Gerald Silberhumer

© HERMANN WAKOLBINGER

Chronik Oberösterreich
08/22/2021

„Der Aufschwung der Wirtschaft ist nachhaltig“

Europa sollte sich an die Spitze der ökologischen Transformation setzen. Dafür möchte der neue Wirtschaftskammer-Direktor Gerald Silberhumer eine Neuauflage der Investitionsprämie.

von Josef Ertl

Gerald Silberhumer ist neuer Direktor der Wirtschaftskammer (WKOÖ). Der 52-jährige Ottensheimer begleitet Präsidentin Doris Hummer schon viele Jahre. Er arbeitete mit ihr in der Jungen Wirtschaft zusammen, er war ihr Büroleiter, als sie Landesrätin war und nun ist er nach dem Ableben von Hermann Pühringer zum Direktor bestellt worden.

KURIER: Die Wirtschaft boomt. Es wird ein Wachstum von über vier Prozent für das heurige Jahr prognostiziert.

Gerald Silberhumer: Wir können damit zufrieden sein, wie wir aus der Krise herausgekommen sind. Der produzierende Sektor läuft sehr gut. Er ist auch in der Pandemie gut gelaufen. Im Dienstleistungsbereich, wo persönliche Begegnungen notwendig sind, hat es anders ausgesehen. Aber auch hier kann man mit der Entwicklung zufrieden sein.

Den Lokalen und Wirtshäusern dürfte es gar nicht so schlecht gehen. Obwohl sie so lange geschlossen waren, sind so manche schon wieder auf Betriebsurlaub.

Die Menschen gehen Gott sei Dank wieder gerne ins Caféhaus und ins Restaurant. Gut, wenn sich die Branche, die so stark getroffen wurde, erholt.

Ist der derzeitige Wirtschaftsboom wegen der Nachholeffekte nachhaltig oder wird er sich wieder abschwächen?

Wir gehen von einer nachhaltigen konjunkturellen Aufwärtsbewegung aus. Wir sehen aber mehrere strukturelle Herausforderungen. Das brennendste Problem ist der Mangel an Fach- und Arbeitskräften, den wir in Griff bekommen müssen. Bei der digitalen Transformation hat die Pandemie eine starke Schubwirkung ausgelöst. Wir konnten im vergangenen Jahr 5.000 Betriebe (Webshoplösungen, Bezahlsysteme, Cybersicherheit etc.) hier begleiten.

Müssen die Löhne und Gehälter der Mitarbeiter gemäß dem Marktprinzip von Angebot und Nachfrage nicht erhöht werden, um mehr Mitarbeiter zu bekommen? Bzw. die Arbeitsbedingungen verbessert werden, zum Beispiel in der Gastronomie?

Wir glauben nicht, dass das ein Grund für Arbeitskräftemangel ist. Aus internationalen Studien wissen wir, dass die Arbeitszufriedenheit in Österreich und Oberösterreich eine sehr hohe ist, hier gehören wir weltweit zu den führenden Regionen. Das hat auch mit der Kultur und viel mit der Struktur unserer Betriebe zu tun, in denen auf ein gutes, nachhaltiges Verhältnis zu den Mitarbeitern Wert gelegt wird. Die Höhe der Entlohnung hängt von Produktivität der jeweiligen Branche ab. Letztlich ist es die Zahlungsbereitschaft der Kunden, die bestimmt, wie viel in einer Branche verdient werden kann.

Die rückläufigen Geburtenzahlen beginnen sich auf dem Arbeitsmarkt durchzuschlagen. Braucht es nicht mehr Migration, um den Bedarf an Arbeitskräften abzudecken?

Es braucht ein Bündel von Maßnahmen. Es beginnt damit, dass junge Menschen Berufe erlernen, die ihren Neigungen und Begabungen entsprechen. Es ist wünschenswert, dass ältere Menschen länger in Beschäftigung bleiben. Die Erwerbsbeteiligung und wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen soll weiter steigen, indem die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessert wird. Wir glauben auch, dass es in bestimmen Bereichen eine am Arbeitskräftebedarf orientierte Zuwanderung braucht.

Bis dato war es so, dass Unternehmen versucht haben, ältere Mitarbeiter in den Ruhestand zu verabschieden und durch jüngere und billigere Arbeitskräfte zu ersetzen. Wie wollen Sie nun die Menschen länger in Beschäftigung halten? Es gibt Instrumente wie die Altersteilzeit. Es gibt Vorschläge zur Entlastung der Sozialversicherungsbeiträge älterer Menschen, die über ihr Pensionsantrittsalter hinaus in Beschäftigung bleiben. Es braucht schließlich in den Betrieben eine gute Balance zwischen jungen Mitarbeitern und Routiniers, so entsteht kreatives Potenzial.

Um die Frauenerwerbsquote zu heben, braucht es ein flächendeckendes Kinderbetreuungsangebot. Die Arbeiterkammer und die SPÖ sehen hier erhebliche Lücken beim Angebot für Kinder unter drei Jahren.

