Der Linzer Lungenprimar Bernd Lamprecht

© HERMANN WAKOLBINGER

Chronik Oberösterreich
05/03/2020

„Wir doktern auf der Spitze eines Eisbergs herum“

Der Linzer Lungenprimar Bernd Lamprecht warnt vor einer zu schnellen Rückkehr zur Normalität. Beim sommerlichen Baden ist es entschiedend, Abstand zu halten.

von Josef Ertl

Bernd Lamprecht (43) ist Primarius für Lungenheilkunde am Kepler Universitätsklinikum in Linz.

KURIER: Wie viele Patienten, die vom Coronavirus befallen sind, betreuen Sie auf Ihrer Station?

Bernd Lamprecht: Im Moment sind es weniger als 20. Ende März/Anfang April waren es doppelt so viele. Wir haben bis heute 80 Patienten mit gesicherter Covid-19-Erkrankung betreut.

Was macht das Virus so gefährlich?

Es befällt nicht nur die oberen Atemwege, sondern macht sich auch in den tieferen Atemwegen breit und kann dort schwere Lungenentzündungen auslösen. Während die Symptome Halsschmerzen, Husten und Müdigkeit zwar unangenehm, aber nicht gefährlich sind, sind die Symptome einer Lungenentzündung meist sehr schwerwiegend und können tatsächlich zu Atemversagen führen.

Hatten Sie auch Todesfälle zu beklagen?

Von den 80 betreuten Patienten sind bis jetzt 13 verstorben. Das ist eine Sterblichkeit von etwa 15 Prozent. Die Sterblichkeit dürfte nicht so hoch sein wie anfangs befürchtet.

Die Übertragung erfolgt über den Mund und die Augen.

Ja, es ist eine Tröpfcheninfektion. Wenn es die in den Tröpfchen enthaltenen Viren in den Körper schaffen, dann ist eine Ansteckung möglich.

Es war richtig, dass die Bundesregierung sehr früh energische Maßnahmen gesetzt hat. Ich halte die Maßnahmen auch nicht für überzogen.

Im Moment fahren wir mitten im Nebel und bemühen uns auf Sicht zu fahren, wir kennen aber sehr viele Hindernisse und Einflussfaktoren noch nicht. Deshalb sollten wir das Tempo nicht zu hoch wählen. Wir sollten verhindern, dass wir noch einmal zum Stillstand kommen müssen. Wir sollten einen Modus finden, wie wir mit dem Coronavirus, das uns noch Monate begleiten wird, leben können.

Wie lange wird dieser unsägliche Zustand noch dauern?

So lange, bis wir eine effektive Behandlungsmöglichkeit oder eine Schutzimpfung haben. Eine Schutzimpfung wird nicht vor dem nächsten Jahr möglich sein. Bei den Medikamenten sieht es auch nicht viel besser aus. Einigen Optimismus darf man noch dem Präparat zurechnen, das Professor Penninger entwickelt hat.

Wird das Virus nicht überbewertet? 1957 grassierte in der damaligen Bundesrepublik Deutschland die Asiatische Grippe, die im Norden Chinas ausgebrochen ist und an der im Ruhrgebiet 70.000 Bergarbeiter erkrankt sind, in Hessen 70 Prozent der Schulkinder und bis zu 30 Prozent der Bevölkerung. Allein in der Bundesrepublik starben daran 20.000 bis 30.000 Menschen, weltweit mindestens eine Million. 1968/’69 folgte die Hongkong-Grippe, die in der Bundesrepublik 40.000 Menschenleben forderte. In den Berliner Spitälern gab es keine freien Betten mehr, in den Kühlkammern West-Berlins lagerten 800 Verstorbene, die Krematorien kamen mit den Einäscherungen nicht nach. Soldaten wurde eingesetzt, um Medikamente in die Apotheken zu bringen. Da erscheint ja das Coronavirus im Vergleich als relativ harmlos.

