Chronik | Österreich
11.09.2013

100.000 Österreicher haben keine Versicherung

Die medizinische Versorgung in Österreich ist sehr gut. Doch nicht alle können sie nutzen

Der Fall einer schwangeren Irakerin, die im AKH nur gegen Bargeld untersucht und danach einfach weitergeschickt wurde, sorgt weiter für Aufregung. Das Krankenhaus hat mittlerweile Fehler eingeräumt und gelobt Besserung. Doch die schwangere Irakerin ist kein Einzelfall.

Die medizinische Versorgung in Österreich gilt zwar weltweit als eine der besten. Knapp 100.000 Menschen scheitern dennoch an der wichtigsten Hürde: Sie haben keine Krankenversicherung.

„Die Gründe dafür sind vielfältig“, sagt Markus Schenk, Sozialexperte der Diakonie und Leiter der Armutskonferenz. Eine der größten Gruppen sind armutsgefährdete Menschen in prekären Beschäftigungsverhältnissen. Schenk: „Viele sind alleinerziehende Mütter, die überlegen, ob sie das nächste Monat Versicherung oder die Miete zahlen.“ Auch Frauen, die stets beim Partner mitversichert waren, stehen nach einer Scheidung oft kurz ohne Versicherung da.

Eine zweite große Gruppe sind Beschäftigte auf dem Schwarzmarkt. Sie stammen meist aus Osteuropa, arbeiten als Arbeiter am Bau oder als Putzfrau in Wohnungen und sind in ihren Heimatländern versichert. „Passiert hier ein Notfall, ist Polen weit entfernt“, sagt Schenk.

Aber auch junge Menschen in Übergangsphasen, etwa vor oder nach dem Studium können kurzfristig nicht versichert sein. Einen eher geringer Anteil machen Menschen aus, die sich illegal in Österreich aufhalten.

Durch die Grundversorgung der Asylwerber und die einheitliche Mindestsicherung ist die Zahl der Nichtversicherten zurückgegangen. Allerdings: „Leute in ländlichen Gebieten, die Anspruch auf die Mindestsicherung hätten, nehmen sie oft aus Scham nicht an“, sagt Schenk.

Folgekosten

Zudem warten nach der Erstversorgung oft Folgekosten wie Therapien, Heilbehelfe oder Medikamente. Hilfe bieten hier Spitäler wie die Barmherzigen Brüder oder die Ambulanz AmberMed. Sie behandeln Menschen auch ohne Versicherung.

Den aktuellen Fall im AKH hält Schenk für bedenklich: „Es gibt eine Verpflichtung zu helfen, ohne nach Geld zu fragen.“ Für die Leiterin der AmberMed, Carina Spak, zeigt der Fall einen Systemfehler im AKH auf: „Am Eingang wartet ein Verwaltungsbeamter, der die Menschen zuerst nach der eCard, dann nach Geld fragt. Der Patient kommt gar nicht zum Arzt. Doch nur der kann abschätzen, ob es sich um einen Notfall handelt.“

Im AKH betont man, dass man im Notfall selbstverständlich ohne Vorauszahlung behandle. „Die anschließende Rechnung über die Leistungen des AKH entfällt damit aber nicht“, sagt eine Sprecherin. Eine Ratenzahlung könne aber vereinbart werden. Sollten die Behandlungskosten uneinbringlich sein, so trage diese Kosten der Krankenhausträger und damit schlussendlich der Steuerzahler.

Wo Menschen unentgeltlich behandelt werden

„Uns interessiert nicht, ob unsere Patienten legal oder illegal im Land sind. Es zählt nur, ob sie medizinische Hilfe brauchen“, sagt Ignaz Hochholzer. Er leitet die allgemeine Ambulanz des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder in Wien-Leopoldstadt. Den Ärmsten der Armen zu helfen, ist das zentrale Anliegen des Ordens.

Im Spital in Wien werden auch Patienten ambulant versorgt, die keine Krankenversicherung haben. 30 bis 40 sind es tagtäglich. Viele davon sind Flüchtlinge, etliche aber auch Einheimische, die aufgrund privater Probleme aus dem sozialen Netz gefallen sind.

„Die Menschen, die zu uns kommen, sind in der Regel schon deutlich kränker, als die Patienten in den herkömmlichen Ambulanzen“, erzählt der Arzt. Aufgrund ihrer prekären Lebensumstände warten sie gezwungenermaßen lange zu, ehe sie nötige Hilfe in Anspruch nehmen.

Die Barmherzigen Brüder nahmen allein im Vorjahr darüber hinaus rund 400 versicherungslose Patienten stationär auf. So wie Janos T. (Name geändert). Der gebürtige Pole musste sich hier vor kurzem einer Kehlkopf-Operation unterziehen.

Symbolischer Beitrag

Möglich werden die kostenlosen Behandlungen durch Spenden. „Vielen Patienten ist es aber wichtig, dass sie zumindest einen symbolischen Beitrag selbst leisten“, erzählt Hochholzer.

Stetig wachsende Patientenzahlen verzeichnet auch Carina Spak, Leiterin von AmberMed in Wien-Liesing. Die Einrichtung der Diakonie behandelt seit fast zehn Jahren Menschen ohne Versicherung. Im Vorjahr waren es rund 1500 Patienten. „Darunter sind auch Menschen aus Kriegsgebieten, die schwerst traumatisiert sind“, schildert Spak. Aber auch ehemalige Unternehmer, die in den wirtschaftlichen Ruin gestürzt sind. Versorgt werden sie von 68 ehrenamtlichen Helfern, die Hälfte davon sind Ärzte. „Wir würden aber deutlich mehr brauchen, weil die Patientenzahlen so stark steigen.“