Ernst Wiesinger ist Vorstandsvorsitzender von Kellner & Kunz

© HERMANN WAKOLBINGER

Chronik Oberösterreich
12/15/2019

„Unfaire Bedingungen im Online-Handel“

Leere Innenstädte, neue Märkte an den Ortsrändern, der Online-Handel in ausländischer Hand. Doch Ernst Wiesinger ist optimistisch.

von Josef Ertl

Ernst Wiesinger ist Obmann der Sparte Handel (30.000 Unternehmen, 100.000 Beschäftigte) in der Wirtschaftskammer OÖ. Der 57-Jährige ist Vorstandsvorsitzender der Kellner & Kunz AG. Das Unternehmen mit Sitz in Wels hat elf Tochterfirmen, 1200 Mitarbeiter und macht rund 300 Millionen Euro Umsatz im Bereich Befestigungstechnik und Werkzeuge. Das Wachstum ist stark, vor 30 Jahren betrug der Umsatz sieben Millionen Euro.

KURIER: Das Weihnachtsgeschäft boomt. Online-Bestellungen bedrängen den stationären Handel. So manche, die im Internet bestellen, führen als Argument an, sie würden in den Geschäften schlecht serviciert.

Ernst Wiesinger: Es gibt im Handel wie in anderen Branchen unterschiedliche Geschäftsmodelle. Wir machen in der Interessensvertretung keinen Unterschied zwischen dem Online- und dem stationären Handel. Beides hat seine Berechtigung. Die Zufriedenheit des einen ist es im Internet zu bestellen, die des anderen ist es, eine Ansprache, eine Beratung, Kommunikation im Geschäft zu haben. Wir kämpfen für faire Rahmenbedingungen im Internet-Handel. Im internationalen Online-Handel sind wir davon weit weg. Es gibt keine Zollvorschriften, keine Recycling-Vorschriften, keine Steuern. Das ist unfair. Wir als Wirtschaftskammer sind nicht gegen die Globalisierung, denn wir leben ganz wesentlich vom Export. Und wir können auch nicht sagen, dass das, was importiert wird, schlecht ist. Aber die großen Internetriesen bedienen sich nicht fairer Rahmenbedingungen. Dagegen wehren wir uns.

An welchen Punkten machen Sie Ihre Kritik fest?

Es gibt die 22-Euro-Freigrenze, unter der jeder herein liefern kann, ohne dass etwas angesehen wird. Es gibt die Zollfreigrenze von 150 Euro. Wir kämpfen auch für eine faire Besteuerung. Österreich ist ein Hochsteuerland. Wir kennen die Methoden von Internet-Giganten, um keine Steuern zu zahlen. Der durchschnittliche österreichische Händler ist klein strukturiert. Wie soll er gegenüber seinen Kunden wettbewerbsfähig bleiben?

Diese Frage kann man aber nur international lösen.

Wir wenden uns an die Regierung, damit sie das international zur Sprache bringt.

Frankreich will nun eine Digitalsteuer einführen.

Der ehemalige Finanzminister Hartwig Löger war daran, Steuermodelle einzuführen. Im Prinzip sind es Ersatzsteuern für jene Steuern, die es tatsächlich geben müsste. Denn es müsste für die Internet-Giganten genauso Umsatzsteuern, Einkommenssteuern, Gewerbesteuern und Kommunalsteuern geben, womit jeder Unternehmer in Österreich konfrontiert ist. Das müsste man internationalisieren.

Eine Digitalsteuer ist im Prinzip so etwas wie eine Werbeabgabe. Die Margen im Handel werden immer geringer. Das Internet führt zu Preistransparenz. Der Großteil der Kunden vertritt die Geiz-ist-geil-Mentalität. Sobald er weiß, dass es das Produkt irgendwo billiger gibt, ist er mit dem Preis unzufrieden. Das hat es vor 20 Jahren nicht gegeben.

Der stationäre Handel hat den Online-Handel ursprünglich als Feind gesehen. Besteht diese Mentalität nicht noch immer?

Nein. Mittlerweile ist es uns durch Überzeugungsarbeit gelungen, von unterschiedlichen Geschäftsmodellen zu sprechen. Wir unterstützen und motivieren den stationären Handel, auch online-fähig zu sein und hier mit zu partizipieren. Wir können das Rad nicht zurückdrehen. Die Hufschmiede haben vor 150 Jahren auch Probleme mit der Erfindung des Autos gehabt. Sie konnten die Autos aber nicht verhindern. Sie haben auf Kfz-Werkstätten umgesattelt.

Der stationäre Handel hat durch Service und Dienstleistung riesengroße Vorteile. Die Zeit ist vorbei, um beim Einkaufen die Befriedigung von Essen und Trinken zu betreiben. Das Einkaufen ist heute Erlebnis. Dazu gehört der menschliche Kontakt.

In Deutschland freuen sich die Online-Händler über enorme Zuwächse im Weihnachtsgeschäft. In Österreich wird es vermutlich ähnlich sein.

Man muss die Steigerungsraten relativieren, denn die Frage ist, von welchem Ausgangspunkt man ausgeht. Auch in Österreich wächst der Online-Handel stärker als der stationäre, der im Ein-, Zwei-Prozent-Bereich zunimmt. Die Online-Händler wachsen zweistellig. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass der Anteil des Online-Handels am Gesamtvolumen 2018 bei 4,4 Prozent lag. Das machte 7,3 Milliarden Euro aus.

