Chronik | Oberösterreich
27.05.2018

„Rauchen bedeutet für Lunge eine Dauerschädigung“

Bernd Lamprecht. Der Lungen-Primar an der Uni-Klinik plädiert für das Recht auf saubere Luft: Sowohl in den Innenräumen als auch im öffentlichen Raum.

Bernd Lamprecht ist Universitätsdozent und Primar der Lungenabteilung an der Linzer Universitätsklinik. Der 41-Jährige stammt aus Kötschach-Mauthen, hat in Innsbruck studiert, war in Salzburg und ist seit 2013 in Linz.

KURIER: Viele Raucher behaupten jederzeit mit dem Rauchen aufhören zu können. Zudem meinen sie, wenn sie damit aufhören, ist mit der Lunge und dem Körper wieder alles in Ordnung.

Bernd Lamprecht: Es ist tatsächlich viel schwieriger aufzuhören als dass man sich das so vorstellt. Die Raucherentwöhnungsrate beträgt nach einem Jahr etwa 20 Prozent. Das bedeutet, dass nur einer von fünf nach einem Jahr tatsächlich rauchfrei ist. Die anderen vier haben wieder zu rauchen begonnen. Aufzuhören ist sehr schwer, denn es hat mit der Nikotinsucht zu tun. Es ist einerseits eine körperliche Abhängigkeit, die durch Nikotin entsteht. Andererseits ist es ein gewisses Verhaltensmuster, das man sich über Jahre angewöhnt hat. Das abzulegen ist sehr schwer. Zum Beispiel die Zigarette zum Kaffe, die Zigarette in der Pause. Daneben hilft das Rauchen vielen bei der Streßbewältigung, es beruhigt sie etc.

Die Hoffnung, mit dem gelingenden Aufhören die Dinge wieder in Ordnung zu bringen, ist leider nicht berechtigt. Denn in Wirklichkeit ist eine bereits verlorene Lungenfunktion nicht wieder herstellbar.

Die Zellen in der Lunge erneuern sich nicht?

Lungenbläschen, die bereits zerstört worden sind, können sich nicht nachbilden. Lungenoberfläche, die durch das Rauchen zerstört wurde, kann nicht wieder gewonnen werden. Es ist ein Schaden da, der durch den Rauchstopp nicht rückgängig gemacht werden kann.

Rauchen führt also zu einer Dauerschädigung?

Es ist eine Dauerschädigung vorhanden, die nicht mehr reversibel ist. Aber ab dem Zeitpunkt, mit dem Raucher mit dem Rauchen aufhört, hat er einen normalen Funktionsverlauf über die Zeit. Das heisst, er verliert pro Jahr nur so viel Lungenfunktion wie Sie und ich auch. Aber nicht mehr dieses überschießende Maß, das durch die ständige Reizung und Entzündung, die durch das Rauchen hervorgerufen wird. Das, was geschädigt wurde, kommt nicht mehr zurück, das ist verloren.

In welchem Ausmaß reduziert Rauchen das Volumen der Lunge?

Das ist verschieden, denn jeder Raucher reagiert anders. Der eine entwickelt eine Lungenerkrankung, der andere ist scheinbar bei guter Lungengesundheit. Die Verletzlichkeit ist eine unterschiedliche. Aber es ist eine Tatsache, dass Rauchen von niemandem gut toleriert wird, wenn es über viele Jahre fortgesetzt wird. Schäden sind dann unausweichlich, der Verlust an Lungenfunktion ist ab dem Rauchen von mehr als zwei, drei Zigaretten pro Tag ein eklatanter.

Die neue Bundesregierung hat das geplante generelle Rauchverbot in Restaurants gekippt. Wie sehen Sie diese Entscheidung?

Ich sehe das als sehr bedauerlich und als gesundheitspolitischen Rückschritt. Wir verzichten auf zwei wichtige Dinge. Wir hätten durch das generelle Rauchverbot einen raschen Rückgang an Herzinfarkten und Schlaganfällen erlebt. Langfristig wäre auch ein Rückgang von Lungen- und Atemwegserkrankungen in den kommenden Jahren erzielbar gewesen.

