Agrarlandesrat Max Hiegelsberger, ÖVP

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Chronik Oberösterreich
08/19/2019

"Schiffsdiesel und Kerosin statt Fleisch besteuern"

Max Hiegelsberger. Rinderhaltung ist für Österreichs Grünland und Landschaftsschutz unabdingbar. Statt Fleisch sollten die Transporte besteuert werden.

von Josef Ertl

Max Hiegelsberger (53) ist seit 2010 Landesrat für Ernährung, Landwirtschaft und Gemeinden.

KURIER: Essen Sie noch Fleisch?

Max Hiegelsberger: Selbstverständlich, und das mit gutem Gewissen.

Der soeben veröffentlichte Bericht des UNO-Klimarates rät aber vom Fleischverzehr ab.

Nachdem sich die UNO für die gesamte Welt zuständig fühlt, kann man das in gewissen Bereichen unterstreichen. Das hat aber sehr wenig mit der Fleischproduktion in Österreich zu tun. Die Rinderwirtschaft ist für unsere gepflegte Kulturlandschaft Voraussetzung. Vieles, was im Tourismus vorausgesetzt wird, wäre ohne die Rinder nicht möglich.

Ein Kilogramm Schweinefleisch verursacht einen CO2-Abdruck von drei Kilogramm, ein Kilo Rindfleisch von 13 kg, ein Kilo Hühnerfleisch von zwei Kilogramm und ein Kilo Reis von vier Kilogramm . Demnach sollte man wenigstens kein Rindfleisch mehr essen.

Das Spiel könnte man weiterführen. Sollten wir Reis essen, den wir mit dem Flugzeug importieren? Wenn man sich die gesamte Umweltbelastung ansieht, sind wir in Österreich vorbildlich. Wir haben Grundwasser zur Verfügung. Nur durch die Rinder ist eine vernünftige Grasverwertung möglich.

Aber durch die Lebensmittelproduktion wird ein Drittel der weltweiten Treibhausgase verursacht. Das ist doch ein erheblicher Anteil.

Hier muss der Transport enthalten sein. Deshalb ist die Regionalität ein Gebot der Zukunft. Das kann ich nur zu einhundert Prozent bejahen. Wir sollten versuchen, das, was wir im eigenen Land haben, zu verwerten.

Einen erheblichen Anteil an der -Belastung macht der Import von Futtermitteln wie Soja aus. Versuche, die Importe durch Eigenanbau wie durch das Donausoja zu ersetzen, sind nicht wirklich gelungen.

Das ist sogar sehr gelungen. Wir standen damals bei 50.000 Hektar in Österreich, heute sind wir bei 69.000 Hektar. Das Klima wird trockener und heisser, deshalb ist zukünftig möglich, in mehr Regionen Österreichs Soja anzubauen.

Es gab ein starkes Bestreben in der Schweinewirtschaft, das AMA-Gütesiegel durch gentechnikfreien Sojaeinsatz, das in Europa angebaut wird, aufzuwerten.

Das Soja, das beispielsweise aus Argentinien und Brasilien importiert wird, ist gentechnisch verändert.

Ja, zu einem großen Teil. Wir wollten bei der Gentechnikfreiheit die dadurch entstehenden Mehrkosten abgegolten haben. Der Handel hat das abgelehnt. Der Einkauf in der Gastronomie sowie der Handel vergleichen stets die Fleischpreise mit dem billigsten Fleisch in Europa. Da haben weder wir als Bauern noch die Verarbeiter eine Chance.

Peter Wesjohann, Chef des größten Hähnchenfleischlieferanten Wiesenhof in Deutschland, argumentiert, dass sie in den Supermärkten Bio-Hühner angeboten hätten, die Konsumenten aber zum billigen Massenhähnchen gegriffen hätten, weshalb sie mit den Bio-Hühnern aufgehört haben.

