Chronik | Oberösterreich
12.11.2017

"Luther ist uns fremd geworden"

Der evangelische Superintendent zieht Bilanz über das Jubliäumsjahr 500 Jahre Luther.

Gerold Lehner (55) ist seit 2005 Superintendent der evangelischen Kirche in Oberösterreich.

KURIER: Welche Bilanz des Reformationsjahres 500 Jahre Luther ziehen Sie?Gerold Lehner: Nochkann ich sie nur sehr eingeschränkt ziehen und sie soll ja nicht an den Zahlen hängen bleiben. Wir hatten in unserer Diözese 157 spezifische Veranstaltungen. Mit den Ausstellungen im Museum Rutzenmoos, in Steyr und in Linz hatten wir insgesamt rund 20.000 Besucher. Das ist für unsere kleine Kirche mit 34 Gemeinden viel und ein Grund zur Freude.

Welche geistigen Impulse sind ausgegangen?

Diese Frage ist naturgemäß schwieriger zu beantworten. Es gingen viele Impulse in Richtung der Fragen aus: Wer sind wir überhaupt, woher kommen wir und was ist von der Wurzel her unser Auftrag? Protestant zu sein heisst für etwas einzustehen. Damit sind kritische Perspektiven und Grenzziehungen verbunden. Wofür trete ich ein und wogegen trete ich auf?

Können Sie mir ein Beispiel nennen?

Wir glauben an einen Gott, der diese Schöpfung ins Dasein gerufen hat. Das heißt, als Mensch die eigene Rolle in ihrer Begrenztheit zu akzeptieren. Im Sinne eines echten Ökonomen, eines Haushalters und nicht im Sinnes eines Eigentümers zu denken. Als jemand zu handeln, der mit den Ressourcen achtsam umgeht und der weiß, dass sie nicht ihm gehören, er aber verantwortlich für sie ist.

Eigentümer oder Haushalter, das sind zwei völlig konträre Bilder. Wenn ich an einen Gott glaube, lebe ich in einer Verantwortung ihm gegenüber.

Es hat mehrere gemeinsame Veranstaltungen mit der römisch-katholischen Kirche gegeben. Ist es zu einer Annäherung gekommen?

Bischof Michael Bünker und Christoph Kardinal Schönborn haben vom Ansteigen des gemeinsamen Grundwasserspiegels gesprochen. Das, was wir bereits erreicht hatten, ist von unten her aufgefüllt worden. Das Miteinander ist stabiler geworden, aber wir haben auch neu die Aufgaben gesehen, die noch vor uns liegen. Wir müssen die entscheidenden Punkte angehen. Vor allem die gemeinsame Feier der Eucharistie.

Ist die Einheit der Christen überhaupt wünschenswert? Ist nicht die Vielfalt wertvoller?

Man darf diese Aspekte nicht gegeneinander ausspielen. Es sind im 20. Jahrhundert die Wege zwischen den verschiedenen Kirchen sehr gut auf- und ausgebaut worden. Muss nun die evangelische Kirche ihr Haus aufgeben und im katholischen einziehen? Oder umgekehrt? Die Vielfalt ist tatsächlich ein Wert, weil es eine Vielfalt verschiedener Gaben ist. Die Ausprägungen waren ja nicht willkürlich, sondern sie sind wichtig für das Ganze. Dieses soll langsam zusammenwachsen, sodass man schließlich ein Konglomerat vor sich hat, wo man merkt, wir sind nicht mehr getrennt, sondern wir befinden uns unter einem Dach. Aber Zusammenwachsen muss es trotzdem. Man kann dann nicht so agieren, dass man jedes Mal, wenn es um das gemeinsame Mahl geht, wir wieder in unsere eigenen Häuser gehen.

Die gemeinsame Eucharistie ist ein Knackpunkt?

Ja, sie ist ein Knackpunkt. Sie löst aber die Vielfalt nicht auf. Es wird die verschiedenen Profile und Gaben geben, aber sie werden nicht mehr gegeneinander stehen. Sie sind aufgehoben in dem, was wir den Reichtum und die Fülle Gottes nennen. Sie ist immer größer als die jeweils einzelne Gestalt.

Was bleibt von Luther? Religiös und gesellschaftlich?

Ich gehe hier auf das Urprotestantische zurück. Woran mache ich mich fest? Wo sind meine zentralen Überzeugungen? Hier muss man selbstkritisch festhalten, dass uns Luther auch in der evangelischen Kirche vielfach fremd geworden ist. Und das nicht zu unserem Vorteil. Für ihn sind die Menschen und diese Welt nur im Gegenüber zu Gott verstehbar. Daraus leitet sich viel ab. Heute tut man sich damit viel schwerer. Versuchen Sie etwa, der heutigen Gesellschaft zu vermitteln, dass es am Ende so etwas wie ein Gericht geben könnte. Da regt sich viel Widerspruch.

Das würde vermutlich kaum akzeptiert werden.

Es ist aber spannend, weil mit der Frage des Gerichts unmittelbar die Frage der Verantwortung verbunden ist. Ist der Mensch auf jemanden hin angelegt, dem er Rechenschaft schuldig ist? Oder ist er nur sich selbst Rechenschaft schuldig?