Es gibt eine Gruppe um Professor Stiegler von der Universität Graz, die berechnet hat, wie viele akute Krankenhausaufnahmen man sich hätte ersparen können. Sie kommen auf 50 Herzinfarkte, 80 Schlaganfälle und 150 Lungenentzündungen, die man pro Woche hätte vermeiden können.

Bei den Schädigungen der Lunge steht an erster Stelle aktives Rauchen, an zweiter Stelle Feinstaub, an dritter Stelle passives Rauchen und an vierter Stelle Luftverschmutzung. Warum ist passives Rauchen so schädlich?

Hier geht es um den Zigarettenrauch und den Feinstaub, der von der Zigarette vorne direkt wegglimmt. Dieser Nebenstromrauch enthält die Schadstoffe sogar in noch höherer Konzentration als der Hauptstromrauch, den der Raucher durch den Filter selbst inhaliert. Passivrauchen ist genauso schädlich. Natürlich ist die Dosis eine andere. Wenn jemand in der Gastronomie acht Stunden in einem Bereich tätig sein muss, wo geraucht wird, kommt er auf eine Belastung als hätte er selbst 20 Zigaretten geraucht. Wenn dann noch bei jemandem passiv und aktiv kombiniert ist, kommt eine hohe Schadstoffkombination zustande. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Feinstaubbelastung bei Innenräumen, in denen geraucht werden darf, zwischen 50 und 600 Mikrogramm pro Kubikmeter liegen. Bei Diesel und anderen Belastungen des Außenluft reden wir von 40 und 50 Mikrogramm pro Kubikmeter. In Räumen, wo geraucht wird, herrscht ein Vielfaches vor.

Die EU-Kommission hat Klage gegen Deutschland erhoben, weil in 66 Städten die Grenzwerte für Stickstoffdioxid überschritten werden. Hamburg verhängt nun Fahrverbote für alte Dieselfahrzeuge. In Linz werden ebenfalls die Grenzwerte überschritten. Ist ein Fahrverbot für alte Diesel gerechtfertigt?

Die Luftqualität hat sich seit den 1980-er Jahren deutlich verbessert. Die Grenzwerte für Feinstaub und Ozon werden nicht mehr überschritten. sehr wohl aber die Grenzwerte für Stickstoffdioxid NO2. Der Haupterzeuger von NO2 sind dieselbetriebene Kraftfahrzeuge.

Sowohl bei der Meßstelle Linz-Römerberg als auch bei der Meßstelle Enns sind in den vergangenen zehn Jahren die Grenzewerte, die bei etwa 40 Mikrogramm liegen, regelmäßig überschritten worden. Hier ist eine zu hohe Belastung vorhanden, gar keine Frage. Es gibt Berechnungen, die nahelegen, dass in Österreich 150 bis 170 Todesfälle pro Jahr auf Feinstaub, der aus dem Verkehr resultiert, zurückgeführt werden können.

Sind diese Berechnungen seriös?

Das ist eine Hochrechnung. Ich glaube, dass die Relationen stimmen. Wenn wir 13.000 vorzeitige Todesfälle durch das Rauchen haben, dann ist damit die Problematik des Verkehrs vernünftig abgebildet. Im Verkehr ist Verbesserungsbedarf notwendig, aber im Vergleich zum Rauchen ist es ein vergleichsweise geringes Problem.

Halten Sie ein Fahrverbot für alte Dieselfahrzeuge für gerechtfertigt?

Die alten Diesel sollten massiv reduziert werden oder es sollten Fahrverbote in bestimmten Regionen gelten. Ich halte Fahrverbote für vernünftig, auch als Signal auf eine bessere Luftqualität zu setzen.

Es ist für jeden Menschen selbstverständlich, dass wir sauberes Wasser haben dürfen, aber von der sauberen Luft sind wir noch einen Schritt entfernt.