Superintendent Gerold Lehner

© honorarfrei/Josef Ertl

500 Jahre Reformation
01/08/2017

"Mensch muss vor Gott nicht durch seine Leistung bestehen"

1517 verfasste Martin Luther seine 95 Thesen. Die evangelischen Kirchen feiern heuer weltweit 500 Jahre Reformation unter dem Motto "Freiheit & Verantwortung". Ein Gespräch mit Gerold Lehner (54), Superintendent in OÖ.

von Josef Ertl

KURIER: Hat Martin Luther Gutes in die Welt gebracht?Gerold Lehner: Ja, auf jeden Fall. Er war jemand, der sich um das Gute bemüht hat. Luther war ein zu tiefst religiöser Mensch. Er ist ins Kloster gegangen um diesen Weg in letzter Konsequenz zu gehen. Wenn wir über die Reformation reden, muss man zur Kenntnis nehmen, dass er Katholik war durch und durch. Er ist im Augustinerorden aufgestiegen, er ist Distriktsvikar geworden und war für zehn Klöster zuständig. 1511 ist er als Vertrauensmann in einer Mission des Ordens nach Rom geschickt worden. Der Orden hat ihn zum Theologiestudium abgeordnet und ihn gefördert. Er promovierte und wurde Professor an der neuen Fakultät in Wittenberg.

Er hat den Glauben ernst genommen und ist aus dem heraus zum Reformator geworden. Denn es sind ihm Probleme begegnet, denen er nicht ausweichen wollte. Und er war der Überzeugung, mit seiner Kritik auf Seiten des Papstes zu stehen. Der Spruch des Ablasspredigers Johann Tetzel lautete: Sobald der Gulden im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt.

Aus der Ablasspraxis ist ein Ablasshandel geworden. Bußleistungen haben eigentlich damit zu tun, dass man versucht hat, in Bezug auf die Schuld, die man auf sich geladen hatte, seine Reue unter Beweis zu stellen, "Wiedergutmachung" zu leisten. Diesen Weg hat man mit den Ablassbriefen, die zu kaufen waren, abgekürzt und pervertiert. Aus der Bußleistung war nun ein Handel geworden: Geld gegen Nachlass. Das Geld diente zur Finanzierung des Baus des Petersdoms.

Der Papst hatte das Projekt von seinem Vorgänger übernommen und er wollte nicht mitten drinnen stecken bleiben. Er hatte gewaltigen Geldbedarf. Was sind die wesentlichen Punkte, die sich durch Luther geändert haben?

Es fand eine Rückkehr zu den Wurzeln statt. Die evangelische Kirche orientiert sich in erster Linie an der Bibel. Was immer kirchlicher Glaube, Tradition etc. ist, muss stets in Kontinuität mit Leben und Lehre Jesu, in Übereinstimmung mit dem Neuen Testament stehen. Aus diesem Ursprung heraus erwächst das Lebendige. Re-Formation ist immer eine Umkehrbewegung: zurück zu den Quellen, zurück zum Ursprung.

Das Zweite ist, dass die Gnadentheologie Luthers eine unglaublich befreiende Wirkung gehabt hat. Er hat erkannt, dass der Mensch Gott nicht moralisch kommen kann, so als wären wir "eh in Ordnung". In uns steckt so viel Zerstörerisches. Und noch unsere besten Handlungen sind angekränkelt von fragwürdigen Beweggründen. Wenn Gott Richter ist, dann läuft die Sache mit uns Menschen immer auf eine Verurteilung hinaus. Aber Gott ist gnädig. Nicht wegen uns. Sondern weil sein Sohn, der Gekreuzigte und Auferstandene, für uns eintritt.

Salopp formuliert. Weil Jesus uns mitbringt und sagt, Vater, das sind meine Freunde, schaut Gott nicht auf unser Erscheinungsbild, sondern auf die Zuneigung seines Sohnes zu uns. Wegen ihm sind wir bei Gott herzlich willkommen. Das ist eine unglaubliche Befreiung, denn der Mensch kann und muss vor Gott nicht durch seine Leistung bestehen.

