyberangriffe. Bei der Gelegenheit ersucht Sicherheitsdirektor Konrad Kogler den Ex-Staatsminister um seine Hilfe bei den Entführungen, darunter Dalibor S.Es ging um mehrere Personen, aber es war schnell klar, dass es primär um Alexander H. geht“, sagt Schmidbauer zum KURIER. Kohls früherer Mann für heikle Fälle hat gute Kontakte in Libyen. Er trifft daraufhin Ali al-Sallabi, den Chef der Muslimbrüder sowie den Chef des libyschen Nachrichtendienstes in Istanbul, und einen Verbindungsmann des Milizführers aus Misrata.

„Letztendlich waren die Muslimbrüder verantwortlich für die Freilassungen“, meint Schmidbauer. „Das Heeresnachrichtenamt hat nichts zur Freilassung beigetragen, aber so getan als ob das der Fall war. Das einzige Amt, das kooperiert hat, war das BVT.“ Lösegeld sei keines bezahlt worden, sagt der Minister außer Dienst, weil das seine Grundbedingung für die Verhandlungen gewesen sei. Dass ihm aber das Außenamt nicht gesagt hat, dass die Libyer die Österreicher der Spionage verdächtigen, wurmt den früheren CDU-Politiker noch heute. „Hätte man das gewusst, hätte man die Verhandlungen ganz anders geführt“, heißt es aus Schmidbauers Umfeld.

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© Bild: Faksi

Alexander H. und der Serbe Srdjan B. werden Mitte Jänner 2016 freigelassen. Bevor H. aus Libyen ausgeflogen wird, wird Schmidbauer von den Miliz-Leuten aus Misrata und von H. telefonisch kontaktiert. „Sie wollten wissen, ob der Abtransport in Ordnung geht“, sagt Schmidbauer. Denn diesen übernahmen nun die Österreicher.

Einen Tag später bedankt sich BVT-Mann W. beim libyschen Geheimdienstkontaktmann – mit einem Essen beim Italiener in der Wiener Annagasse. Eineinhalb Jahre später trifft die Nachricht ein, dass Dalibor S. vermutlich schon 2015 getötet wurde. Ein Kontakt zu den Entführern konnte nie hergestellt werden.

( kurier.at ) Erstellt am 18.05.2018