Die Rechtfertigungslehre wird heute manchmal trivialisiert, hin zu einem ich bin okay, Du bist okay, Gott nimmt Dich so wie Du bist. Das ist aber weder die Rechtfertigungslehre der Reformation noch die des Paulus Wir nehmen heute oft die Kategorie der Schuld und des Gerichts heraus. Indem ich Schuld irgendwie wegtue, negiere und verleugne ich sie. Damit fällt aber dann auch das befreiende Erlebnis der Vergebung weg. Das aber war eine der zentralen Entdeckungen der Reformation. Der Mensch wird schuldig, aber er kann durch die Vergebung Befreiung erfahren und aufatmen.

Heinrich Bedford-Strohm, der Vorsitzende der Evangelischen Deutschlands, sagte bei der großen Reformationsfeier in Wittenberg, dass es Luther um die Befreiung des Menschen gegangen ist. Einmal in religiöser Hinsicht als Befreiung vor der Angst vor einem strafenden Gott, sowie von dem Druck, sich das Heil selbst verdienen zu müssen.

Wenn wir von Freiheit reden, dann müssen wir immer das Ganze der Freiheit im Blick haben. Die Freiheit des Christenmenschen hat einen doppelten Aspekt. Der Christenmensch ist ein freier Herr und niemanden untertan. Und ein Christenmensch ist dienstbarer Knecht und allen untertan. Mit diesen beiden paradoxen Sätzen arbeitet Luther. Das ist auch die moderne Sprengkraft. Eine Leistungsgesellschaft, die den Menschen über die Leistung definiert, steht im diametralen Gegensatz zur reformatorischen Botschaft. Der Mensch hat seine Würde nicht aus sich selbst heraus. Sondern sie wird von Gott zugesprochen. Dadurch ist sie auch unverletzbar. Denn sie ist nicht vom Menschen abhängig, nicht vom geistigen oder körperlichen Zustand oder von Zuschreibungen. Wer spricht denn die Würde zu? Ein Staat, der sie je nach Interessen wieder verändert?

Auf der einen Seite steht die Befreiung, auf der anderen Seite geht’s darum dienen zu können. Zur Freiheit gehört, sich den anderen zuzuwenden und den Menschen zu dienen. Das hat für mich mehr Farbe und Leben als dieses blasse Satz, der Mensch ist frei geworden von Zwängen. Frei werde ich dann, wenn ich aus etwas, für etwas leben kann.

In unserem Gespräch vom 4. Juni ging es um die Bauernkriege im Zuge der Reformation. Sie haben die Gewaltanwendung der aufständischen Bauern hinterfragt, weil diese im Widerspruch zur Gewaltlosigkeit von Jesus steht. Es gab von einigen negative Reaktionen.

Ich habe Verständnis für die Reaktion der Bauern gegen ihre Unterdrückung. Trotzdem muss es erlaubt sein, kritsche Fragen zu stellen. Wann immer Christen, mit welcher Rechtfertigung auch immer, zu Waffen greifen und Gewalt anwenden, stehen wir vor einem grundlegenden Problem. Weil wir uns im Widerspruch zu dem befinden, was Jesus gewollt und getan hat. Wenn wir das nicht mehr sehen können, macht mir das Sorgen. Das wäre ein problematischer blinder Fleck. Wir haben uns dem auch in Hinblick auf unsere eigene Identität zu stellen. Diese Frage ist nicht nur erlaubt, sondern sie ist geradezu geboten.

Vor allem in den USA gibt es stark fundamentalistische Ausprägungen protestantischer Kirchen. Wie sehen Sie diese?

Viele, die sich weltweit als protestantische Kirchen sehen, haben diese starke Berufung auf die Bibel. Es ist die Spielart des protestantischen Fundamentalismus, der sagt, die Bibel ist von A bis Z in allen ihren Teilen das irrtumslose und widerspruchsfreie Wort Gottes. Da sehe ich einen fundamentalen Fehler, weil man nicht begreift, dass die Bibel wie eine Landschaft ist, wo sich nicht alles auf derselben Höhe befindet, dass sie wie eine Geschichte ist, mit einem Zentrum und einer Peripherie.. Denken Sie an das Gleichnis des verlorenen Sohnes. Das Zentrum ist, jemand verschleudert sein Erbe und wird trotzdem vom Vater wieder aufgenommen. Das Zentrum ist nicht die Aussage, dass es dem Sohn so schlecht ging, dass er nicht einmal die Eicheln der von ihm gehüteten Schweine essen durfte. Wenn man das nicht versteht, kann man die Geschichte nicht lesen und sie wird schief. Das ist das Problem, das ich beim Fundamentalismus sehe. Ich stelle nicht di e Motivation in Frage, sie mag durchaus hehr sein. Aber was im Ergebnis rauskommt, funktioniert nicht. Das ist eine falsche Sicherheit. Man möchte etwas, was Schwarz auf Weiß und mit 100-prozentiger Sicherheit gültig ist. Aber die Bibel ist kein Gesetzbuch, sondern eine große Erzählung. Diese Erzählung ist wahr, daan glaube ich. Es funktioniert nicht, diese Wahrheit Punkt für Punkt festnageln zu wollen. Das verdirbt gerade die Größe udnWahrheit der Bibel.