Peter Paul Kaspar veröffentlichte vor fünf Jahren den "Aufruf zum Ungehorsam"

© honorarfrei/Josef Ertl

Interview
10/23/2016

,Reform mit zwei Geschwindigkeiten‘

Der Papst erfüllt die Wünsche der Pfarrerinitiative, sagt der Rektor der Linzer Ursulinenkirche Peter Paul Kaspar.

von Josef Ertl

Peter Paul Kaspar ist Rektor der Linzer Ursulinenkirche. Der 74-Jährige war Akademiker- und Künstlerseelsorger und ist Mitglied des Vorstandes der Pfarrerinitiative. Vor fünf Jahren hat er den "Aufruf zum Ungehorsam" verfasst, der für viel Aufregung gesorgt hat. In der Pfarrerinitiative sind österreichweit 400 Pfarrer organisiert. Sie verlangen Reformen, unter anderem die Priesterweihe für Frauen.

KURIER: Die Pfarrerinitiative ist nun zehn Jahre alt und man hört inzwischen wenig von ihr. Hat Papst Franziskus Ihrer Gruppe die Show gestohlen?

Peter Paul Kaspar: Publizistisch tät’ man so sagen. Wir sagen, er beginnt unsere Wünsche zu erfüllen. Warum soll man jemanden angreifen, der, sehr langsam und unsicher, doch unseren Weg geht?

Woraus entnehmen Sie, dass er den Weg der Pfarrerinitiative geht? Er deutet seinen Weg an, aber er hat noch nicht wirklich Pflöcke eingeschlagen.

Einige schon, aber es geht unheimlich langsam. Er ist ein alter Mann. Insofern ist der Einwand berechtigt. Die Kirche hat grundsätzlich zwei Möglichkeiten der Gestaltung. Die eine ist die, die wir kennen, das ist die absolutistische Monarchie. Die andere ist, in die wir und große Teile der Kirche drängen, nämlich eine demokratieähnliche Verfassung. Der Papst soll als primus inter pares, als Erster unter Gleichen den Ehrenvorsitz haben. Es soll nicht mehr der Monarch sein. Franziskus hat sich am Tag seiner Wahl als Bischof von Rom vorgestellt, und nicht als Papst. Er beruft die Bischöfe jährlich zu sich, er hat den Kardinalsrat zur Reform eingesetzt.

Meine These ist, dass es die Kirche je nach Erdteilen in zwei verschiedenen Ausführungen gibt. Abhängig von der Bildung der Bevölkerung. In Europa und Nordamerika tendiert die Kirche zur Demokratie. In den Kontinenten und Ländern, wo der Bildungsstandard niedrig ist, sind die Menschen noch autoritär geprägt. Der Papst ist klug genug zu wissen, dass er auf jene Regionen der Welt Rücksicht nehmen muss, die bildungsmäßig noch hinten sind. Er steht für eine Reform mit zwei Geschwindigkeiten. Er steht für eine Kirche, die das Dach für alle ist.

Bei den Bischofssynoden in Rom wurden die Unterschiede deutlich. Man konnte eine große Kluft zwischen den Kirchen in Europa und Nordamerika einerseits und den anderen Kirchen in der Welt sehen.Wir brauchen eine Kirche mit verschiedenen Geschwindigkeiten. Wir Progressiven sollten deshalb ein bisschen geduldiger sein.

Im Leitbild der Pfarrerinitiative für 2016 heißt es, dass die Frauen das Recht auf ebenbürtigen, vollen Zugang zu allen Weiheämtern haben sollen.

Das geht in den Ländern mit geringem Sozial- und Bildungsniveau nicht. Denn dort sind die Frauen noch den Männern untergeordnet. Damit muss die dortige Kirche leben. Das Beste, was sie dagegen tun kann, ist Bildung.

Der Priestermangel stellt die Kirche vor große Probleme. In der Erzdiözese Wien werden deshalb Pfarrern zusammengelegt, was die Pfarrerinitiative für den falschen Weg hält. Wie sollen die Pfarren dann ohne Priester geführt werden?

