Chronik | Oberösterreich
13.05.2018

„Im Dialog kann man mehr einfordern“

Charlotte Herman. Die Vorsitzende der jüdischen Kultusgemeinde plädiert für einen Dialog mit der FPÖ, von der sie mehr Konsequenz erwartet.

Charlotte Herman ist Vorsitzende der jüdischen Kultusgemeinde in Linz. Sie ist Zahnärztin, verheiratet und Mutter dreier Söhne, von denen einer in New York, einer in London und einer in Berlin lebt.

KURIER: Die israelische Botschafterin hat bei der 50-Jahr-Feier zur Wiedererrichtung der Synagoge am 26. April gemeint, es sei für sie schwer nach Linz zu fahren. Wie gehen die Stadt und das Land mit dem Nazi-Erbe um?

Charlotte Herman: Die Vergangenheit wird nicht verleugnet, sondern immer wieder angesprochen. Der Umgang damit ist korrekt und in Ordnung. Man steht dazu, was in Linz war.

Die Botschafterin hat gesagt, sie könne es noch verstehen, dass es keine Mahntafel an Eichmann gebe. Sie könne aber nicht verstehen, dass man keine Gedenktafel an die vertriebenen und ermordeten Juden in Form von Stolpersteinen hat. Hat die Frau Botschafterin Recht?

Sie hat insofern Recht, als dass es keine permanente Art des Gedenkens im öffentlichen Raum gibt.

Um wieviele Personen handelt es sich?

Wir haben auf unserer Tafel in der Synagoge mehr als 190 Personen aufgelistet. Wir haben dann auch noch recherchieren lassen, sodass wir auf knapp 240 Personen kommen. Sie haben keine Grabsteine und deshalb gibt es die Idee, stattdessen Stolpersteine anzubringen. Die Idee dazu gibt es schon länger.

Wir haben mit dem Bürgermeister darüber Gespräche geführt. Wir haben Stolpersteine vorgeschlagen und gesagt, wenn er dagegen sein sollte, möchten wir etwas Gleichwertiges, damit die Opfer namentlich aufgelistet sind. Die namentlich Nennung ist uns wichtig. Stolpersteine sind 10 mal 10 Zentimeter große Messingplatten, die am Boden vor den Wohnhäuser der Opfer angebracht werden. In München hat die Präsidentin der Kultusgemeinde das nicht erlaubt, weil sie sagt, es wird auf die Namen der Opfer gestiegen.

Ihre Meinung?

Ich persönlich finde sie für eine schöne Sache. In Braunau und Wels gibt es diese Stolpersteine.

In Europa flammt der Antisemitismus wieder auf. Sind Sie bzw. die Mitglieder Ihrer Gemeinde damit in Linz auch konfrontiert?

Wir direkt nicht bzw. noch nicht. Es reicht, wenn wir die Medien lesen. Dann kommt das Gefühl hoch, wer weiß, wann das zu uns kommt. Unsere Gemeindemitglieder gehen bis auf eine Familie ohne Kippa, ohne Kopfbedeckung. Sie sind daher nicht als Juden erkennbar.

Die Israelitische Kultusgemeinde in Wien hat einstimmig entschieden, an keinen Gedenkfeiern mit Vertretern der FPÖ teilzunehmen. Landesobmann Manfred Haimbuchner betont, dass es zwischen die Kultusgemeinde hier in Linz und der FPÖ eine normale Einladungspolitik gibt. Wie würden Sie das Verhältnis beschreiben?

Wir haben hier in Oberösterreich auf Landesebene definitiv Kontakte. So ist zum Beispiel der Linzer Vizebürgermeister zur 50-Jahr-Feier der Synagoge gekommen. Es war bisher nichts, wo wir hätten sagen müssen, die oder jene Person hat etwas gesagt oder getan, was nicht in Ordnung gewesen wäre. Es ist ein korrektes Verhältnis. Der Dialog ist wichtig.