Was macht die moderne Gesellschaft? Sie definiert den Menschen zum größten Teil über seine Leistungsfähigkeit. Im Christentum hingegen ist der Mensch über die Zuneigung definiert, mit der Gott sich ihm zuwendet. Und alles Tun des Menschen, das im Lichte dieser Zuneigung geschieht, ist Dienst an Gott. Dienst vor Gott ist nicht nur das Singen des Stundengebetes, sondern auch das Wechseln der Windeln. Das ist eine enorme Aufwertung des "weltlichen" Lebens gewesen. Gott diene ich nicht nur als Mönch, sondern gerade auch in meinem Tun als Bauer, Handwerker und Bürgermeister. Die Gewissensfreiheit ist zweifellos durch Luther gestärkt worden.

Gewissensfreiheit bedeutet die Freiheit ein Gewissen zu haben und für die eigene Überzeugung einzutreten, egal was es mich kostet. Luther soll beim Reichstag in Worms gesagt haben, hier stehe ich und kann nicht anders...

...wenn ich nicht durch die Heilige Schrift oder klare Gründe der Vernunft überzeugt werde. Das ist die Instanz des Gewissens. Ihr zu folgen ist eine Entscheidung. Gerade dann, wenn sie mich in den Widerspruch zur herrschenden Meinung führt und ich den Preis dafür zu zahlen habe. Gewissensfreiheit ist nichts Billiges. In autoritären Strukturen merkt man sehr schnell, dass Gewissensfreiheit etwas kostet.

Es war charakteristisch für Luther, dass er gesagt hat, meine Bindung ist die an das Wort Gottes und an die Vernunft. Wenn die Kirche dem widerspricht, gehorche ich dem Gewissen mehr als dem, was mir die Kirche sagt. Das war in der Zeit das Revolutionäre, weil damit die mittelalterliche Kirche hinterfragbar geworden ist, was aber eigentlich klar ist. Denn die Kirche lebt in der Nachfolge Jesu und nicht nach ihrer eigenen Agenda. Luther hatte auch seine negativen Seiten, zum Beispiel seine antisemitischen Äußerungen.

Ja. Das ist ein bitteres Kapitel. Luther wächst in einem antisemitischen Umfeld auf. Seine große Hoffnung war, dass den Juden, wenn sie begreifen, wie das Christentum wirklich ausschaut, die Augen aufgehen und sie Christen werden. Das konnten sie aber bis jetzt nicht (so sagt er), denn wir haben sie "wie Hunde und Schweine behandelt". Durch die Missstände in der katholischen Kirche haben die Juden das wahre Christentum auch nie erkennen können.

Luther hat eine freundliche Schrift verfasst, "dass Jesus ein geborener Jude sei". Er hat die eigene Kirche vehement für den Umgang mit den Juden kritisiert und gesagt: lasst sie uns als Brüder behandeln! Es wäre fantastisch gewesen, wäre er dort stehen geblieben.

Dann kommt die Phase, wo er merkt, so einfach ist die Sache mit den Juden nicht. Auch wenn er die Arme ausstreckt, werden sie deswegen nicht Christen. Das will er nicht verstehen. Er beginnt sich massiv abzugrenzen und sagt, die Juden sind verstockt, sie sind von Gott verworfen. Sie sind sogar gefährlich für uns, denn sie können ansteckend wirken. Dann fängt er an sie zu beschimpfen und zu verurteilen. Er fordert die Räte und Fürsten auf, ihre Synagogen nieder zu brennen, ihre Bücher zu verbrennen, sie zur Zwangsarbeit heranzuziehen. Mit dieser bösen Judenfeindschaft stirbt er.

Die evangelische Kirche der Gegenwart hat diese Position als häretisch verworfen und hat sich an dieser Stelle ganz klar von ihm abgegrenzt.Es ist natürlich eine enorme Belastung, wenn der Religionsgründer solche Äußerungen von sich gibt.

Luther ist kein Religionsgründer. Das ist ein Missverständnis. Wir sind Christen und berufen uns auf Christus. Luther ist einer von vielen im Lauf der Kirchengeschichte, die Reformen angestoßen, ihre eigene Kirche gemahnt und erneuert haben.

Seine Haltung ist eine Belastung. Aber sie relativiert sich, wenn man Luther als den nimmt, der er war und sein wollte: Ein Bruder, der mit uns und neben uns vor Christus steht. Nicht als einen, der als Heiliger zwischen uns und Christus steht, weil er das große Vorbild wäre.

Ich lese seine Schriften. Sie sind auch inspirierend, tröstend, herausfordernd. Aber ich lese ihn genauso wie er gelesen werden wollte. Nämlich von Christus her. Das Gute von Luther nehme ich dankbar an, dem anderen kann und darf ich widersprechen. Nicht anders hätte er es gewollt. Was ist heute der Hauptunterschied zwischen der evangelischen und der katholischen Kirche?