Die Diözese Linz hat das vor 20 Jahren beraten. Unter Bischof Maximilian Aichern wurde ein Reformkonzept mit dem Titel "Lasst die Pfarren leben" beschlossen. Man darf die Menschen nicht mit dem Auto 20 km weiter in eine Zentralpfarre schicken. Denn die Pfarren sind große, starke Gemeinden. Man bringt die Identität dieser Gemeinden um. In großen Städten ist das vielleicht noch leichter.

Wer führt die Pfarren ohne Priester?Ihre Pfarrerinitiative meint, dass die Leiterinnen und Leiter aus der Mitte der Gemeinde heraus gewählt und zur Weihe vorgeschlagen werden sollen.

In der Diözese Linz werden Pfarrleitungsteams mit vier Personen eingesetzt. Es gibt mit den Pastoralassistenten, mit den Religionslehrern und kirchlichen Berufen eigentlich schon eine Reservepriesterschaft. Die Teams werden dann in der Pfarre vom Bischof oder anderen Führungskräften mit einer weiheartigen Sendungsfeier offiziell für eine bestimmte Anzahl von Jahren bevollmächtigt. Das ist ein immer stärker funktionierendes Modell.

Wie geht es mit der Pfarrerinitiative weiter?

Wir sind in Warteposition. Es passiert nicht mehr viel. Der Sprengstoff ist raus, aber nicht die Luft. Für die Pfarrer ist es wichtig, dass wir weiterhin mit ihnen etwas machen. Die Reformen gehen uns zu langsam. Ich bin einer der wenigen, der sagt, wir sollten ein bisschen international denken. Der Papst macht das, nur wir Revoluzzer kapieren das nicht. Jeder sieht seine Fläche, seine Heimatdiözese, sein Land und seinen Kontinent. Wir haben inzwischen schon Kardinal Christoph Schönborn gewonnen.

Inwiefern?

Er hat als Vorsitzender der europäischen Gruppe in der Bischofssynode den letzten Absatz rausgestrichen, weil er für die Menschen in Indien und Afrika zu progressiv war. Ich verstehe das inzwischen.

Durch die Wahl von Franziskus hat sich der Kurs der römisch-katholischen Kirche geändert, aber es kann durchaus passieren, dass sein Nachfolger wieder zu einer restriktiven Linie zurückkehrt.

Das ist sehr zu befürchten. Das Match ist noch nicht gelaufen. In den vergangenen 50 Jahren hat die Kirche zwei Mal fünf Jahre Reformzeiten gehabt. Das war Papst Johannes XXIII., der das II. Vatikanische Konzil einberufen hat und nur fünf Jahre regiert hat (1958-1963). Bei seinem Tod war vom Konzil noch nichts beschlossen. Sein Nachfolger Paul VI. ist am Konzil zerbrochen. Er hat zwei Themen aus dem Konzil herausgenommen.

Welche Themen waren das?

1967 ist die Zölibatsenzyklika gekommen. Das hat uns so getroffen. Viele von uns haben schon Bräute gehabt. Ich noch nicht, aber ich wollte auch ganz gern heiraten. Das war ein ganz schwerer Schock. Ein Jahr später, 1968, kam die Enzyklika Humanae Vitae, das Verbot der künstlichen Verhütung. Diese zwei Enzykliken haben das Konzil nachträglich noch kastriert. Paul VI. ist gescheitert und war zutiefst depressiv. Er war psychisch geschädigt, ein armer, trauriger Mann. Mit Paul VI. gab es 15 Jahre durch das Konzil doch noch Reform, aber eine gebremste.

1978 kam Johannes Paul II., der 27 Jahre regiert hat. Es folgte Josef Ratzinger (Papst Benedikt XXVI.), der eigentlich eine Verlängerung von Johannes Paul II. war. Die beiden deuteten 35 Jahre Gegenreform. Nach dieser langen Zeit des Stillstands kam 2013 Franziskus, der sagt, wir machen weiter mit der Reform. Jetzt ist wieder so ein alter Papst gekommen, ähnlich wie Johannes XXIII., der neuerlich Reformen durchführt.

In meinem Theologiestudium bei Karl Rahner in Innsbruck bin ich so mit Reform infiltriert worden, weshalb ich immer noch so optimistisch bin. Ich verfolge die Entwicklungen mit einem gewissen Schmunzeln. Wir haben kurzzeitig alte Reformer. Franziskus wird am 17. Dezember 80 Jahre alt und er ist seit nun drei Jahren im Amt.

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