Primar Bernd Lamprecht beim Interview im Park des Kepler Universitätsklinikum

© HERMANN WAKOLBINGER

Chronik Oberösterreich
08/01/2021

„Manche fürchten die Sonnencreme mehr als den Sonnenbrand“

Die vierte Corona-Welle ist nur eine Frage der Dimension, sagt der Linzer Lungen-Primar Bernd Lamprecht. Wer nicht geimpft sei, werde mit Sicherheit vom Virus angesteckt.

von Josef Ertl

Bernd Lamprecht (45) ist Vorstand der Klinik für Lungenheilkunde an der Linzer Kepler Universitätsklinik und Spezialist für Corona.

KURIER: Sie haben nun den Erwin-Wenzl-Preis erhalten. Sie haben Ihre Prüfungen fast alle mit Auszeichnung gemacht. Sind Sie ein Vorzugsschüler?

Bernd Lamprecht: Ich war ein guter Schüler, weil es mich interessiert hat und weil ich gerne gelernt habe. Die Freude am Lernen bleibt uns in der Medizin erhalten. Das ist ein lebenslanger Prozess, wir lernen jeden Tag dazu. Spannend an Corona ist, dass es in den vergangenen eineinhalb Jahren über 150.000 sogenannte Peer-Reviewed-Publikationen gegeben hat. Das ist das Gütesiegel, das heißt, es haben mehrere das kontrolliert, was publiziert wurde. Das sind pro Tag 300 neue Arbeiten nur zum Thema Corona-Erkrankung. Wenn man nur einen Teil davon erfassen kann, ist man schon sehr beschäftigt.

Ihr Auftreten ist stets perfekt, immer mit Krawatte. Das ist Ihr Habitus.

Das ist für den Beruf passend. Privat ist das nicht immer so. Andreas Khol hat einmal in einem Interview gesagt, Krawatte ist ein Teil des Berufs. Wenn er einmal keine Krawatte trägt, erkennt man, dass er privat ist. Das ist bei mir durchaus ähnlich.

Wie erhalten Sie sich Ihre Immunität gegenüber dem Virus, wie halten Sie sich fit?

Der Ausgleich ist Bewegung und ein möglichst gesunder Lebensstil. Das heißt nicht Rauchen, kein übermäßiger Alkoholkonsum, kein belastendes Essen.

Essen Sie Fleisch?

Ja, sogar gerne. Auch in Maßen. So wie Paracelsus gesagt hat, die Dosis macht das Gift. Man kann alles genießen. Bewegung mache ich gerne mit der Familie. Wandern ist eine Leidenschaft, auch Bergsteigen. Im Winter Skifahren.

Eine Ihrer Stärken ist die Kommunikation. Sie sprechen klar und verständlich, ruhig und gelassen, Sie sind in der Lage, komplexe Sachverhalte so zu übersetzen, dass Sie jeder versteht. Ist das eine natürliche Gabe oder haben Sie Schulungen absolviert?

Es ist vielleicht ein wenig Talent dabei, dann über die Zeit sehr viel Übung. Die Visite ist eine Übungsmöglichkeit, nämlich Patienten Sachverhalte so zu erklären, dass sie sie gut nachvollziehen können. Meine Erfahrung ist, dass Patienten und Menschen, wenn sie Sachverhalte gut verstehen, beruhigter sind und mehr Sicherheitsempfinden haben. Das ist, so glaube ich, es geortet zu haben, auch in der Pandemie entscheidend.

Sachverhalte sind wie in vielen anderen Bereichen auch in der Medizin komplex. Sie können aber auch nachvollziehbar dargestellt werden. Albert Einstein soll gesagt haben, wenn du etwas nicht einfach erklären kannst, hast du es selbst nicht gut genug verstanden.

Die Infektionszahlen steigen wieder. Besorgt Sie das?

Es ist nicht überraschend. Ein großer Teil der Bevölkerung ist nicht geschützt. Es war zu erwarten, dass bei mehr Kontakten, auf die wir uns alle gefreut haben, die Infektionszahlen wieder steigen. Wir müssen nun lernen, mit den höheren Zahlen professionell umzugehen. Wir dürfen weder in Panik noch verfallen noch etwas verschlafen. Diesen Grat zu beschreiten, ist die große Anforderung. Jetzt betreffen die Infektionen primär jüngere Menschen mit einem geringeren Risiko, schwer zu erkranken. Es wird keine Übersetzung der Infektionszahlen in Krankenhausbelagszahlen geben.