Das mag so erscheinen. Aber durch das Virus gibt es weltweit schon mehr als 200.000 Tote, obwohl drastische Maßnahmen ergriffen worden sind. Ich halte die Maßnahmen für nicht überzogen, weil es eine neue, ganz besondere Form der Herausforderung ist. Man kann sie nicht mit Grippeviren vergleichen. Auch der Vergleich mit der Spanischen Grippe 1918 (27 bis 50 Millionen Tote, Anm.) ist insofern schwierig, weil das Gesundheitssystem mit dem von heute in keiner Weise vergleichbar ist.

Dennoch stehen wir erst am Anfang der Problematik. Wir doktern auf der Spitze des Eisbergs herum und haben schon 200.000 Tote. Wir haben noch nicht volle Information darüber, wie sich das in Ländern auswirkt, die kein derartiges Gesundheitssystem wie wir haben und die sich keine solche wirtschaftlichen Maßnahmen leisten können.

Der deutsche Ärztekammerpräsident Klaus Reinhardt hält die flächendeckende hausärztliche Struktur für einen entscheidenden Vorteil für den erfolgreichen Kampf gegen das Virus, denn dadurch würden chronisch Kranke in Normalzeiten besser behandelt und könnten so Infektionskrankheit besser überstehen.

Das gute Gesundheitssystem hat auch dazu beigetragen, dass Ältere und chronisch kranke Menschen überwiegend mit einer sehr stabilen, kontrollierten Erkrankung in die Epidemie hineingegangen sind. Und wir haben ein Gesundheitssystem mit einem stark niedergelassenen Teil, der verhindert, dass sich Menschen in unglaublicher Weise in einem Spital ansammeln, wie das in China der Fall gewesen ist. China hat kein klassischer Hausarztmodell, dort gehen Menschen primär ins Krankenhaus. Dort war dann die epidemische Ausbreitung im Klinikum praktisch nicht zu verhindern. Das hat zur Krise beigetragen.

In Italien ist man ein wenig überrascht gewesen. Man hatte schon nach dem chinesischen Neujahrsfest (im Februar, Anm.) in der Umgebung von Mailand viele zurückgekommene Mitarbeiter in der Textilindustrie, die krank gewesen sind und man hat wohl erst sehr spät in den Krankenhäusern erkannt, dass es eine Häufung von Krankheitsbildern gibt. Da war das Virus schon längst in den Spitälern und hat sich dort ausgebreitet. Gesundheitspersonal wurde infiziert, das als gefährliche Überträger in Betracht gekommen ist.

Wir hatten das Glück, die Situation in Italien beobachten zu können und waren besser vorgewarnt. Wir stehen besser da als Norditalien. Das betrifft die Kapazitäten im Gesundheitswesen und die Intensivbetten.

Dort wohnen auch mehr Personen verschiedener Generationen im selben Haushalt und es gibt noch andere Faktoren. Man kann die Situation nicht eins zu eins vergleichen, aber ganz absurd ist die Annahme nicht, dass auch hier bei uns eine grenzwertige Überforderung des Gesundheitssystems hätte geschehen können, wenn es keine rechtzeitigen Maßnahmen gegeben hätte. Wir hatten in der ersten Märzhälfte eine Verdoppelungszeit von zwei bis drei Tagen. Inzwischen ist das weit über 60 Tage ausgedehnt.

Es geht langsam die Badesaison los, die Bäder wollen aufsperren. Wie sollen sich die Menschen verhalten?

Wichtig ist, auch hier Abstand zu halten. Wenn man den Abstand hält, sehe ich zwischen dem Spazierengehen und dem Schwimmen keinen wesentlichen Unterschied. Wenn man sich aber manche Liegewiese im vergangenen Sommer vor Augen führt, dann wäre das infektiologisch ein Problem. Wenn sich die Menschen an Abstände halten, kann ich mir auch das Schwimmen vorstellen. Ich persönlich habe ein bisschen Bauchweh, ob das funktionieren wird. Ich hätte mir gewünscht, dass man zuerst abwartet, wie die seit Ostern gelockerten Maßnahmen funktionieren, bevor man die Bäder aufsperrt. Um zu sehen, wie viel Spielraum wir haben.

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