Symbolbild. Ein Polizist vor dem Landesgericht Wels.

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Chronik Oberösterreich
05/26/2020

Missbrauch an 109 Buben: "Bin zu 90 Prozent schuldig"

Ein Urologe aus dem Salzkammergut soll 109 Buben sexuell missbraucht haben. Ihm droht Einlieferung in Anstalt.

von Petra Stacher

Ruhig betritt der Mann, begleitet von zwei Polizisten, den Raum. Ohne Umwege setzt er sich auf die Anklagebank im Landesgericht Wels. Er richtet den Blick nach vorne. Der 56-Jährige wirkt konzentriert, gefasst und sich dessen bewusst, was er getan hat – und was  nicht: 109 Kinder soll der Urologe aus dem Salzkammergut innerhalb von 20 Jahren missbraucht haben. Am Dienstag begann sein Prozess.

Die Stimmung im Saal ist  gedämpft, ob es an den Corona-Maßnahmen – Abstand und Schutzmaske – oder an den Ausführungen der Staatsanwaltschaft liegt, ist schwer einzuschätzen.

Letztere benötigt jedenfalls viel Zeit: Die Vorwürfe reichen  von schwerem sexuellen Missbrauch mit Folgeschäden über Verstöße gegen des Suchtmittelgesetz bis hin zu pornografischen Darstellungen von Minderjährigen und dem Missbrauch eines Autoritätsverhältnisses.

2000
In diesem Jahr eröffnet der angeklagte Urologe seine Praxis im Salzkammergut

2000 bis 2019
Laut Anklageschrift soll sich der Arzt über knapp 20 Jahre an teil minderjährigen Buben vergangen haben

29. Jänner 2019
Nachdem sich ein 15-Jähriger seiner Mutter anvertraut hat, ging diese schließlich an die Öffentlichkeit. Der Arzt wird am 29. Jänner 2019 verhaftet; seither sitzt er in Untersuchungshaft

Juli 2019
Im Laufe der Ermittlungen weitet sich der Fall aus. Im Juli sind 95 Opfer bekannt

10. Februar 2020
Die Staatsanwaltschaft Wels bringt die Anklage gegen den Mediziner ein

26. Mai 2020
Der Strafprozess gegen den Beschuldigten Urologen am Landesgericht Wels beginnt. Fünf Tage sind dafür anberaumt

10. Juni 2020
Die Urteilsverkündung des Schöffengerichts soll erst im Juni erfolgen

Um die Sachlage der 109 Fälle zu verdeutlichen, holte sich die Staatsanwaltschaft technische Hilfe: Eine Präsentation gliedert die Fälle. Nur selten blickt der Urologe dabei zur Seite. Ab und zu schweift  sein Blick über einen der 12 Opfervertreter, als diese die Namen der missbrauchten Buben verlesen.

Intime Untersuchungen

Bei vielen der Jungen handelt es sich um Brüderpaare, 40 der mutmaßlichen Opfer waren laut Anklageschrift noch keine 14 Jahre alt. Die meisten davon suchten die Praxis des Urologen wegen gesundheitlicher Probleme auf. Aber auch beim Aufklärungsunterricht in Schulen soll er Jungen seine telefonische Hilfe angeboten haben.

Dabei blieb es jedoch nicht: Der Arzt soll an den Buben Masturbationshandlungen sowie Penisvermessungen vorgenommen haben. In fünf Fällen habe er die Jungen auch an den intimsten Stellen untersucht. „Wenn der Doktor sagt, es müsse sein, dann muss es sein und es wird schon richtig sein“, zitiert der Staatsanwalt eines der Opfer. Auch die Opfervertreter sind sich einig: Die Kinder glaubten, es sei normal – sie hätten Vertrauen gehabt.

Selbst für Außenstehende ist das nachvollziehbar: Er ist schlank,  groß hat weißes Haar und trägt eine Brille: Er sieht sympathisch und modern aus – passend zu seinem „jugendlichen Slang“ den er laut Verteidiger  pflegt und mit dem er zu den Buben ein Verhältnis aufbaute. Laut Verteidiger habe sich sein Mandant als Aufklärungscoach gesehen. In etwa 90 Prozent der Fälle sei sein Mandant geständig, erklärt sein Anwalt, der von „Grenzüberschreitungen“ spricht.

„Ist nicht pädophil“

Der Vorwurf des schweren Missbrauchs sei jedoch falsch. Jene fünf Eingriffe seien medizinisch injiziert gewesen. Diese habe der Urologe auch in den jeweiligen Arztbriefen dokumentiert, die unter anderem an die Eltern ausgegeben wurden. „Mein Mandant wäre doch nicht so blöd und würde seine sexuellen Übergriffe dokumentieren“, ist der Verteidiger in jenen Fällen von seiner Unschuld überzeugt.

Schließlich stellt die Richterin  die Schuldfrage: „Ich bekenne mich zu einem Großteil der von mir zur Last gelegten Straftaten schuldig, bedauere es sehr. Ich habe im Rahmen der sexuellen Aufklärung Übergriffe auf jugendliche Burschen begangen“, heißt es vom Angeklagten.

Sein Verteidiger und er wollen jedoch beweisen, dass er nicht pädophil sei – was er laut Gutachter ist – und nicht in eine Anstalt gehöre. Dafür bleiben ihm vier Prozesstage Zeit. Am 10. Juni wird das Urteil der Richterin und der ausschließlich männlichen Schöffen erwartet. Bis dahin ist die Öffentlichkeit vom Prozess ausgeschlossen.

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