Bei der Befreiungsfeier in Mauthausen am vergangen Sonntag hat Oskar Deutsch, der Vorsitzende der Wiener Kultusgemeinde, scharfe Worte zur FPÖ gefunden. Er sprach von den Burschenschaftern als Nachfolger der Vorgänger der Nazis und die FPÖ sei ihr politischer Arm. Hingegen meinte Arik Brauer im KURIER-Interview, es sei ein Fehler, die FPÖ von der Befreiungsfeier auszuschließen. Wie sehen Sie diese Diskussion?

Es gibt in der FPÖ viele mit Äußerungen, die nicht tragbar sind. Den Antisemitismus findet man durchaus in allen Parteien. Ich finde die Israel-Kritiker von der extremen Linken sehr, sehr schlimm. Die FPÖ hat zweifellos ihre schwarzen Schafe. Ich habe einmal in einem Gespräch mit Haimbuchner zu ihm gesagt, es ist wichtig, dass man diese Leute schon aus der Partei ausschließt, bevor sie ihre Äußerungen machen. Eine Verallgemeinerung ist aber auch nicht optimal. Der Dialog ist schon sehr, sehr wichtig. Da stimme ich mit Arik Brauer überein.Wenn ich mit jemandem im Dialog stehe, kann ich mehr von ihm fordern. Ich kann dann sagen, ich bin bereit mit euch zu reden, aber diese und jene Personen haben Dreck am Stecken, mit ihnen gehört etwas gemacht.

Ist die FPÖ eine antisemitische Partei?

So wie sich jetzt die Spitzen präsentieren, nicht. Es gibt dann aber immer wieder die berühmten Einzelfälle, die aus der Mitte der Partei kommen.

Sie halten sie nicht für Einzelfälle?

Sie sind eben keine Einzelfälle. Die Frage ist, wie viele solche Einzelfälle es in den anderen Parteien gibt. Sie werden vielleicht nicht so kritisch gesehen wie jene in der FPÖ, aber es gibt sicher mehr in der FPÖ. Ich vermisse in der FPÖ die Konsequenz. Die Partei hätte zum Beispiel in der Liederbuchaffäre sofort handeln müssen. Die Konsequenzen, die dann oft später passieren, müssten sofort erfolgen.

Israel feiert das 70-Jahr-Jubiläum seiner Staatsgründung. Es werden die Leistungen gewürdigt, aber es kommt auch Kritik. Der Evangelische Oberkirchenrat erinnert daran, dass 1948 rund 700.000 Palästinenser geflohen seien.

Die Palästinenser sind teilweise von sich aus geflüchtet, weil sie Angst gehabt haben. Andererseits sind sie von den arabischen Nachbarstaaten aufgefordert worden, Israel zu verlassen, weil sie Israel wieder erobern werden und die Palästinenser dann zurückkehren können. Manche wollen die Israelis bis heute ins Meer zurück werfen. In diesen Jahren hat es auch 800.000 jüdische Flüchtlinge gegeben, die aus den arabischen Staaten nach Israel geflüchtet sind. Von ihnen spricht niemand. Die palästinensischen Flüchtlinge sind hingegen nirgends so aufgenommen worden wie es sich gehört. Sie wurden nicht integriert. Die Palästinenser sind auch die einzigen Flüchtlinge, die ihren Flüchtlingsstatus vererben können. Auch wenn sie Kinder adoptiert und inzwischen zum Beispiel die jordanische Staatsbürgerschaft haben. Darum gibt es jetzt ungefähr fünf Millionen palästinensische Flüchtlinge. Diejenigen allerdings, die nicht flüchteten, sind israelische Staatsbürger mit allen Rechten, die auch Juden haben. Sogar in der Knesset sind sie vertreten.

Ein Kritikpunkt sind die Ansiedlungen extremer religiöser Juden in traditionell palästinensischen Gebieten.

Es wurden Gebiete, die besitzlos waren, von Israel annektiert und besiedelt. Teilweise sind die Gebiete auch gekauft worden. Aus Gebieten, die zurückgegeben wurden, wie Gaza, wird Israel permanent mit Raketen beschossen. Weltweit gab es immer schon Kriege. Nur von Israel wird immer wieder verlangt, dass es die eroberten Gebiete zurückgibt. Warum verlangt man das nicht von anderen Staaten, die Gebiete erobert haben?