Michelle Ziegelmeyer hat sich selbst ein Messgerät gekauft, um die Strahlung in ihrer Wohnung zu kontrollieren

© Kurier/Gilbert Novy

Chronik Österreich
12/01/2019

5G-Ausbau: Die Angst vor den Strahlen geht um

2020 geht das Mobilfunknetz 5G an den Start. Es läutet ein neues Zeitalter der Digitalisierung ein. In der Bevölkerung hingegen wächst die Angst vor Gesundheitsrisiken.

von Valerie Krb, Bernhard Gaul

Familie Ziegelmeyer ist besorgt. So sehr, dass sie ihre 17-jährige Tochter vorübergehend bei einer Freundin untergebracht hat. Und ihr 20-jähriger Sohn sicherheitshalber auf einer Matratze im hofseitigen Elternschlafzimmer schläft. Der Grund ihrer Angst heißt 5G.  Doch ist sie berechtig?

Vor gut zwei Monaten wurde gegenüber der Wohnung der Ziegelmeyers in Wien-Leopoldstadt ein Handymast montiert. „Wir waren verunsichert und haben einen Techniker kommen lassen, der die elektromagnetische Strahlung gemessen hat“, erzählt Mutter Michelle. Zu diesem Zeitpunkt beruhigte sie das Ergebnis noch. Denn der Wert lag bei maximal 50 Mikrowatt/ (0,00005 Watt). In dieser Größenordnung emittieren auch Haushaltsgeräte.

Zur Sicherheit aber besorgten sie sich selbst ein Messgerät, um den Wert immer wieder zu kontrollieren. Eines Tages stellten sie im Kinderzimmer einen Wert von bis zu 4.000 fest, bei geöffnetem Fenster sogar bis zu 12.000.

„Es hat uns den Boden unter den Füßen weggezogen“, sagt Vater Andreas. Fortan informierten sie sich über die Auswirkungen von elektromagnetischer Strahlung. Als sie auf den Bericht der Internationalen Agentur für Krebsforschung stießen, wonach diese Art der Strahlung „möglicherweise krebserregend“ ist, seien sie schockiert gewesen. Sie starteten daraufhin eine Petition, den Mast woanders hin zu verlegen. Insgesamt 60 Nachbarn unterzeichneten. Ausrichten konnten sie aber bisher nichts.

Anfang 2020 wird es in Österreich mit 5G ernst. Nach Tests im heurigen Jahr sollen mit 1. Jänner die ersten 5G-Netze für Kunden geöffnet werden. Diese versprechen den Austausch großer Datenmengen in Echtzeit. Der Nachfolger von 4G soll ein neues Zeitalter der Digitalisierung einläuten und etwa die Vernetzung selbstfahrender Autos ermöglichen.

Gleichzeitig aber werden in der Bevölkerung alte Strahlenängste wach. Im Internet kursieren zuhauf Warnungen. Da gibt es (inzwischen widerlegete) Berichte über tote Vögel und Spekulationen, wie sehr sich das Gehirn erwärmt. Zudem wurde in Brüssel ein 5G-Pilotprojekt gestoppt, in Genf der Aufbau von 5G-Antennen vorerst verboten. Beide haben aber extreme strenge Strahlenschutzverordnungen.

Elektromagnetische Wellen, und darum geht es im Kern, haben jedenfalls den Effekt, Gewebe, auf das die Strahlung trifft, zu erwärmen, wenn auch minimal. Das, erklärt Hutter, bestreitet niemand. Es gibt aber auch Hinweise, dass elektromagnetische Felder daneben Effekte haben: auf das zentrale Nervensystem, den Schlaf, das Gedächtnis, die Hirnströme, die Fertilität. Und nicht völlig ausgeschlossen werden können auch Einflüsse auf die Entwicklung von Tumoren.