Was uns aber stört ist die Tatsache, dass die Hälfte des Online-Handels international ist.

Wie kann man hier gegensteuern?

Die Rahmenbedingungen international fair gestalten, dann wird sich die Preisgestaltung verändern und die Österreicher werden sich besser durchsetzen können.

Wie verläuft das Weihnachtsgeschäft?

Es ist vergangenes Jahr gut gelaufen und es läuft auch heuer wieder gut. Durch die niedrigen Zinsen werden die Menschen nicht zum Sparen animiert. Der Konsum ist die Stütze des Wirtschaftswachstums. Die Krise wird herbei geredet. Wir haben eine hausgemachte Delle in der Autoindustrie. Zuerst durch die Fahrverbote in einzelnen deutschen Städten, dann durch die Dieselskandale. Das hat zur Verunsicherung der Konsumenten geführt, wodurch sie bei Käufen gezögert haben. Im Auto- und Autozulieferbereich haben wir momentan eine Delle, die sich in ein, zwei Jahren auflösen wird. Ich persönlich habe mir nun wieder einen Diesel gekauft, weil er nicht schädlicher ist als andere Antriebsarten. Die Batterie eines E-Autos verbraucht mehr Umweltressourcen als die Abgase eines Dieselautos die Umwelt schädigen. Das neutralisiert sich. Wir werden nie und nimmer in eine Wirtschaftskrise verfallen wie 2008/2009.

Sie sind durchaus optimistisch?

Wir planen für die nächsten Jahre mit Wachstumsraten wie in der Vergangenheit.

Plus zehn oder mehr Prozent?

In der Industrie weniger, im handwerklichen Bereich mit mehr als zehn Prozent.


Es gibt eine intensive Diskussion über den zu hohen Bodenverbrauch. Hier werden besonders die Supermärkte der Handelsketten an den Ortsrändern mit den großen asphaltierten Parkflächen kritisiert.

Ein geringerer Bodenverbrauch wird auch vom Handel als richtig empfunden. Wir sind mit Wirtschaftslandesrat Markus Achleitner in Diskussion über das Raumordnungsgesetz. Man sollte aber Gewerbebetriebe in ihrer Entwicklung nicht bremsen, weil sie einen volkswirtschaftlichen Beitrag leisten. Es sind Dinge im Gesetzesentwurf enthalten, die den Großen ein wenig suspekt erscheinen. Bei aller Problematik darf man nicht vergessen, dass nur 2,2 Prozent der Fläche Oberösterreichs verbaut sind. Wer sperren uns nicht gegen Regelungen, aber wir müssen schauen, was fair und was nicht fair ist.

Die Kritik richtet sich nicht nur gegen die Supermärkte, sondern auch gegen den Straßenbau und gegen die Häuslbauer.

Wir haben noch keine Panik, sondern wir möchten unsere Bedenken vorbringen. Der Plan von Achleitner sieht vor, die Dachflächen zu halbieren, indem die Märkte zweigeschossig gebaut werden. Und auf dem Dach eine Solar- oder Fotovoltaikanlage montiert wird. Dieser Vorschlag wird diskutiert.


Es gibt ja auch noch das Problem der sich entleerenden Innenstädte. Hier ist das Kundenverhalten entscheidend. Die kleinen Geschäfte sind Vergangenheit, sie scheitern am Kunden. Die Märkte müssen ein kundenorientiertes Sortiment anbieten können. Wenn man in der Innenstadt eine Tiefgarage errichten muss, hat man viel höhere Baukosten als auf der grünen Wiese draußen. Der Grund ist dort wesentlich billiger. Man muss schauen, in die Innenstädte Frequenz zu bringen. Märkte sind Frequenzbringer. Man muss überlegen, was ökonomisch vertretbar ist.

Es geht nicht nur um Bodenversiegelung, sondern auch um Gewerberuinen und bestehende Areale. Wir wünschen uns von der Politik, dass durch Förderungen und die Übernahme von Kosten die Nutzung alter Areale unterstützt wird. Grund und Boden ist in der Innenstadt schon teurer als draußen, dann steht noch ein nicht verwertbares Bauwerk drauf, das abgerissen werden muss. Die Beseitigung von Altlasten ist teuer. Hier sollten das Land und die Gemeinden Anreize bieten, um Ruinen verkraftbar zu machen.

Spar-Manager Marcus Wild hat vorgeschlagen, dass der Handel an sechs Sonntagen aufsperren darf.

Jeder trachtet danach, Umsatz zu machen, wenn er Umsatz machen kann. Oberösterreich hat eine lange Grenze zu Bayern. Dort haben die Geschäfte in Abstimmung mit der Gemeinde die Möglichkeit, an vier Sonntagen aufzumachen. Das wäre auch eine gute Lösung für unser Bundesland. Es ist aber nicht gescheit, wenn ein Unternehmen allein einen Vorstoß unternimmt. Man muss das abstimmen. Das war ein Alleingang. Ich weiß nicht, was man damit auslösen wollte.

Es gibt bereits jetzt die Möglichkeit, dass die Landesregierung regional Öffnungszeiten anders gestaltet. Es gibt aber auch die Gegenwehr von anderen Handelsunternehmen, die die Öffnung nicht wollen. Deshalb muss man das gesamtheitlich sehen und abstimmen. Unser Vorschlag: An vier Sonntagen aufsperren, in Abstimmung mit der Gemeinde und den anderen Handelsbetrieben.

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