Das Angebot ist in den vergangenen Jahren massiv ausgebaut worden. Es wurden auch bei den unter Dreijährigen gute Fortschritte erzielt. Dieser Weg soll zügig fortgesetzt werden. Es braucht einen Vertrauensschutz für Eltern, sich auf das Betreuungsangebot verlassen zu können, wenn sie Familie und Beruf vereinbaren wollen.

Start-ups sind im Aufwind. Wie stark sind sie in Oberösterreich?

Wir verzeichnen eine Zunahme an Unternehmensgründungen. In normalen Jahren sind es 5.000, im vergangenen Jahr waren es 6.000. Viele sind im digitalen Bereich tätig. Fast alle nehmen die Dienstleistung unseres Gründerservice in Anspruch.

Es gibt also doch viele Firmengründungen?

Die Gründungen waren in Oberösterreich schon immer erfolgreich, weil sie sich als nachhaltig erwiesen haben. Wir haben hier die besten Werte im gesamteuropäischen Vergleich. Wir haben zu Recht immer gesagt, dass wir die Europameister im Gründen sind. Gründer bereiten sich sehr gewissenhaft vor, wir können hier wichtige Beiträge leisten. Es wird bei uns obligatorisch eine Kalkulation gemacht, und ein Vertriebs- und Verkaufskonzept erstellt. Es freut uns, dass in der Krise noch mehr Menschen den Weg in die Selbstständigkeit gewählt haben als zuvor.

Klimaschutz ist das dominierende Thema, Ihre Organisation plakatiert neuerdings das ursprünglich grüne Thema. Wie können Unternehmen den Klimaschutz bewältigen?

Viele haben das Thema schon früh entdeckt, ob das nun bei der Fotovoltaik oder bei der Kreislaufwirtschaft ist. Während die Produktionsleistung in den vergangenen 20, 30 Jahren deutlich ausgebaut worden ist, sind die Emissionen und der Ressourceneinsatz gesunken. Wirtschaftswachstum wurde vom Ressourcenverbrauch entkoppelt.

Aber es gibt hier noch sehr viel zu tun. Wir wollen einen Schwerpunkt setzen, um die breite Masse der Betriebe dabei begleiten, um neue Technologien und neue Produkte zu entwickeln, die möglichst umweltverträglich sind.

Oberösterreich ist aber das Bundesland mit dem höchsten -Ausstoß.

Oberösterreich ist das industriell führende Bundesland, in dem die meiste Güterproduktion stattfindet, daher wird auch ein entsprechender Einsatz an Energie und Ressourcen benötigt. Um die Effizienz der Produktions- und Verkehrsprozesse weiter zu verbessern, braucht es Investitionen. Der Staat muss dafür den Betrieben die entsprechenden Rahmenbedingungen, etwa zügige Genehmigungsverfahren, bereitstellen.

Unsere Unternehmen stehen im weltweiten Wettbewerb mit Betrieben in Ländern, die sich zu keiner -Reduktion verpflichtet haben.

Unsere exportorientierte Wirtschaft unterliegt einem globalen Kostendruck. Die Betriebe können sich nur innerhalb dieses Rahmens bewegen. Dazu brauchen sie Planungssicherheit, zügige Genehmigungsprozesse und eine attraktive Förderkulisse. Sowohl von der EU als auch vom Bund. Die Entwicklung neuer Technologien ist teuer. Dazu wollen wir die Möglichkeiten des Kapitalmarktes nutzen. Menschen mit Geld sind vermutlich bereit, sich an ökologischen Projekten und Technologien zu beteiligen. Wir arbeiten ebenso daran, eine Entwicklungspartnerschaft zwischen Wirtschaft und Wissenschaft zu formen, um gemeinsam neue Technologien zu entwickeln.

Die EU strebt die Klimaneutralität bis 2050 an. Die Bundesregierung geht noch weiter und will Österreich schon bis 2040 klimaneutral machen. Ist das realistisch?

Das Ziel ist extrem ambitioniert. Wichtig ist jetzt, dass sie die entsprechenden Wege und Mittel zum Ziel formuliert. Die weitere Ökologisierung unseres Lebens ist ein herausfordernder Anpassungsprozess für Betriebe. Es müssen alle Kräfte gebündelt werden.

Wir sehen das aber auch als große Chance, die es zu nutzen gilt. Europa hatte in der digitalen Transformation keine Vorreiterrolle, da waren Nordamerika und Asien schneller. dafür können wir die ökologische Transformation nutzen, vorne zu sein. Das ist eine große Chance für unsere Exportwirtschaft.

Es gibt also von der Politik her zu noch zu wenig konkrete Schritte in der ökologischen Transformation?

Ja. Es braucht, wie gesagt, spürbare Förderungen und rasche Genehmigungsprozesse für Betriebe. Ein sehr positives Signal war hier die Investitionsprämie, die überwiegend von oberösterreichischen Betrieben genutzt worden ist.

Sie ist gut genutzt worden, aber sie ist nun ausgelaufen.

Hier wird es Nachfolgemodelle brauchen, um die Betriebe weiter auf diesem Weg zu begleiten. Die Entwicklung von neuen Technologien ist eine teure und auch riskante Sache. Wenn wir unsere Kräfte bündeln, werden wir das gut lösen.

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