Provokant gesagt, es gibt heute keine wesentlichen Unterschiede mehr. In vielen wesentlichen Fragen, was oft vergessen wird, waren wir uns immer einig. Und viele wesentliche, nämlich trennende Unterschiede haben wir in den vergangenen Jahrzehnten so weit geklärt und aufgearbeitet, dass sie uns entweder nicht mehr trennen, oder, bei gutem Willen von beiden Seiten, nicht mehr trennen müssten.

Fragen wie jene nach dem Zölibat werden innerhalb der katholischen Kirche selbst kontrovers diskutiert. Der Zölibat ist keine Glaubensfrage, sondern eine pragmatische, die tausend Jahre lang auch innerhalb der katholischen Kirche anders beurteilt wurde als heute.

Natürlich gibt es Differenzen. Wenn man sagt, Jesus hat nur männliche Jünger gehabt, deswegen kann es nur männliche Priester geben, wie das Johannes Paul II. festgeschrieben hat, dann wird es für die katholische Kirche schwieriger sich weiterzuentwickeln und schwieriger im ökumenischen Gespräch.

Stärke und Schwäche der katholischen Kirche ist auch das Papsttum. Eine Stärke ist es, wenn es so wie jetzt gelebt wird, wenn eine glaubwürdige Person an der Spitze steht. Wenn sie eine weltweite Klammer bilden kann, ist das etwas Beeindruckendes. Demgegenüber erscheint der "Fleckerlteppich" des Protestantismus eher mühsam. Aber das kann sich auch ins Gegenteil verkehren. Wenn an der Spitze Personen stehen wie etwa die Renaissancepäpste, die sich als Feldherren verstanden und Kriege führten, dann gerät die Kirche in die Krise. Von den 1,454 Millionen Oberösterreicherinnen und Oberösterreichern bekennen sich 50.124 Gläubige zur Evangelischen Kirche (Augsburger Bekenntnis). Was ist der Beitrag der Evangelischen Kirche in der modernen Gesellschaft?

Der Grundbeitrag der evangelischen Kirche ist, und da berühren wir uns mit allen christlichen Kirchen, das Bewusstsein wach zu halten, dass der Mensch sich selbst nicht genügt, dass er nicht Herr dieser Erde ist. Wir sind hier im guten Sinn Haushalter und Verwalter. Wir sind nicht die Herren, die tun und lassen können, was sie wollen. Das kann nur von den Kirchen kommen, weil sie sagen: Mensch, Du bist ein Geschöpf und über Dir steht der Schöpfer, von dem her du kommst und auf den Du zugehst. Er wird Dich fragen, Mensch, was hast Du mit dem getan, was ich Dir anvertraut habe?

Ein weiterer Beitrag der Kirchen wäre ein anderer Umfang mit Fehlern. Schauen Sie sich die Politik an. Fehler darf man nicht zugeben, sie werden unter den Teppich gekehrt oder man sagt, die anderen sind schuld. Eine Vergebungskultur wäre unglaublich befreiend.

Die Kirche setzt sich ein für Menschen mit wenig Rechten, für Menschen, die auf der Flucht sind. Die Generalsynode hat vor kurzem einen Protest an die Politik gerichtet, mit den Flüchtlingen nicht so umzugehen, dass die geleistete Hilfe der Zivilgesellschaft nicht ad absurdum geführt wird. Es gibt Bestrebungen, die Einheit der Christen wieder her zu stellen. Braucht es diese Einheit überhaupt? Ist nicht die Vielfalt besser?

Für mich ist das kein Widerspruch. Beides gehört zusammen. Uniformität ist nicht das Bild von Einheit. Selbst wenn es eine Einheit gibt, werden die Kirchen verschieden "schmecken" und ihre besondere Gestalt haben. Nehmen sie als Beispiel die verschiedenen Kirchengebäude, die es gibt: Romanische Kirchen, gotische Dome, Kirchen der Moderne, etc. Könnte man im Ernst sagen, wir legen uns auf nur eine Richtung fest? Der Neue Dom ist beeindruckend, aber die Martinskirche aus dem 8. Jahrhundert ist es auf ihre eigene Art auch. Es gibt das Band der Einheit und es muss es geben, aber in ihr existiert eine große Vielfalt.

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