Klar sei aber auch: Alles habe einen Einfluss aufeinander. Selbst Kaffee hat positive und negative Effekte, es komme, wie schon Paracelsus vor vier Jahrhunderten sagte, auf die Dosis an. „Das heißt nicht, dass wir kein 5G haben dürfen“, sagt Hutter. „Meine Schlussfolgerung ist: Es gibt viel zu wenig Forschung. Und wir wissen, dass die 5G-Antennen massenhaft verbreitet werden. Und es wird zu einer kleinen Gruppe an Personen führen, die ein Problem haben. Deswegen sollten wir, sollte die Politik und die Industrie, sorgsam damit umgehen, und viel besser informieren.“

 

Hoher Grenzwert

Die Mobilfunkindustrie versichert hingegen, dass die Strahlung unbedenklich sei und die Frequenzbereiche schon seit Jahren genutzt würden. „Die Ergebnisse aktueller wissenschaftlicher Forschung zeigen, dass es keine offensichtliche, gesundheitsschädliche Wirkung gibt, wenn die Exposition unter den Werten bleibt“, heißt von A1 zum KURIER.

Mit „Werten“ meint der Kommunikationsanbieter den Grenzwert für elektromagnetische Strahlung, der von der WHO festgesetzt wurde. Dieser ist jedoch hoch angesetzt – jedenfalls im Vergleich zur Schweizer und Brüsseler Regelung – mit 10 Millionen Mikrowatt pro Quadratmeter.

Wenig Information

Familie Ziegelmeyer machen aber nicht nur die möglichen Gesundheitsrisiken zu schaffen. Auch die fehlende Information prangern sie an. Mehrmals hätten sie bei A1, die den Mast vor ihrer Wohnung installiert haben, angerufen, jedoch keine Auskunft bekommen. A1 widerspricht: Man habe alle Anfragen zu diesem Standort vollinhaltlich beantwortet – merkt aber gleichzeitig an, dass „eine Information aller Anrainer nicht vorgesehen“ sei. Jener konkrete Handymast sei bereits mit 5G-Sendern gerüstet, Anfang 2020 gehe er in Vollbetrieb.

Wieso die Emissionswerte bei den Ziegelmeyers derart in die Höhe gegangen sind, könne man nicht beantworten, da kein „Messprotokoll“ vorliege. Bei der Verlegung von Standorten könne es aber zu einer „Verschiebung der Feldverteilung“ kommen.

Michelle und Andreas Ziegelmeyer haben jedenfalls schon überlegt umzuziehen, „aber wir sind seit 30 Jahren hier und haben gerade erst investiert“. Doch: „Wenn dann 5G kommt, sind wir dem die ganze Zeit ausgeliefert, und zumindest das Zuhause sollte doch ein Rückzugsort sein.“

Was uns 5G in den nächsten zehn Jahren bringen wird

 Am Ende der 2010er-Jahre ist es nicht nur Zeit für große Rückblicke, sondern auch für gewagte Prognosen. In den Augen der Telekom-Industrie wird der neue Mobilfunkstandard 5G unser Leben in den kommenden Jahren komfortabler und effizienter machen. Wir geben Maschinen ein Stück weit die Kontrolle über unser Leben, die Sicherheit unserer Daten und Netz-Infrastruktur wird damit immer größer.

Worum es eigentlich geht:

1. Unterhaltung

Durch die hohe Bandbreite und die geringe Latenzzeit (Verzögerung zwischen Sender und Empfänger) wird die Datenübertragung zwischen Smartphones, Computern und Spielkonsolen schneller und flüssiger als bisher. Das bringt u. a. ruckelfreie Videotelefonate, während man unterwegs ist (auch mit mehreren Teilnehmern – also Videokonferenzen), Computerspiele, die nicht heruntergeladen werden müssen, sondern über das Internet gestreamt werden oder lebensechte  virtuelle Welten, die mit Virtual-Reality-Brillen erforscht werden können.

2. Verkehr

Der Personen- und Güterverkehr soll in Zukunft stark vernetzt sein. Autos tauschen sich mit anderen Autos und der Verkehrsinfrastruktur (Fachbegriff dafür: V2X – vehicle to everything) über mögliche Gefahren aus. Menschen planen ihre Routen mit Apps und nutzen Dienste wie Carsharing, E-Scooter, Öffis und Fahrräder oft in Kombination.

