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Chronik Niederösterreich
04/06/2019

Zu Besuch bei den Kobolden: Lehrlinge walzen durch Europa

Junge Niederösterreicher, die eine Lehre absolvieren, lernen international. Nun wird Ruf nach einem bundesweiten Projekt laut.

von Katharina Zach

Es regnet an diesem Mittwoch in Belfast. Wieder einmal. Doch das tut der guten Laune von Florian Markowitsch keinen Abbruch. Bei Wrights Accident and Repair montiert er mit Kollege Neil gerade die Stoßstange eines schwarzen Audi ab. Akkuschrauber kreischen, das Radio dudelt.

„Es ist als ob ich schon drei Jahre da arbeiten würde“, erzählt der 19-Jährige während der nordirisch Kollege Pause macht. Dabei sind es gerade einmal drei Wochen.

Der junge Lehrling für Kfz- sowie Nutzfahrzeug-Technik am Flughafen Wien sowie acht weitere niederösterreichische Auszubildende absolvieren das vergangene Monat im Rahmen der Initiative „Let’s Walz“ ein vierwöchiges Auslandspraktikum.

Ins Leben gerufen wurde das Programm 2017 von der Präsidentin der Wirtschaftskammer NÖ, Sonja Zwazl. Seither konnten 232 Jugendliche im vorwiegend englischsprachigen Ausland ins Berufsleben schnuppern. Auslandserfahrung soll nicht mehr nur Studenten vorbehalten sein.

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Neben dem Arbeiten profitieren die Jugendlichen vor allem von der Fremdsprache, in diesem Fall Englisch, die sie täglich anwenden. Nicht nur im Job, sondern auch bei ihren Gastfamilien. Bevor das Praktikum bei dem ausgewählten Betrieb losgeht, besuchen sie eine Woche lang eine Sprachschule.

Im Herbst startet die dritte Runde von Let's Walz: Niederösterreichische Lehrlinge ab 16 Jahren und dem 2. Lehrjahr können am kostenlosen vierwöchigen Praktikum teilnehmen. Bisher waren Aufenthalte in Großbritannien, Irland, Deutschland, Italien und Tschechien möglich. Nun kommen Spanien und Dänemark dazu.

Probleme haben die jungen Österreicher aber ohnehin kaum. „Ich verstehe fast alles und wenn nicht, dann deuten wir mit Händen und Füßen“, erzählt Markowitsch und deutet grinsend auf Kollegen Neill.  Dass er hier mehr mit Karosserien als mit Motoren zu tun hat, stört ihn nicht. „Ich sag immer, man hat nie ausgelernt“, erklärt er. Er hätte sich das Praktikum aber etwas länger gewünscht.

"Wollen ihn behalten"

Auch Simon Janisch, der daheim eine Bäckerei-Lehre bei Haubis in Petzenkirchen absolviert, bedauert, dass der Aufenthalt zu Ende ist.  Er steht in der winzigen Backstube der Bread and Banjo Bakery und macht Spinatröllchen. „Die Erfahrung, dass ich in einer englischen Bäckerei zurechtkomme, ist gut“, meint er. Es sei auch schön, die Arbeitsabläufe in einem kleinen Betrieb kennenzulernen. „Wir würden ihn gerne behalten“, sagt Kollegin Emma als sie Janisch über die Schulter schaut.

„Er weiß mehr als ich und ich habe den Beruf auch gelernt“, sagt die junge Britin.

Mittlerweile haben Jugendliche aus 66 Lehrberufen Erfahrungen im Ausland gesammelt. Nicht immer sind die Ausbildungen vergleichbar. Das in Österreich etablierte duale System mit Lernen im Betrieb und der Berufsschule hat ein hohes Niveau, das es in der Form nur in Mitteleuropa gibt.

Wie auch die nordirischen Betriebe feststellten. Der 17-jährige Lehrling für Fleischverarbeiter Mario Mitter, der außerhalb von Belfast inmitten saftiger, grüner Hügel bei Armstrong Meats tätig ist, konnte sogar seinem Nordirischen Arbeitgeber etwas beibringen. Während er daheim bei der Fleischerei Winkler-Langgartner die Tiere verarbeiten würde, verpacke er in Belfast vorwiegend nur Fleisch.

„Das Einzige, was sie selber machen, sind Würstel.“ Hier habe er den Kollegen gezeigt, wie sie rascher Würste abdrehen.

Finanziert wird das Projekt Let's Walz von WKNÖ und AKNÖ mit Unterstützung aus dem Erasmus-Programm.  Die Lehrlingsentschädigung wird weiter gezahlt, Betriebe können sich diese ersetzen lassen.

Dass der Ruf der Österreicher, fleißig und effizient zu sein, kein Klischee ist, erlebten hingegen Bürokauffrau Caroline Gally und Bankkaufrau Celina-Christina Stich. „In Irland arbeiten sie sehr langsam“, erzählt Gally, die in Österreich eine Ausbildung bei Tegee Clean & Care absolviert und in Belfast im Büro einer Einrichtung für autistische Kinder arbeitet. „Es ist ein anderes Feeling, voll gechillt.“

Stich hingegen ist statt bei der Sparkasse bei der Steuerberatungskanzlei McIlveen Howard tätig.  „In den ersten zwei Wochen habe ich die Arbeit vom ganzen Monat fertig gehabt“, sagt sie und lacht.

Viele Praktikanten hätten sogar bereits Jobangebote bekommen, heißt es bei der WKNÖ. Für WKNÖ-Präsidentin Zwazl ein Beweis für den Erfolg des Programms. Arbeitsweisen im Ausland kennen zulernen stärke die Persönlichkeit, letztendlich profitiere die Wirtschaft. Daher solle das Programm ausgeweitet werden.

„Auslandspraktika für Lehrlinge sind eine bildungspolitische Angelegenheit. Das heißt für mich, dass hier auch der Bund finanziell gefordert ist“, sagt sie. Für ein einmaliges Auslandspraktikum für Lehrlinge müssten zudem nur 2600 Euro pro Person finanziert werden, ein Schüler in der Oberstufe koste den Staat hingegen 9300 Euro, argumentiert sie.

Ganz abgesehen vom persönlichen Benefit: Die Erfahrung in eine andere Berufssparte hineinzuschnuppern möchte die 19-Jährige Bankkauffrau Stich nicht missen. „Ich glaube, dass es einen persönlich weiter bringt.“ Auch Kfz-Techniker markowitsch nimmt was fürs Leben mit: „Dass ich der Mama jetzt mehr mit der Wäsche helfe, weil ich jetzt gesehen habe, dass das ned so eine leiwande Hacken is.“

Was sie nicht vermissen werden? Das Wetter. Denn daran konnten sich nicht einmal die Österreicher gewöhnen.

 

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