Die durch die Impfung sehr mühsam erreichte Immunität könnte nachlassen. Wir dürfen den Zeitpunkt nicht übersehen, Menschen rechtzeitig sagen zu können, wer womit eine Auffrischung brauchen wird. Das steht noch bevor.

Experten sprechen von einer Impfquote von 85 Prozent, um Corona in den Griff zu bekommen.

Bei der ursprünglichen Variante sind wir von einer Herdenimmunität von zwei Drittel ausgegangen, damit es keine heftigen Infektionswellen geben kann. Inzwischen haben wir es mit dem Delta-Virus zu tun, das 50 bis 60 Prozent infektiöser ist als die zuletzt vorherrschende Alpha-Variante. Und diese war schon 50 Prozent infektiöser als die Ausgangs-Variante. Je leichter das Virus übertragbar ist, umso höher müsste der Prozentsatz der Bevölkerung sein, der geschützt ist, um größere Infektionswellen nicht zuzulassen. Da wurde berechnet, dass man 85 Prozent der Bevölkerung brauchen würde, damit ein so infektiöses Virus keine relevanten Wellen schlagen kann.

Wie sollen sich die Menschen nun verhalten?

Ich rate, die Impfung in Anspruch zu nehmen, denn sie ist zweifellos ein verlässlicher Schutz vor einer schweren Erkrankung und einer Krankenhausbehandlung, und sie kann die Weitergabe des Virus, die sogenannte Transmission, reduzieren. Nicht auf null Prozent, aber erheblich.

Sollen Kinder geimpft werden?

Es gibt nun zwei Impfstoffe, die für Kinder ab 12 Jahren verabreicht werden können. Die Impfstoffen haben sich in Studien als hocheffizient gezeigt, eine Effektivität von 100 Prozent. Und sie haben sich bisher als sehr sicher gezeigt.

Ein Zahlenbeispiel, weil sich Menschen vor Nebenwirkungen fürchten. Bei Impfstoff Biontech/Pfizer hat man gesehen, dass es zu Herzmuskelentzündungen kommt. Es sind 14 Ereignisse pro einer Million Impfungen. Bei der Infektion mit einem Virus bekommen 0,6 Prozent der Infizierten eine solche Herzmuskelentzündung. Das wären bei einer Million 6000. Die Menschen sollten bedenken, welche Risiken in welcher Relation stehen.

Für die Kinder und Jugendlichen wird es im Herbst darum gehen, ob ein Präsenzunterricht gut funktionieren kann. Ich habe den Eindruck, dass das nicht nur vielen Kindern, sondern auch vielen Eltern sehr wichtig ist. Es gibt eine Studie der Universität Frankfurt, die ergeben hat, dass das Homeschooling ungefähr so viel gebracht hat wie Sommerferien.

Viele sind bereits zweimal geimpft. Wird eine dritte Impfung notwendig sein?

Sie wird für jene zweifellos notwendig sein, die älter sind und ein geschwächtes Immunsystem haben. Wir haben das bei anderen Impfungen auch, wie zum Beispiel bei der Zeckenimpfung. Da gibt es die Empfehlung, dass Menschen über 65 alle drei Jahre auffrischen sollen, während Menschen, die jünger sind, das nur alle fünf Jahre tun müssen.

Es wird sich zeigen, ob andere immunkompetente Menschen nach neun Monaten eine Auffrischung benötigen oder der Zeitraum ausgedehnt werden kann. Da laufen derzeit eine Reihe von Analysen und Untersuchungen.

Der Staat hat seine Schuldigkeit getan, indem er die Impfungen bezahlt. Jetzt liegt es an jedem Einzelnen, Vorsorge zu treffen.