Die Koordination all dieser ständig im Einsatz stehenden Verkehrsmittel erfolgt drahtlos. Nicht in allen Bereichen (etwa bei V2X) ist klar, ob wirklich 5G die Plattform dafür bieten wird – große Alternative ist eine spezielle WLAN-Technologie.

3. Robotik

Die Vorstellung, dass spezialisierte Chirurgen mithilfe von Robotern komplizierte Operationen an Patienten in entlegenen Regionen vornehmen, begeistert Mediziner seit Langem. Durch 5G könnte es soweit sein, dass Handgriffe an Fernbedienungen so gut wie verzögerungsfrei auch in der Ferne ausgeführt werden.

Abgesehen von der Telemedizin setzt auch die Industrie große Hoffnungen darauf, mit 5G mobile Roboter in Fabriken einzusetzen. Die Eigenschaft von 5G, Teile des Mobilfunknetzes für sicherheitskritische Aufgaben zu reservieren, begünstigt dieses Konzept.

Mit 5G könnten außerdem automatisierte Maschinen in der Landwirtschaft gesteuert werden.

4. Logistik

Mit der fortschreitenden Automatisierung ist es im Transportwesen wichtig, zu jeder Zeit zu wissen, wo und in welchem Zustand sich Güter befinden. 5G ist genau auf die Vernetzung kleinster Gegenstände (Internet of Things) ausgelegt und damit für solche Aufgaben gut gerüstet. Per Mobilfunk könnten künftig auch selbstständig navigierende Lieferdrohnen kontrolliert werden – in fernerer Zukunft möglicherweise auch Flugtaxis mit menschlichen Passagieren.

5. Verkauf

Durch 5G sollen Kaufwütige beim Shopping  mit maßgeschneiderten Angeboten versorgt werden. Das Ganze könnt  so ablaufen: Jemand verwendet ein Routenplaner-App auf dem Smartphone, die den Nutzer darauf hinweist, wenn es in einem Geschäft, an dem man gerade vorbeiwandert, einen hübschen Pullover zu erwerben gibt. Die App weiß das, weil man den Pullover zuvor in einem Social Network mit „gefällt mir“ bewundert hat. Sieht man sich das Angebot auf dem Smartphone an, wird dies dem Geschäft mitgeteilt und auf einem Display im Schaufenster erscheint das eigene Gesicht, das einem im besagten Pulli entgegenblickt („Magic Mirrors“). Visionen wie diese werfen noch jede Menge Datenschutzfragen auf.

6. Fernsehen

Stellen Sie sich vor: Es ist EM-Finale. Sie sind unterwegs und gezwungen, sich das Fußballspiel auf dem Smartphone via Livestream anzusehen. WLAN ist keines vorhanden und   das verfügbare Netz ist nicht stabil genug. Somit kommt es  immer wieder  zu Verzögerungen und Ausfällen. 87. Minute. Foul. Elfmeter. Der Schütze läuft  an ... und ... „Bitte warten!“ Diesen Horror für Fußballfans könnte bald der Vergangenheit angehören. Denn  5G  bietet erstmals die Möglichkeit,  einen einheitlichen Rundfunkstandard in den neuen Empfangsgeräten zu implementieren. Das bedeutet: Kein „Bitte warten“ mehr. Und der Konsum von linearen TV- oder Radio-Angeboten würde nicht mehr auf Kosten des monatlich  verfügbaren Datenvolumens gehen. Das ambitionierte Ziel ist es, DVB-T2 (Fernsehen) und DAB+ (Radio) sowie das Streaming über Mobilfunk zunächst zu ergänzen – und  in naher Zukunft zu ersetzen.

Gerade erst wurde bekannt, dass es  ein  erster Pilotversuch für 5G Antennenfernsehen genehmigt wurde. Der Testbetrieb wird über die zwei Wiener Großsendeanlagen am Kahlenberg und in Liesing durchgeführt werden. 

-Mitarbeit: David Kotrba, Marco Weise

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