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Verdrängtes Kapitel eines NS-Verbrechens bei Festspielen Reichenau

Der Autor Martin Prinz liefert die Vorlage für die Szenische Lesung von „Die letzten Tage“ bei den Festspielen in Reichenau. Er spricht darüber, warum das dunkle Kapitel nach Jahrzehnten des Schweigens aufgeschlagen wird.
INTERVIEW MIT SCHRIFTSTELLER MARTIN PRINZ

Die Festspiele Reichenau geben in der aktuellen Saison zum 100-jährigen Bestehen des Theaters Lokalgeschichte eine Bühne. Es ist ein dunkles Kapitel, welches dieser Tage aufgeschlagen wird: Jenes von NS-Verbrechen an mindestens 15 Menschen in den letzten fünfeinhalb Wochen vor Kriegsende 1945. Begangen in Reichenau, Prein und Schwarzau, (wieder-) aufgezeigt vom Lilienfelder Autor Martin Prinz, der im Vorjahr den Roman „Die letzten Tage“ veröffentlichte und die Vorlage für die gleichnamige szenische Lesung im Rahmen der Festspiele lieferte. Am Sonntag wurde sie erstaufgeführt.

KURIER: Welche Geschichte – die auf belegten Ereignissen beruht – erwartet das Publikum?

Martin Prinz: Das Gebiet zwischen Rax und Semmering glich einer Insel, die russischen Soldaten machten am 1. April im Osten von Reichenau, bei Payerbach, Halt, sie konzentrierten sich auf Wien und St. Pölten. In das unbeachtete Terrain zogen sich die NS-Regime-Verantwortlichen vom Kreis Neunkirchen zurück und taten so, als ginge alles so weiter wie bisher. Sie zwangen die Einheimischen dazu, andere zu denunzieren, formten Standgerichte, verurteilten die Männer, schickten Frauen in Keller, um sie von 15-jährigen Burschen der Hitlerjugend erschießen zu lassen. Zahlreiche Menschen wurden ermordet – „Die letzten Tage“ widmet sich 15 von ihnen.

Sie haben Ihre Romanvorlage für die Festspiele Reichenau adaptiert, die Inszenierung kommt von Maria Happel, der künstlerischen Leiterin der Festspiele. Wie kam es dazu?

Maria Happel war eine der Ersten, die meinen Roman gelesen hat und hat sich an mich gewandt und gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, daraus etwas für die Festspiele zu machen. Unter anderem, weil es im Roman um die Ermordung der Schwestern Waissnix geht. Sie waren die Enkelinnen der Hotelbesitzerin Olga Waissnix, einer Muse Arthur Schnitzlers. Die Familie war in Reichenau bedeutsam. Um ehrlich zu sein, hatte ich schon beim Schreiben des Romans die Vision, daraus ein Theaterstück zu machen. Ein Gutteil des Romans spielt im Gerichtssaal, das eignet sich gut für die Bühne.

Jetzt wird es als inszenierte Lesung auf der Bühne gezeigt. Ist es schade, dass es nicht als Theaterstück gebracht wird?

Nein, ich finde die Idee des Unfertigen, des noch nicht aus- und durchgespielten total spannend, gerade in Bezug auf das Stück. Man überlässt dort die Kraft des Ganzen den Geschehnissen, man muss dort nichts spielen. Es ist vielleicht sogar angemessener, wenn man an der Stelle, wo das passiert ist, nur liest. Wenige Meter entfernt vom Theater wurde der erste Tote im Kanal der Schwarza gefunden.

15 Schauspieler und Schauspielerinnen bestreiten die szenische Lesung.

75 Minuten für 15 Ermordete in den letzten Kriegstagen.

Bei der Premiere am Sonntag haben auch Sie das erste Mal gesehen, wie das Ensemble um Maria Happel „Die letzten Tage“ umgesetzt hat. Ihr Resümee?

Ich dachte nicht, dass es mich so mitnimmt. Ich habe mich jahrelang mit der Thematik und den Ereignissen beschäftigt. Das erste Mal bin ich vor etwa zehn Jahren damit in Berührung gekommen, habe viel Zeit in den Archiven und mit der Recherche verbracht – und trotzdem ist es mir auf eine Weise nahe gegangen, die ich mir nicht vorstellen hatte können, die Bühne ist da schon sehr stark. Nach fünfzehn Minuten habe ich gemerkt, dass die Menschen im Publikum da und dort weinten. Nach der Vorstellung war ich bei den Schauspielerinnen und Schauspielern hinter der Bühne – auch dort haben zwei Drittel geheult. Das habe ich noch nie so erlebt, das war sehr besonders. Maria Happel hatte die Idee, die Schauspieler im Ensemble zu fragen, ob sie Interesse hätten, dabei zu sein. Therese Affolter war eine der Ersten, die zusagte. So stehen nun jene auf der Bühne, denen es ein persönliches Anliegen ist, mitzuwirken.

Jahrzehntelang wurde um die Ereignisse in den letzten Kriegstagen in der Region geschwiegen. Warum? Bzw. warum wird nun darüber gesprochen?

Nach dem 8. Mai – dem offiziellen Ende des Krieges – wurde noch immer nebeneinander gelebt. Man wusste aber insgeheim, wer denunziert hat. Denunzianten und Mörder hätten allerdings schon in den Wochen davor wissen müssen, dass es vorbei ist und man dann wieder zusammenleben musste. Das Frappierende daran: Es war ihnen egal und das macht das Ganze so unheimlich, weil es nicht in einem Nachtmassaker stattfindet oder einem Moment, wo die Gewalt überhandnimmt, sondern auf Freiwilligkeit basiert. Das erklärt das lange Schweigen. Opfer wie Täter haben insgeheim beschlossen, dass man nur weiter zusammenleben kann, wenn man den Mantel des Schweigens darüber legt. Das hat sich über Generationen verfestigt. Vor 20 bis 30 Jahren wäre ein Buch wie das vielleicht wahnsinnig abgelehnt worden – jetzt ist in der Region enormes Interesse da. Ich erkläre mir das damit, dass in der dritten Generation beide Nachkommenseiten – also von Opfern und Tätern – wissen, dass das Schweigen ihnen nur Unglück gebracht hat und bringt, da vielfach die Gewalt weitergegeben wurde.

Während man durch Ihre Arbeit heute und morgen noch in Reichenau in ein Stück Geschichte eintauchen kann, vertiefen Sie sich in Archiven und arbeiten am nächsten Roman.

Ich bin mehr oder weniger am Fertigwerden. Es ist eine Jahrhundertgeschichte, die bis ins Jahr 1905 zurückreicht. Auch ein Protagonist aus „Die letzten Tage“ kommt vor. Einer der Hauptverbrecher, der SA-Führer Weninger, begegnet Bruno Kreisky im Gefängnis – da treffen sich die beiden Romane.

Die Szenische Lesung hatte am 12. Juli Premiere, weitere Termine sind der 17., 18. und 19. Juli.
Info: Martin Prinz 'Die letzten Tage' | Festspiele Reichenau

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