Ich glaube schon, dass jetzt die Phase ist, wo es mit sehr viel Eigenverantwortung weitergehen muss. Wer sich schützen möchte, hat jetzt die Möglichkeit gehabt oder hat sie noch, über die Impfung einen sehr verlässlichen Schutz zu erreichen. Wer das bewusst nicht in Anspruch nehmen möchte, hat immerhin noch die Möglichkeit, eine Maske zu verwenden und Abstand zu halten.

Chronisch kranke Menschen sind jene Gruppe, die Schutz durch die Gesellschaft brauchen. Zum Beispiel Menschen mit einer Organtransplantation. Sie können durch die Einnahme von Medikamenten und trotz Impfung keinen perfekten Schutz erreichen. Sie müssen jetzt stärker auf sich selbst aufpassen.

Sie sagen, früher oder später wird jeder vom Virus angesteckt. Es gibt doch eine erhebliche Gruppe von Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen. Das bedeutet, dass sie alle das Virus bekommen werden.

Das ist absolut zu erwarten. Viele davon werden einen milden Verlauf haben, manche werden gar keine Symptome haben. Aber andere laufen Gefahr, einen schweren Verlauf zu erleben. Wir haben gesehen, dass auch jüngere Menschen ohne Vorerkrankung schwer erkranken können. Dieses Restrisiko bleibt. Es gibt Menschen, die fürchten sich mehr vor der Sonnencreme als vor dem Sonnenbrand. Das muss man akzeptieren.

Haben wir die Pandemie schon besiegt?

Ich habe schon den Eindruck, dass von der wissenschaftlichen Seite her der Sieg sicher ist, weil es gelungen ist, wirksame Impfungen zu entwickeln. Mit der jetzt bestehenden Impfstoffplattform sind geringfügige Änderungen an den Impfstoffen möglich, um sich an Virusvarianten anzupassen. Wir haben für jede Grippe jedes Jahr einen neuen Impfstoff, der über ein paar Monate gebastelt wird, um bestmöglich für die Virusvariante zu passen. Das kann uns den Schrecken vor Corona nehmen.

Wir wissen noch nicht, ob die jetzige Impfung nicht doch auch eine längere Zeit anhält. Selbst wenn wir auffrischen müssen, wäre das das kleinere Übel, um ein normales gesellschaftliches Zusammenleben zu erlauben.

Bei unserem Gespräch vor 15 Monaten haben Sie gewarnt, die Bäder zu früh zu öffnen. Im Herbst ist dann die große Welle gekommen. Wird das heuer auch wieder passieren?

Ich erwarte dasselbe nicht mehr. Denn nun ist, anders als im Sommer 2020, bereits ein großer Teil der Bevölkerung geimpft. Es ist vor allem der Teil der Bevölkerung geschützt, der das Risiko eines schweren Verlaufs hat. Die Impfquote ist gerade bei der älteren Bewölkung und bei den Menschen mit chronischen Erkrankungen sehr hoch.

Dass eine vierte Welle kommt, ist nicht eine Frage des ob, sondern der Dimension. Aber wir denken, dass die Infektionszahlen nicht mehr im selben Verhältnis zu den Krankenhausbelagszahlen übersetzt werden. Damit ist schon sehr viel geholfen.

Wie wird es mit der Maskenpflicht weitergehen?

Ich würde die Masken, die jetzt zu Hause verfügbar sind, noch aufbewahren. Ich gehe davon aus, dass wir sie noch einmal brauchen werden. Es wird Bereiche geben, wo sie weiterhin Sinn machen. Zum Beispiel im Gesundheitsbereich. Hier treffen sich viele Menschen, die ein geschwächtes Immunsystem haben. Es ist auch sehr gut nachvollziehbar, dass die Maskenpflicht in den Bereichen gilt, wo alle hinmüssen, zum Beispiel im Supermarkt. In anderen Bereichen wie zum Beispiel im Theater ist es möglich, auf die Maske zu verzichten, Ich persönlich hätte gefunden, dass dort, wo kein 3-G gilt, in Innenräumen die Maskenpflicht kein Fehler gewesen wäre, solange wir keine höhere Impfquote haben. Wenn wir Abstand davon nehmen, braucht es mehr Eigenverantwortung. Jene, die persönlich ein höheres Schutzbedürfnis haben, werden die Maske selbst verwenden müssen.

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