Wenn wir lediglich bereit sind, 10 bis 15 Prozent des Einkommens für die Lebensmittel auszugeben, dürfen wir nicht erwarten, dass die Bauern Kälber streicheln.

Es braucht also die Bereitschaft des Konsumenten, mehr Geld auszugeben.

Wenn man die Landwirtschaft mit bäuerlichen Betrieben erhalten will, braucht das bessere regionale Lebensmittel einen anderen Preis. Das ist die Voraussetzung. Anders wird es nicht funktionieren.

Spar beispielsweise verlangt von uns ein Verbot des Einsatzes von Glyphosat. Damit haben wir kein Problem. Aber dann darf auch kein anderes Produkt, das ebenfalls mit Glyphosat behandelt worden ist, im Regal liegen. Denn dann sind wir preismäßig nicht wettbewerbsfähig. Der Konsument wurde über Jahrzehnte so erzogen, dass er als ungeschickt gilt, wenn er nicht zum Billigsten greift.

Hat der Bericht des UNO-Klimarates eine Auswirkung auf Ihre Politik?

Jeder muss in seinem Bereich eine Betroffenheit entwickeln, wenn es in dieser Form nicht weitergehen soll. Das kann vor der Politik gar nicht Halt machen. Wenn der Markt aber anders funktioniert als es sich jene, die für das Klima zuständig sind, erwarten würden, und unsere bäuerlichen Betriebe auf der Strecke bleiben würden, dann ist das auch nicht nachhaltig. Nachhaltigkeit heißt immer ökologisch, ökonomisch und sozial. Es müssen alle drei Bereiche betroffen sein.

Sie verstehen sich primär als Vertreter der bäuerlichen Betriebe.

Ganz klar. Aber auch im Sinne der Ökologie. Wir waren kürzlich auf Studienreise in den Niederlanden. Wenn wir den Zustand der Böden und der Grundwasserqualität vergleichen, dann hat die Landwirtschaft in Österreich sehr viel richtig gemacht.

Ist es für Sie ein Problem, wenn die Klimaschützer aufrufen, kein Fleisch zu essen?

Es ist deswegen kein Problem, weil jede Person autonom entscheidet, wie sie leben will.

Für uns ist nicht die primäre Frage, wie sich jemand ernährt, sondern von woher die Lebensmittel kommen. Wenn Menschen auf Fleisch verzichten, stellt sich die Frage, mit welchen anderen Produkten sie sich ernähren wollen. Der Großteil unserer landwirtschaftlichen Fläche ist Grünland. Dann würde ein Großteil dieser Flächen geopfert werden. Stimmt die Nachhaltigkeit, wenn die Produkte über tausende Kilometer mit dem Schiff oder dem Flugzeug importiert werden müssen? Ich glaube nicht.

Der UNO-Bericht kritisiert massiv die Lebensmittelverschwendung. Was kann man dagegen tun?

Der erste Punkt ist selbst zu kochen. Wer kocht, kauft nur das, was er benötigt. Der zweite Punkt ist, dass wir im Lebensmittelhandel weg von der übertriebenen Aktionitis müssen. Zum Beispiel zwei Produkte zum Preis von einem oder minus 25 Prozent.

Das verführt dazu, mehr zu kaufen als benötigt wird, was schlussendlich weggeworfen wird. Der dritte Faktor ist schnelles Essen. Schnelles Essen fördert ein breites Angebot, vieles wird nicht gebraucht.

Die deutsche Tierschutzbund spricht sich für die Einführung einer Fleischsteuer als Konsequenz des Klimaberichts aus.

Das ist ein völlig falscher Ansatz. Es geht um den Transport, denn er belastet die Umwelt am stärksten. Kerosin und Schiffsdiesel sind steuerbefreit. Die Bauern bezahlen beim Traktordiesel die Mineralöl- und Mehrwertsteuer, aber für Transporte, die weltweit gehen, fallen keine Steuern an. Das ist unlauterer Wettbewerb.